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Islamischer Staat Eine Schwester, die viele Brüder aufwiegt

Im Frankfurter IS-Terrorprozess gegen den Syrien-Heimkehrer Kreshnik B. sagt seine resolute Retterin aus. Es geht vor allem um die Frage, wer B. zur Umkehr bewegt hat.

Der mutmaßliche Dschihadist Kreshnik B.. Foto: dpa

Es kommt nicht gerade häufig vor, dass ein Richter am Ende persönliche Worte an eine Zeugin richtet. Aber an diesem Freitag ist es dem Vorsitzenden am Frankfurter Oberlandesgericht ein spürbares Bedürfnis, der Schwester des Angeklagten noch einmal seinen Respekt zu bekunden. „Wir finden das sehr gut, wie Ihre Familie sich verhalten hat“, lobt der Richter. Mit ihren Bemühungen, ihren Bruder zur Rückkehr aus Syrien zu überzeugen, habe die Zeugin ihm „möglicherweise das Leben gerettet“.

Es ist der fünfte Verhandlungstag im Strafprozess gegen Kreshnik B. Dem 20-Jährigen wird vorgeworfen, sich in Syrien der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) angeschlossen zu haben. Es ist das erste Mal, dass ein Syrien-Heimkehrer in Deutschland vor Gericht steht. Die Aussage der 22-jährigen Schwester von B. ist für das Gericht besonders wichtig: Sie war es, die dem Möchtegern-Dschihadisten über Skype ins Gewissen geredet und ihn immer wieder aufgefordert hat, endlich zur Besinnung zu kommen, die Kalaschnikow an den Nagel zu hängen und zu seiner Familie zurückzukehren. Sie war es, die während seiner Zeit in Syrien Kontakt zu ihm hatte.

Vor allem will das Gericht wissen, ob B. wirklich aus eigenem Entschluss nach Deutschland zurückgekehrt ist oder ob ihn jemand dazu überredet oder gar gezwungen hat. B. selbst hatte in seiner Einlassung ausgesagt, er sei nach Syrien gegangen, um seinen unterdrückten Geschwistern im Glauben zu helfen und die Truppen von Machthaber Baschar al-Assad zu bekämpfen. Doch vor Ort hätten sich die islamistischen Milizen auch untereinander bekriegt. Damit habe er nicht gerechnet und darin habe er keinen Sinn gesehen. Auch wenn es im Grunde weiterhin sein Wunsch sei, als „Märtyrer“ zu sterben, wolle er der Gewalt abschwören und nach einer möglichen Haftstrafe ein normales Leben führen. Seine Schwester könnte die Geschichte des bekehrten, enttäuschten Dschihadisten stützen.

Und die Schwester erzählt. Bei einem Skype-Telefonat im Dezember vergangenen Jahres habe ihr Bruder sie plötzlich aus heiterem Himmel gefragt, ob sie in die Türkei kommen könne, sagt sie. Er wolle nach Hause. „Das war für mich ein Schock, als er sagte, er wolle zurück“, sagt die 22-Jährige. „Das war für mich unerwartet.“ Sie habe nicht gewusst, ob ein besonderer Vorfall ihren Bruder plötzlich umgestimmt habe, schließlich habe er vorher nie etwas von Rückkehr hören wollen. Es habe sie aber im Grunde auch nicht weiter interessiert: „Ich habe direkt seine Rückreise geplant in meinem Kopf.“

Schließlich, sagt die Zeugin, sei sie gemeinsam mit einem Cousin in die Türkei geflogen, B. selbst sei von einem Onkel aus Syrien dorthin gebracht worden. Ihren Eltern habe sie die Reise in die Türkei ersparen wollen. Der Onkel habe 15 000 Euro von der Familie erhalten, räumt sie auf Nachfrage des Gerichts ein. Dieses Geld sei aber nur für dessen „Reisekosten“ gewesen – er habe Kreshnik damit nicht von der IS-Miliz freigekauft.

Noch in der Türkei habe ihr Bruder ihr dann in knappen Worten erklärt, warum er aus Syrien weg wolle: Die „Brüder“ hätten sich dort gegenseitig bekämpft, dafür sei er nicht in den Krieg gezogen. Ihr komme es jedenfalls so vor, als habe ihr Bruder den Entschluss zur Rückkehr von ganz alleine gefasst.

Kreshnik B. verfolgt die Aussage seiner Schwester ohne sichtbare Regung. Nur einmal, als einer der Richter aus einem Telefonat zwischen seiner Mutter und seiner Tante zitiert und dabei offenbar irgendein Wort falsch ausspricht, da muss er grinsen und hält sich die Hand vor den Mund. Seine Schwester, die den Fehler des Richters ebenfalls amüsant findet, macht diesselbe Geste. Und plötzlich sieht man deutlich, dass die beiden Geschwister sind. Und auf eine Art noch sehr jung.

Im zweiten Teil des Prozesstages wird dann ein IS-Propagandavideo vorgeführt und von Sachverständigen für die arabische Sprache sehr kleinteilig übersetzt. Der rund 40-minütige Film zeigt mit Koransuren unterlegte Kampf- und Kriegsszenen, die Leichen getöteter „Märtyrer“, aber auch eine Werbeveranstaltung des IS in Syrien, bei der Kinder und andere Zivilisten von bewaffneten Männern dazu angehalten werden, ihre Begeisterung für den neuen „Kalifen“ Abu Bakr al-Baghdadi, den Chef des IS, herauszuschreien. Ganz vorne am Infotisch, mitten zwischen den islamistischen Kämpfern, ist Kreshnik B. zu sehen, der die gespenstische Veranstaltung sichtlich gelangweilt und fast ein wenig unbeteiligt verfolgt. Ob er das sei, da vorne, will der Richter wissen. B. nickt.

Die Schwester verlässt das Gerichtsgebäude am Ende mit ihren Eltern. Ihr Bruder bleibt in Haft. Der Prozess wird fortgesetzt.

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