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Islamischer Staat Lautes Schweigen

Warum schloss sich die 16-jährige Linda W. dem „Islamischen Staat“ an? Eine Spurensuche im sächsischen Pulsnitz, dem Heimatort der Schülerin.

Pulsnitz
Der Marktplatz in Pulsnitz, viel los ist nicht in dem Ort in Sachsen. Foto: dpa

Auf die Frage, ob sie etwas zu Linda W. sagen wolle, lässt die Bedienung in Kirsten’s Konditorei erstmal ein langes Schweigen folgen. Man sei nicht der erste, der Auskunft wolle, antwortet die freundliche Frau.

Und überhaupt – es sei doch schon alles gesagt und geschrieben worden. Sie stellt dann den Cappuccino auf den Tisch, daneben das Plundergebäck, und bündelt ihre Gedanken, bereits wieder hinterm Tresen stehend, in einem viel mütterliche Wärme ausstrahlenden Satz: „Ich hoffe, dass die Familie irgendwie die Kurve kriegt.“

Auf den vorsichtig formulierten Einwand, dass dem Vernehmen nach nicht alle im Ort so milde dächten, erwidert die Frau: „Das Mädchen war 15 ...“ Ein unreifer Teenager also und darum noch nicht zurechnungsfähig. Und dann schweigt die Bedienung wieder.

Das Mädchen, um das es geht, trägt den Vornamen Linda. Der Nachname wird in den Medien mit dem Initial W. abgekürzt – zu ihrem Schutz und dem ihrer Angehörigen. Linda W. ist nämlich 2016 als 15-Jährige verschwunden. In Zeitungen stand zu lesen, am 1. Juli des vorigen Jahres habe sie zu Hause mitgeteilt, das Wochenende bei einer Freundin verbringen zu wollen. Linda W. kommt aber zum vereinbarten Zeitpunkt nicht wieder. Die mit einem neuen Mann liierte Mutter ruft besorgt den leiblichen Vater an, der im sächsischen Großenhain lebt. Doch beim Vater, einem Straßenarbeiter, ist Linda W. ebenfalls nicht.

Schließlich entdeckt die Familie, dass die Tochter Flugtickets gebucht hat – von Dresden nach Frankfurt am Main, von Frankfurt am Main nach Istanbul. Auch ein Gebetsteppich taucht auf und ein zweiter, bis dahin verborgener Facebook-Account mit arabischen Kontakten.

Radikalisierung statt harmloser Sinnsuche

Plötzlich herrscht so etwas wie Gewissheit darüber, dass Linda W. – das unauffällig eifrige Mädchen mit den guten Schulnoten – sich im Hoheitsgebiet des selbst ernannten „Islamischen Staates“ in Syrien oder dem Irak aufhält. Die Tatsache, dass sie irgendwann bloß noch arabische Musik hörte, sich für den Koran interessierte, ein Kopftuch tragen wollte und während des Ramadan fastete, muss ganz anders gedeutet werden als vorher: nicht als Indiz harmlos pubertärer Sinnsuche, sondern als Zeichen einer für sie und andere gefährlichen Radikalisierung. Linda W. hat es gleichsam erwischt. Sie wurde von den Islamisten zum Heiligen Krieg verführt – als eines von rund 20 minderjährigen Mädchen in Deutschland bei vermutlich 930 Ausreisenden insgesamt. Ein Ereignis, das ihr Dasein so oder so dauerhaft prägen dürfte.

In der vorigen Woche ist die mittlerweile 16-Jährige, die einen tschetschenischen Kämpfer geheiratet haben soll, in den Trümmern der vom „IS“ befreiten nordirakischen Stadt Mossul aufgetaucht. Mit weiteren Deutschen wurde sie in einem Tunnelsystem entdeckt. Teil der Gruppe soll ein Kind gewesen sein. Daraus ergibt sich wiederum die zumindest theoretische Möglichkeit, dass das sächsische Mädchen Linda W. aus dem Spezialgefängnis nahe Bagdad, in dem es sich derzeit befindet, heimkehrt – hier nach Pulsnitz, eine halbe Zugstunde von Dresden entfernt, in den Ort mit Kirsten’s Konditorei. Vom Krieg in den Frieden. Reportern des des Recherchenetzwerks von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ sagte Linda W.: „Ich will nach Hause zu meiner Familie. Ich will nur noch weg. Ich will weg aus dem Krieg, weg von den vielen Waffen, dem Lärm.“ Das Gefängnis liegt praktischerweise in unmittelbarer Nähe des Flughafens. In dem 7500-Seelen-Ort regt diese Perspektive die Fantasie ebenso an wie vor einem Jahr das Verschwinden. Dazu kommt gelegentlicher Unwille.

Die aus dem niedersächsischen Hildesheim stammende Bürgermeisterin Barbara Lüke sagt an ihrem Urlaubsort ins Telefon, dass die Familie einst zugezogen sei und sie selbst sie gar nicht kenne. „Ich neige nicht zum Voyeurismus.“ Als Linda W. verschwunden sei, habe man die Angehörigen jedoch „vollumfänglich“ betreut. Und ab sofort müsse man abwarten. Natürlich werde das Mädchen sein deutsches Leben nicht einfach da fortsetzen können, wo es dieses Leben abgebrochen habe. Zunächst sei die Diplomatie am Zuge. Der Bundesnachrichtendienst, so heißt es, bemühe sich um ihre Auslieferung nach Deutschland. Überdies stehe ein Straftatbestand im Raum. Und dann – vielleicht, vielleicht – könnte eine Heimkehr unter Umständen in Betracht kommen. „Bis dahin ist es ein langer Weg“, betont die Bürgermeisterin, die selbst eine Tochter hat, Jura studierte und mit einer Rückkehr nicht wirklich zu rechnen scheint. Mit Blick auf Pulsnitz und die mediale Aufmerksamkeit für den Ort fügt sie hinzu: „Jeder sucht irgendwas. Aber was sollte da gefunden werden?“

Das stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht. Denn wer in Pulsnitz unterwegs ist, der kommt sich zuweilen vor wie ein Tatort-Kommissar. Er trifft auf Menschen, deren Schweigen manchmal so laut ist, dass es vor allem ihr Wissen zu offenbaren scheint. Alles wirkt wie ein großes Geheimnis, obwohl es das eigentlich nicht sein müsste. Ein paar Meter hinter Kirsten’s Konditorei läuft auf der anderen Straßenseite die 18-Jährige, die mit Linda W. auf die Ernst-Rietschel-Oberschule gegangen ist – zwei Stufen über ihr. Ja, sie habe Linda ein paar Mal gesehen, sagt die zierliche Frau, die mittlerweile eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert und ihren Namen nicht nennen möchte. Allerdings sei sie „relativ unscheinbar“ gewesen. Rein äußerlich habe man die Wandlung zum Islam gar nicht erkennen können. Eine Rückkehr nach Pulsnitz würden gewiss einige skeptisch sehen, glaubt die Frau. Doch sie persönlich fände das schön. Und: „Wenn alle an einem Strang ziehen.“

Genau das indes ist nicht gesichert. Es gibt, wie man hört, einerseits Vorbehalte, was genau das Mädchen denn in Syrien und im Irak gemacht habe und ob künftig in der Heimat eine Gefahr von ihr ausgehen könne. Ausgeschlossen ist dies nicht. In Hannover zum Beispiel hat ein ebenfalls junges Mädchen namens Safia S. einem Bundespolizisten vor Monaten in den Hals gestochen. In Essen verübten Minderjährige einen Anschlag auf einen Tempel der Religionsgemeinschaft der Sikhs. Im „IS“-Gebiet begingen Minderjährige Selbstmordanschläge, manche mit Kindern auf dem Arm. Andererseits glauben augenscheinlich nicht wenige in Pulsnitz, dass Justiz und Sicherheitsbehörden Linda W. sowieso gewähren lassen würden, auf sie mithin ohnehin kein Verlass sei. Angesichts dieses Mangels an Vertrauen in den demokratischen Rechtstaat sagt die Bürgermeisterin: „Da stehe ich kopfschüttelnd davor.“

Eine Antwort, wie es junge Menschen von Pulsnitz nach Mossul verschlägt, hat niemand – außer der diffusen Vermutung jugendlicher Orientierung.

Nicht alle sind bereit, zu reden

In Schusters Geschenke-Eck steht Anneruth Schuster. „Das sind ja keine Pulsnitzer“, sagt sie. „Das sind Fremde für uns.“ Über die Familie weiß Frau Schuster nicht viel, dafür aber etwas mehr darüber, was die Pulsnitzer so denken. „Die einen sagen, der gehört der Hintern versohlt.“ Gemeint ist das Mädchen im Spezialgefängnis von Bagdad. „Den anderen tut die Familie leid.“ Ansonsten sei in Pulsnitz nicht viel los. Da gebe es Gott sei Dank die beiden Kliniken am Ort. Und Auswärtige fänden den Ort durchaus schön. Doch von innen heraus gesehen habe „vieles nachgelassen. Die Städte sind ja fast alle tot.“ Zwar hält Pulsnitz zahlreiche hübsche Altbauten bereit. Der Markt mit der angrenzenden Kirche ist nett anzuschauen. Man trifft nur wenig lebendige Menschen. Vielmehr fällt bald hinterm Bahnhof der Handel mit den Grabmalen ins Auge – und der örtliche Pflegedienst.

Und nicht alle sind bereit, zu reden. Ein Anwohner ruft aus dem Fenster, man möge doch im Auswärtige Amt anrufen, wenn man etwas wissen wolle. Ein anderer weigert sich demonstrativ, den Weg zu jener Straße zu weisen, in der Linda W. gewohnt hat und die den schlichten Namen Grüne Straße trägt. Die Straße mit dem Kopfsteinpflaster ist vielleicht fünfhundert Meter lang, besteht aus sieben Wohnhäusern und etwas Gewerbe. Dazwischen viel Luft. Ein Plakat weist aus, dass die Europäische Union den Abriss des einstigen VEB Herrenmoden und die anschließende Renaturierung des Geländes finanziell fördert.

Wer die menschenleere Grüne Straße stadtauswärts entlang läuft, dann links- und an der zweiten Querstraße wieder rechts abbiegt, steht nach fünf Minuten an der Ernst-Rietschel-Oberschule, einem vierstöckigen rechteckigen Gebäude, gelb-weiß gestrichen, in dessen Hof sich ein kräftiger Mann zu schaffen macht, der aussieht wie der Hausmeister. Man möge sich bitte ans Landratsamt wenden, sagt er – und lässt sich nach einigen Augenblicken dann trotzdem ein paar Eindrücke entlocken. „Andere fallen auf“, sagt der Mann, der zwischendurch immer wieder zu Boden blickt. Das soll bedeuten: andere Schülerinnen als Linda W. Es folgt eine Pause. „Aber sie hat sich auch nicht abgekapselt.“ Wieder Pause. „Sie hatte Freundinnen.“ Ob Linda W. ein weiteres Mal an diese Schule gehen könne. Schweigen. „Das wird die Zeit bringen.“ Erneut Schweigen, das Zweifel nährt. Nein, und mehr sagt der mutmaßliche Hausmeister wirklich nicht.

Die Geschichte ist jedenfalls noch nicht zu Ende

Wie es weiter geht, ist ungewiss. Von Linda W.s Familie wird berichtet, sie sei gar nicht mehr in Pulsnitz, sondern in Berlin. Andere wollen wissen, die Familie sei längst unterwegs nach Bagdad. Die Sozialarbeiter, die sich im Auftrag der Bundesregierung um die Familie kümmern – schweigen. Der Bundesnachrichtendienst – schweigt. Lindas Schwester Miriam, die sie auf den Fotos aus Mossul identifiziert hat, irgendwo in Sachsen lebt und wartet – schweigt. Lediglich der leibliche Vater hat der Bild-Zeitung ein Interview gegeben und wird dort mit den Worten zitiert: „Ich werde immer für sie da sein.“

Die Geschichte ist jedenfalls noch nicht zu Ende. Und für Linda W. hat das Leben, wenn man es recht sieht, ja gerade erst begonnen. Vielleicht gibt das Straßenschild, das unweit des Elternhauses in Pulsnitz seinen stummen Dienst verrichtet, Aufschluss über ihre Zukunft. Darauf prangt in schwarzer Schrift auf gelbem Grund: „alle Richtungen“.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Islamischer Staat

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