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Nizza Muslime distanzieren sich vom Terror

Die rasante Reaktion der islamischen Community auf den Anschlag in Nizza zeigt, wie hoch der Distanzierungsdruck ist, dem sie angesichts des islamistischen Terrors ausgesetzt ist.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek. Foto: imago/ZUMA Press

Demonstrativ schnell haben sie wieder ihr Entsetzen formuliert, die Muslime in Frankreich und anderen Ländern. Zu einem Zeitpunkt sogar, zu dem noch gar nicht klar ist, ob der Attentäter von Nizza überhaupt Verbindungen zu islamistischem Extremismus hatte.

In Deutschland etwa sprach der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, von hinterhältigen Morden und beteuerte: „Die Werte der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die Werte der französischen Revolution sind unsere Werte.“ Der Zentralrat rief alle seine Moscheen auf, im Freitagsgebet für die Toten, Verletzten und ihre Angehörigen zu beten. Mazyek weiter auf Facebook: „Die allermeisten Muslime stehen und setzen sich für Toleranz, Frieden und Zusammenhalt ein.“ Der Vorsitzende des Islamrats, Burhan Kesici, nannte das Attentat „menschenverachtend. Der Terror trifft die ganze Menschheit“.

Die rasanten Reaktionen zeigen, wie hoch der Distanzierungsdruck ist, dem die muslimischen Communities angesichts des weltweiten islamistischen Terrors ausgesetzt sind. Dieser Druck verbittert viele Muslime nachhaltig, denn schließlich fühlen sie sich auch selbst bedroht: Nicht wenige verlieren ihre Kinder an den Extremismus oder werden selbst Opfer des Terrors. Mazyeks Formulierung, die „allermeisten“ Muslime seien auf dem richtigen Weg, trifft einen schmerzlichen Punkt: Diese große, gemäßigte Mehrheit steht im innerislamischen Kampf um die Deutungshoheit über den Koran unter Druck, sich deutlich abzugrenzen von extremistischen Lesarten der eigenen Tradition.

„Archaische Hass-Ideologie“

Die Auseinandersetzung der Communities mit dem islamistischen Extremismus wird längst mit aller Kraft gesucht. In Deutschland etwa haben sich schon 2014 die wichtigsten Lehrstuhlinhaber für islamische Theologie vom Terror des „Islamischen Staates“ (IS) distanziert und ihm vorgeworfen, er pervertiere den Islam „zu einer archaischen Ideologie des Hasses und der Gewalt“. Die Wissenschaftler weisen aber auch darauf hin, dass die „desolaten soziopolitischen Umstände“ in vielen Staaten einen guten Nährboden abgeben für gewaltzentrierte Religionsauffassungen – eine Arbeitshypothese, die wahrscheinlich auch beim Blick in die Lebensverhältnisse in französischen Banlieues einige Bestätigung finden könnte.

International sind die Verurteilungen des IS-Terrors von muslimischer Seite inzwischen Legion. Als bedeutendste Distanzierung gilt ein Offener Brief von mehr als 120 islamischen Gelehrten aus aller Welt an IS-Führer Al-Baghdadi im Jahr 2014. Das Schreiben enthält eine differenzierte, islamisch-theologische Zurückweisung des IS-Konzepts von Dschihad und Kalifat und verurteilt die Gewalt der Terroristen. Es will in erster Linie muslimische Gläubige ansprechen und aufklären. Aber auch die Organisation für Islamische Zusammenarbeit, führende Gelehrte aus Ägypten, Saudi-Arabien und Indonesien, ein Zusammenschluss von 100 britischen Imamen und andere mehr haben die IS-Praktiken als unislamische Verbrechen gebrandmarkt.

Das alles sind eindeutige Positionierungen. Die Unterstützung, die sie bräuchten, wird ihnen im oft (rechts-)populistisch aufgeheizten politischen Streit allerdings oft verwehrt.

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