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Russland Der Kampfsportler mit dem Feuerlöscher

Nach dem Petersburger Terroranschlag nennen Medien einen jungen Kirgisen als mutmaßlichen Selbstmordattentäter. Aber es gibt auch andere Verdächtige.

Aftermath of a blast in St. Petersburg metro, Russian Federation - 04 Apr 2017
Gedenken am Eingang der Metrostation Technologitscheski Institut. Foto: MALTSEV/EPA/REX/Shutterstock (Rex Features)

Nur wenige Gewissheiten gibt es nach dem Anschlag von St. Petersburg. Die Zahl der Toten erhöhte sich am Dienstag auf 14, nach Angaben des Gesundheitsministeriums erlagen drei Menschen im Krankenhaus ihren Verletzungen. Über die Täter und ihre möglichen Komplizen aber kursierten verschiedene Versionen.

Nach Angaben des russischen Ermittlungskomitees besteht die Möglichkeit, dass ein Mann den Sprengsatz gezündet hat, dessen zerrissener Körper in dem zerstören U-Bahn-Waggon gefunden wurde. Seine Identität sei bekannt, werde aber aus Ermittlungsgründen noch geheim gehalten.

Laut der Zeitung „Kommersant“ handelt es sich um Akbarschon Dschalilow, 22, der aus Kirgistan stammt und Verbindungen zur Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) gehabt haben soll. Nach der Explosion sei nur sein Kopf übrig geblieben.

Das Nachrichtenportal „fontanka.ru“ berichtet, Dschalilow habe schon sechs Jahre in Petersburg gelebt und die russische Staatsbürgerschaft besessen. Laut der Zeitung „Moskowski Komsomoljez“ war er ein begeisterter Kampfsportler, der früher als Koch in einer Sushi-Bar arbeitete, aber vor drei Jahren verschwand – vielleicht in ein Ausbildungslager des IS.

Noch ist unklar, ob etwa Dschalilow sich selbst in die Luft gejagt hat, oder ob die Höllenmaschine in seinem Rucksack durch einen Telefonanruf in Gang gesetzt wurde. Der „Kommersant“ schreibt, die russischen Sicherheitsorgane hätten von den Terrorplänen gewusst. Und die zweite Bombe in der Metro-Station Ploschad Wostojanie sei nicht detoniert, weil die Polizeikräfte sofort nach der ersten Explosion eine ganze Liste verdächtiger Smartphones gesperrt habe.

Laut dem kirgisischen Staatssicherheitsdienst GKNP kämpfen in den Reihen des IS etwa 2000 Kirgisen. Aber die meisten Fachleute bezweifeln, eine kirgisische Landsmannschaft habe den Terrorakt organisiert.

„Es gibt offenbar auch in Russland inzwischen eine terroristische Internationale“, sagte der Mittelasienexperte Juri Solosobow der FR. „Es hilft nichts mehr, allein nach Schemata wie ,nordkaukasischer Terror‘ oder ‚Terror heimkehrender IS-Kämpfer‘ zu arbeiten. Inzwischen hat sich offenbar auch bei uns ein transnationales Terrornetzwerk ausgebreitet, das ähnlich funktioniert wie im Westen. Mit ideologischer Vorbereitung im Internet, schlafenden Zellen und parallelen Täterketten“, sagte er.

Das Leben der zentralasiatischen Gastarbeiter spiele sich in Russland zum Großteil in einem halbkriminellen Graubereich ab, viele lebten schon in der zweiten Generation in Russland und seien inzwischen bereit, „ihre Identität mit Gewalt zu demonstrieren“. Es gebe offenbar „Dispatcher des Terrors“, sie hätten diese Tat auch akribisch getimt: „Putin war in der Stadt, in seiner Heimatstadt, die Tat zielt auch auf seine Autorität als Führer. Er ist ja 1999 angetreten, um den tschetschenischen Terror zu beenden, und gilt seitdem als Garant der nationalen Sicherheit.“

Aber noch laufen die Ermittlungen. Unter Berufung auf eine Geheimdienstquelle berichtet die Agentur Rosbalt, in der vergangenen Woche hätten Führer diverser nordkaukasischer Islamistengruppen vor allem im türkischen Exil sehr heftig kommuniziert. Aber auch eine Täterschaft extremer russischer Nationalisten sei möglich. Die nicht explodierte Bombe an der Metrostation Ploschad Wostanija sei mit zähflüssigem TNT gefüllt gewesen. Diesen Sprengstoff verwende ein bisher nicht gefasster Bombenbastler mit Vorliebe, der der ultrarechten Petersburger Terrorgruppe „Nationalsozialistische Gemeinschaft“ angehöre. Diese wiederum habe gute Verbindungen zu ukrainischen Radikalen, die sich ebenfalls beteiligt haben könnten.

Dagegen berichtet die Wirtschaftsagentur RBK unter Berufung auf einen syrischen Militärexperten, der explodierte Sprengsatz, ein mit einer Salpeter-Mischung und Stahlkugeln gefüllter Feuerlöscher, gehöre zu den primitiven Standardbomben der IS-Terroristen sowie des Al-Kaida-Ablegers Al-Nusra.

Parallel zu den Ermittlungen aber ist eine heftige Debatte über die möglichen Hintermänner und Motive ausgebrochen. Kremlnahe Beobachter werteten den Anschlag vor allem als Akt äußerer Bedrohung. Sergei Gontscharow, Veteran der Antiterroreinheit „Alfa“, verwies gegenüber der Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ auf die militärischen Erfolge Russlands in Syrien: „Alle Feinde, die Islamisten und ihre Schirmherren, versuchen sich vereinigt an Russland zu rächen.“ Auch der sowjetnationalistische Politologe Sergei Kurginjan verkündete im Stadtfernsehen, der Anschlag in Petersburg sei Teil des Kalten Krieges, der gegen Russland geführt werde. Diesen könne das Land nur überleben, wenn es eine innere Spaltung vermeide.

Zahlreiche oppositionelle Stimmen dagegen verdächtigten die Staatsmacht selbst. „Ich habe keinerlei Zweifel, dass der russische Geheimdienst dahintersteckt“, sagte der liberale Politiker Konstantin Borowoi Radio Swoboda. Nach dem Antikorruptionsprotesten vom 26. Mai habe der Kreml beschlossen, der Gesellschaft Angst einzujagen.

„Es ist schon schmerzhaft, wie pünktlich dieser Terrorakt kam, um die wachsenden Proteste im Land zu kappen“, bloggt der Sozialpsychologe Alexei Roschtschin. Die Kremlkritiker befürchten, Putin werde den Anschlag als Anlass nutzen, um weitere Freiheiten einzuschränken. Und der Finanzmanager Slawa Rabinowitsch fordert die Russen auf zu protestieren. „Es ist Zeit, auf die Straße zu gehen, sonst wird Putin uns weiter in die Luft jagen.“

Gemäßigtere Beobachter sagen allerdings, schon allein der Ermittlungsstand verbiete es, irgendwelche Schuldigen auszurufen. „Wir wissen nicht, wer die Verantwortung für den Anschlag übernimmt, wir wissen auch nicht, wie die Staatsmacht reagieren wird“, sagt der Petersburger Politologe Dmitri Trawin. „Das Einzige, was bisher geschieht, ist, dass heute reihenweise U-Bahn-Stationen geschlossen worden sind.“

In der Nacht auf Dienstag aber wurden in Astrachan zwei Verkehrspolizisten erschossen, nach Angaben des Gouverneurs handelte es sich bei den flüchtigen Tätern um wachabitische Extremisten. Der islamistische Terror scheint wieder ganz Russland zu bedrohen.

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