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Islamisten Transnationaler Terror

Islamisten agieren grenzübergreifend und sind bestens vernetzt. Können die Sicherheitsbehörden mithalten?

Straßburg
Patrouille auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt. Foto: afp

Am Donnerstagabend ging dann doch alles sehr schnell. Nach dem Hinweis einer Frau erspähten drei Polizisten im Straßburger Ortsteil Neudorf einen Mann, auf den die Beschreibung des flüchtigen Terrorverdächtigen passte. Als sich die Polizisten zu erkennen gaben, drehte Chérif Chekatt sich um und eröffnete das Feuer. Nur: Der französische Staatsbürger mit nordafrikanischen Wurzeln traf nicht. Stattdessen trafen die Polizisten ihn – und zwar tödlich.

Zwei Tage nach Chekatts Anschlag in der Straßburger Innenstadt mit inzwischen vier Toten und mehreren Verletzten war der Spuk endlich vorbei. Der französische Präsident Emmanuel Macron bedankte sich bei den Sicherheitskräften. Das wiederum ändert nichts daran, dass sich nach dem Anschlag in Frankreich Fragen stellen – so wie sich vor zwei Jahren in Deutschland Fragen stellten, nämlich nach dem Anschlag am 19. Dezember 2016 auf dem Berliner Breitscheidplatz, bei dem zwölf Menschen starben und bei dem der Täter Anis Amri ebenso auf der Flucht erschossen wurde wie jetzt Chekatt. Der Anschlag jährt sich in der kommenden Woche zum zweiten Mal. Zwischen vielen Detailfragen schält sich mal wieder eine Kernfrage heraus. Sie lautet: Sind beide Länder, ist Europa insgesamt gegen den islamistischen Terror eigentlich ausreichend gewappnet?

Der Fall Chekatt ist mit dessen Tod keineswegs abgeschlossen. Denn nach etwaigen Komplizen wird weiterhin gesucht. Am Freitag befanden sich sieben Menschen in Gewahrsam. Bei vier von ihnen handelte es sich um Familienangehörige des 29-Jährigen, bei den drei anderen um der Familie nahestehende Personen. Zwei von ihnen seien in der Nacht zum Freitag festgenommen worden, hieß es.

Zugleich bleiben die Parallelen zum Fall Amri verblüffend. Beide Attentäter hatten eine beachtliche kriminelle Karriere. Der Franzose wurde 27-mal strafrechtlich verurteilt, zum ersten Mal im Alter von 13 Jahren. Auch Anis Amri hatte ein langes Strafregister. Beide entwickelten sich erst spät zu Islamisten. Und beide schlugen auf Weihnachtsmärkten zu – bevor sie bei dem Versuch, zu entkommen, durch Schüsse von Polizisten starben.

Offen ist, ob Chekatt Verbindungen nach Deutschland hatte. Dass es solche Verbindungen geben könnte, legt ein von der Polizei registrierter Anruf aus Deutschland unmittelbar vor der Tat nahe. Gleiches gilt für Chekatts Haft in Deutschland, die er von 2016 bis 2017 nach zwei Einbrüchen verbüßte. Der Terrorismusexperte Guido Steinberg sagt, die islamistische Szene tausche sich grenzüberschreitend aus.

Grenzüberschreitend war auch Amri unterwegs, der je mehr bekannt wird desto weniger als Einzeltäter gelten kann. Am Donnerstag war ein Schreiben der Bundesanwaltschaft an das Bundesjustizministerium publik geworden, aus dem hervorgeht, dass der Tunesier im Sommer vor dem Breitscheidplatz-Attentat einen Sprengstoffanschlag plante – gemeinsam mit dem französischen Islamisten Clément Baur, der im Nachbarland einsitzt. Baur war im Juli 2015 als Asylbewerber mit einer falschen Identität nach Deutschland gekommen.

Der Einzeltäterthese wird zudem in einem 173 Seiten langen Bericht des Polizeipräsidiums im italienischen Brindisi vehement widersprochen, der der deutschen Justiz im Rahmen eines Rechtshilfeersuchens in deutscher Übersetzung zur Verfügung gestellt wurde. Darin heißt es mit Blick auf die inzwischen geschlossene Fussilet-Moschee in Berlin-Moabit, in der Amri und andere Islamisten ein- und ausgingen, wörtlich: „Es ist davon auszugehen, dass hier eine einzige terroristische Zelle religiöser beziehungsweise salafistischer Prägung vorliegt, der zweifelsohne alle eingangs bezeichneten Personen sowie der verstorbene Amri angehör(t)en.“ Weiter heißt es: „An dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016 war nicht nur Anis Amri beteiligt, sondern auch andere Gesinnungsbrüder.“ Damit sind vor allem Nkanga Lutumba und Soufiane Amri gemeint, die vor der Tat Fotos in der Nähe des Tatortes machten und sich derzeit vor dem Berliner Kammergericht verantworten müssen – allerdings nicht wegen des Breitscheidplatz-Attentats, sondern weil sie versucht haben sollen, über Italien nach Syrien auszureisen.

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