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Islamismus "Seine Gefühlswelt war diffus"

Was passiert wenn sich junge Männer und Frauen radikalisieren und nach Syrien reisen wollen oder schon dort sind? Murat Dikmen* (Name geändert) vom Violence Prevention Network (VPN) in Hessen schildert, wie er und sein Team vorgehen.

21.08.2015 14:36
Timur Tinç
Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD, 4.v.l) nimmt in Berlin an der Eröffnung der Beratungsstelle Bahira teil. Foto: dpa

Wenn wir erfahren, dass ein Jugendlicher mit dem Gedanken spielt nach Syrien zu gehen oder dahin aufgebrochen ist, kontaktieren wir innerhalb von 24 Stunden die Familie. Das machen wir immer zu zweit. In einem konkreten Fall, um den es hier geht, war der Zugang zu der Familie einfach, weil wir türkisch sprechen und Muslime sind. Wir haben so das Vertrauen der Angehörigen sehr schnell gewinnen können, sind schnell zur Familie gefahren und haben die Bestätigung bekommen, dass ihr Sohn nach Syrien ausgereist ist.

Sie haben uns die Sprachnachricht und die Whats-App-Texte gezeigt. Die Familie war völlig aufgelöst. Wir haben sie versucht zu stabilisieren. Wenige Tage später bekam der Vater einen Hilferuf seines Sohnes. Der Vater ist in die Türkei geflogen und hat seinen Sohn gesucht. Der Junge steckte in einem Dilemma: In Syrien war ihm erzählt worden, dass ihm in Deutschland strafrechtliche Konsequenzen drohen, wenn er zurückgeht, dass er keine Perspektive hat. Er ist trotzdem aus Syrien nach Gaziantep geflohen, wo ihn sein Vater gefunden hat. Die Mutter ist in die Türkei nachgereist. Die Familie war unsicher und hat sich gefragt: Wie sollen wir handeln? Da war ein richtiges Ohnmachtsgefühl zu spüren. Die Familie wollte in der Türkei bleiben. Sie waren bereit, hier alles stehen und liegen zu lassen.

Wir haben der Familie klar gemacht, dass ihr Sohn, auch wenn er jetzt aus Syrien raus ist, immer noch die gefährlichen Denkmuster im Kopf hat. Wir mussten mit ihm darüber reden, sonst wäre er nach ein paar Wochen vielleicht wieder nach Syrien abgehauen. Wir haben mit der Familie fast täglich telefoniert und deutlich gemacht, dass er sich der Verantwortung stellen muss. Das war gar nicht so einfach, da in seiner Großfamilie viele mitgeredet haben. Wir haben gesagt: Wenn er bereit ist, freiwillig mit uns zu reden, dann kümmern wir uns darum, dass er nicht ins Gefängnis kommt. So haben wir die Familie überzeugen können.

Konzept beruht auf Freiwilligkeit

Dann begann für uns der nächste Schritt: Wie holen wir ihn jetzt zurück? Wir haben Kontakt mit unserem Netzwerk aufgenommen und alle an einem Strang gezogen. Wir haben unser Netzwerk überzeugen können, dass wir optimistisch sind ihn zu deradikalisieren. Wir haben deutlich gemacht, dass sich Menschen ändern können und der Junge bereits seinen Fehler eingestanden hat. Wir haben versichert, dass wir als Violence Prevention Network (VPN) zur Stelle sind. Wenn ein Betroffener bereit ist mit uns zu reden – unser Konzept beruht auf Freiwilligkeit – fangen wir an, mit ihm zu arbeiten. Das Ermittlungsverfahren lief natürlich weiter.

Gleich am Folgetag nach seiner Rückkehr ist der Junge mit seiner Familie zu uns gekommen. Wir haben ihn als erstes mit einem Salam Alaykum – Friede sei mit dir – begrüßt und ihn umarmt. Das war sehr wichtig. Das Salam Alaykum war das Signal: Von mir kommt kein Schaden. Die Umarmung hat lange gedauert, sie tat ihm gut. Das habe ich gespürt. Wir haben zunächst mit den Eltern gesprochen. Ihn haben wir nur gefragt, wie es ihm geht. Uns ist bei allen Fällen die pädagogische Warte wichtig, der Bruch mit der Vergangenheit, weil das bestimmte Dinge auslösen kann. Wir haben ihm dann unsere Hilfe angeboten, haben gesagt: Wir sind praktizierende Muslime, wir arbeiten viel mit muslimischen Brüdern und Schwestern zusammen. Wenn du willst, werden wir dich gerne begleiten. Er war sehr schüchtern, zurückhaltend, hat unser Angebot aber angenommen. Das war ein guter Zugang für uns.

Anfangs trafen wir uns einmal die Woche. Er konnte sich entscheiden, wo wir reden. Das war mal im Restaurant beim Döner essen, mal beim Tee trinken. Die Normalität war dabei ganz entscheidend. Wir waren nicht in abgeschotteten Räumen, sondern da, wo viele Leute sind, so, als würde er sich mit Freunden treffen. Er war anfangs misstrauisch, still und wortkarg. Hier war es wichtig, nicht diese methodische Verbissenheit an den Tag zu legen. Das muss man zwar alles im Hinterkopf haben, die Beziehungsebene ist jedoch viel wichtiger. Das Situative, das Intuitive, sich also nach den Bedürfnissen des Betroffenen zu orientieren. Wir haben ihm diese Entscheidungsfreiheit gegeben. Warum? Weil er zuvor nie für sich entschieden hat. Er war, wie die meisten, nur ein Mitläufer.

Seine Gefühlswelt war diffus, er hatte keinen Anker. Wenn ein Freund gesagt hatte, lass uns zusammen zu den Koranverteil-Aktionen von „Lies“ oder zu Unterrichten von bestimmten Predigern gehen, war er früher mitgegangen. Über seine Erlebnisse in Syrien haben wir nicht gesprochen, weil wir kein Zeugnisverweigerungsrecht haben. Wenn wir feststellen, dass jemand stark traumatisiert ist, ziehen wir auch einen Psychotherapeuten hinzu. Das war in diesem Fall aber nicht nötig.

Der Jugendliche hatte zunächst religiöse, theologische Bedürfnisse. Er hat viele Fragen gestellt: Sind Islam und Demokratie kompatibel? Ist Demokratie nicht haram? Dürfen wir überhaupt wählen? Darf ich als gläubiger Muslim in einem „Kuffar-Land“ überhaupt leben? Müssen wir nicht Hidschra (Auswandern) machen? Wir müssen doch Dschihad machen? Das sind die Begriffe, die in der Szene verwendet worden sind.

Wir haben zusammen Bücher gelesen – hauptsächlich den Koran – und sind Verse durchgegangen. Wir haben gezeigt, wie die meisten Gelehrten sie verstehen. Es gibt einen historischen Kontext, Offenbarungsanlässe und vieles mehr. Wir sind mit ihm richtig in die Tiefe gegangen. Er hat gesehen, dass es komplexer ist, als er gedacht hat. Bei diesen Gesprächen ist er aufgetaut.

Ich habe ihm klar gemacht, dass jede Übersetzung des Korans – und er hat ihn nur auf Deutsch gelesen – eine Interpretation ist. Bei bestimmten Versen muss man in die Kommentierung reinsehen. Dadurch haben wir ihn verunsichert, verwirrt. Und dann setzt ein Reflexionsprozess ein. Wir urteilen nie, wir überzeugen nicht. Ich bin nicht sein Mentor, sondern nehme ihn an die Hand und sage: Ich habe mich damit lange beschäftigt, lass es uns gemeinsam anschauen. Da die meisten auf Gehorsam getrimmt sind, habe ich gesagt: Sei offen, kritisier mich, damit wir weiter kommunizieren können. Ich will keinen Ja-Sager. Denn wenn er mich kritisieren kann, kann er auch andere kritisieren. Er war mit den Antworten zufrieden, er hat angefangen nachzudenken und hat die Alternativen angenommen.

Nachdem er nicht mehr so viele Fragen hatte, haben wir mit ihm über seine Perspektiven gesprochen, damit er sich wieder in die Gesellschaft integriert. Er war schließlich die ganze Zeit zu Hause. Und er wollte wieder zurück in seine alte Schule. Dank unseres Netzwerks ist uns das gelungen. Wir haben es geschafft, ihn so zu motivieren, dass er gute Noten geschrieben, seinen Abschluss gemacht und eine Ausbildung erhalten hat. Vor ein paar Wochen haben wir das gefeiert.

Es gibt natürlich ein Rückfallrisiko. Das hält uns wach. Nicht nur der Zugang, sondern auch die Kontaktpflege ist wichtig. Der Junge hat sich so stabilisiert, dass er sich von der Szene entfernt hat. Die hat versucht, ihn wieder reinzuholen. Der wichtigste Indikator für uns war, dass er uns angerufen und uns davon erzählt hat. Das zeigte: Er vertraut uns. Jetzt will er heiraten und fragt uns nach unserem Rat. Das ist schön.

Bestimmte Denkmuster und Fragen sind aber immer noch da. Er war ja in einem sozialen Netzwerk drin. Da reicht es nicht, die ganze Zeit mit ihm zu sprechen, da muss man ihm ein alternatives Netzwerk anbieten. Das ganze ist ein Prozess. Wenn er ein, zwei Jahre in der radikalen Szene drin war, dann muss man ihn mindestens ein, zwei Jahre begleiten.

Es läuft aber nicht immer so gut. Beim Fall von einem jungen Mädchen haben wir die Familie eingeladen, die auch sofort mit ihrer Tochter gekommen ist. Die Mutter hat uns erzählt, dass die Tochter sich verändert, abgeschottet hat. Sie hat sich plötzlich ein Zelt und eine Stirnlampe bestellt. Das sind die typischen Signale. Die meisten, die ausreisen wollen, besorgen sich eine Campingausrüstung. Im Internet gibt es Handbücher von den entsprechenden Seiten, was man zur Ausreise braucht, wie man sich verhalten soll, wenn man drauf angesprochen wird. Das ist sehr systematisch. Es gibt Videos, Zeitschriften, die alle auf Deutsch sind. Da läuft ein eigener Diskurs, das ist eine Parallelwelt.

Wir haben gezielt bei der Tochter nachgefragt, ob sie sich in Widersprüche verwickelt oder ein klares Drehbuch hat. Sie war sehr intelligent, wir hatten aber die Vermutung, dass ihre Antworten nicht von ihr sind. Im zweiten Schritt haben wir nachgefragt, was sie liest. Die Mutter hatte die Bücher mitgebracht.

Für eine junge Frau, die theologisch und intellektuell noch nicht so gut bewandert ist, war das schwere Kost. Bücher, die in der Szene bekannt sind und sich mit den Themen Auswanderung, Dschihad, Götzenanbetung beschäftigen. Sie hat vorher nie andere Bücher gelesen und kannte sich mit den Autoren nicht aus. Wir haben auch durch ihr Verhalten gemerkt, dass sie sehr gut geschult ist. Sie wusste auf alles eine Antwort. Dann haben wir den Eltern unsere Einschätzung mitgeteilt, dass sie tief drin ist. Die Eltern wollten es zunächst nicht wahrhaben. Wir konnten sie aber überzeugen, es nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Es war unser erster Fall mit einem Mädchen. Wenn wir eine Kollegin dabei gehabt hätten, wäre es vielleicht anders gewesen. Das weiß ich nicht. Jedenfalls wollte das Mädchen nicht mit uns reden. Wir haben einen Kompromiss gefunden und die Eltern immer dabei gehabt. Es war aber keine gute Situation. Wir haben versucht die Mutter zu stärken: Mach keinen Druck, zeig Verständnis. Es hat nicht gefruchtet, weil das Mädchen intellektuell und vor allem emotional so stark in der Szene drin war. Sie hat den Kontakt mit uns abgebrochen.

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