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Barcelona Netzwerk der Gewalt

Die Attacken in Katalonien sind ein harter Schlag für die Ermittler – denn offenbar war eine Extremistenzelle am Werk.

Alcanar
Bei der Explosion im spanischen Alcanar ist ein Haus eingestürzt. Foto: dpa

Der Terror kündigte sich am Donnerstagmittag mit einer Meldung im Vermischten an: In Alcanar, einer 10.000-Einwohner-Gemeinde am Mittelmeer in der Provinz Tarragona, hatte sich am späten Mittwochabend eine Gasexplosion ereignet, die kilometerweit zu hören war. Ein Wohnhaus stürzte ein, einer der Bewohner starb, der andere wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht, auch in den Nachbarhäusern gab es Verletzte. Eine lokale Tragödie, so schien es.

Wenige Stunden, nachdem die Nachricht bekannt geworden war, gegen 17 Uhr am Donnerstagnachmittag, raste 200 Kilometer weiter nordöstlich, in Barcelona, ein Lieferwagen über die Rambla, den belebtesten Boulevard der Stadt. Er tötete mindestens 13 Menschen und verletzte mehr als 100. Gegen Mitternacht erklärte der Chef der katalanischen Polizei, Josep Lluís Trapero, dass es „klar und mit wenig Zweifeln“ einen Zusammenhang zwischen der Gasexplosion und dem Attentat in Barcelona gebe. Eine erste, eine beunruhigende Spur.

Beunruhigend ist die Verbindung zwischen dem einen und dem anderen Ereignis deshalb, weil sie auf eine aufwendigere Planung hindeutet. Der Fahrer des mörderischen Lieferwagens, der sich am Freitagnachmittag noch immer auf der Flucht befand, war kein Einzeltäter. Offenbar gab es eine katalanische Terrorzelle, die ihn unterstützte und deren Mitglieder ebenso zum Schlag bereit waren wie der Attentäter von Barcelona. Am frühen Freitagmorgen kurz nach ein Uhr bewahrheiteten sich die schlimmen Befürchtungen: In Cambrils, einem Badeort auf halbem Wege zwischen Alcanar und Barcelona, kam es zu einem weiteren dramatischen Vorfall.

Wieder war es ein Auto, das, so Berichte, nahe der Strandpromenade von Cambrils auf Fußgänger zusteuerte, bis es von einer Polizeistreife gestoppt wurde und umstürzte. Fünf Männer sprangen heraus, offenbar mit Messern und Macheten bewaffnet. Sie trugen auch Sprengstoffgürtel, die sich später als Attrappen herausstellten. Ein Polizist erschoss vier der Männer auf der Stelle. Es gibt Handyaufnahmen aus dem nächtlichen Cambrils, auf denen die Schüsse zu hören sind. Der fünfte Mann konnte fliehen, nach 500 Metern wurde auch er zur Strecke gebracht, auch davon gibt es Aufnahmen. Mindestens sieben Menschen wurden in dieser Nacht verletzt, eine Frau erlag am Freitagmittag den Verletzungen. Sie ist das 14. Todesopfer dieser Terrortage.

Wahrscheinlich gibt es noch ein 15. Todesopfer. Am Donnerstagabend hatte ein Wagen eine der eilends eingerichteten Polizeisperren in Barcelona durchbrochen. Die Beamten schossen auf das Auto. Ein paar Kilometer jenseits der Sperre fand man das abgestellte Fahrzeug und auf dem Rücksitz die Leiche eines Mannes, der offenbar erstochen worden war. Es war der Besitzer des Wagens. Die Polizei spekuliert, dass er von dem Attentäter, der zuvor in die Rambla gerast war, entführt und ermordet wurde.

Die katalanische Polizei, die Attacken in Barcelona und Cambrils sowie die Gasexplosion in Zusammenhang bringt, hielt sich am Freitag mit Einzelheiten zurück. Doch es sieht danach aus, dass die beiden Männer in Alcanar mit Butan- und Propangasflaschen hantierten, die wahrscheinlich als Bomben eingesetzt werden sollten. Die Terroristen in Barcelona und Cambrils zogen ihre Attentatspläne nach der ungeplanten Explosion womöglich vor. Alles hätte also noch viel schlimmer kommen können. Polizeichef Trapero sagte am Freitagnachmittag: „Die Explosion von Alcanar hat Attentate größeren Ausmaßes verhindert.“

Im Auto des Attentäters von Barcelona fand die Polizei den Pass eines Marokkaners mit Wohnsitz in Ripoll, 100 Kilometer nördlich von Barcelona. Sofort veröffentlichten die spanischen Medien das Bild des Passinhabers, manche nannten ihn ohne Umschweife „Terrorist“, doch das ist längst nicht sicher. Eine Streife in Ripoll nahm den Mann noch am Donnerstag fest. Doch der Fahrer des Lieferwagens war laut Polizei nicht er, sondern womöglich sein 17-jähriger Bruder, der nach der Tat aus dem Auto sprang, davonrannte und noch nicht gefasst ist. Auch sein Bild taucht nun in allen spanischen Medien auf, er ist der meistgesuchte Mann im Land, ob er wirklich der Täter war, ist nicht gewiss. Die Madrider Zeitung El Mundo berichtet über ihn, dass seine islamistische Radikalisierung über die vergangen zwei Jahre in sozialen Netzwerken nachvollziehbar sei.

 Bis Freitagmittag nahm die Polizei neben dem Bruder des mutmaßlichen Attentäters noch zwei weitere Männer in Ripoll fest, einer von ihnen soll der Bruders eines der Attentäter von Cambrils sein. Schließlich wurde im Krankenhaus auch der Überlebende aus dem Haus, das in Alcanar in Schutt ging, festgenommen. Ein Flüchtiger, fünf tote Terroristen, vier Festgenommene – „das sind mehr als drei Leute, die sich um einen Bildschirm versammeln und sich selber radikalisieren“, sagte der Terrorexperte Chema Gil am Freitag in einem Fernsehinterview. Nach jetzigem Kenntnisstand spreche vieles für eine Operation, die „nicht notwendigerweise in unserem Land vorbereitet wurde“.

Für die spanischen Terrorfahnder sind die Attentate ein herber Schlag. Nach den Madrider Attentaten vom 11. März 2004 mit 191 Toten, waren die Spezialeinheiten für den Kampf gegen den islamistischen Terror stark aufgestockt worden. Jahr für Jahr gab es Dutzende Festnahmen, besonders viele in Barcelona mit einer bedeutenden radikalislamischen Szene. Mehr als 13 Jahre lang gelang den Terroristen kein neuer Schlag. Doch jetzt ist den Fahndern offenbar kein schnell radikalisierter Einzeltäter durch die Finger geschlüpft, sondern ein organisiertes Netzwerk. Chema Gil vom Instituto de Seguridad Global macht den Ermittlern dennoch kein Vorwürfe. Trotz allem habe es sich um Attentate von „geringer organisatorischer Komplexität“ gehandelt, die seien vorab schwer zu entdecken. 

Während Polizei und Sicherheitsexperten die Anschläge analysierten, trauerte Barcelona um die Opfer. Unter den Toten und Verletzten sind Menschen mit mehr als 30 verschiedenen Nationalitäten – sehr viele von ihnen waren zu Besuch in der Mittelmeerstadt, einem der beliebtesten Reiseziele Europas. Das Auswärtige Amt berichtete am Freitag, dass 13 Deutsche zum Teil schwer verletzt worden seien, über mögliche deutsche Todesopfer machte der Sprecher keine Angaben. Die katalanische Regionalregierung gab noch keine offizielle Liste mit der Herkunft der Toten heraus.

Am Freitagmittag versammelten sich Tausende Menschen zu einer Schweigedemonstration auf der Plaça de Catalunya, dem Platz am nördlichen Ende der Rambla, von dem aus der Attentäter seine Todesfahrt zuvor begonnen hatte. Dort bot sich ein ungewöhnliches Bild: Nebeneinander standen da Ministerpräsident Mariano Rajoy, König Felipe, der katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont und die – sichtlich berührte – Bürgermeisterin Ada Colau.

Die katalanische Regierung betreibt seit zwei Jahren die Abspaltung Kataloniens von Spanien, am kommenden 1. Oktober will sie ein Referendum abhalten, das die spanische Regierung verhindern will. Doch an diesem Freitag waren die zerstrittenen Politiker in Trauer vereint. Das Schweigen um sie durchbrachen die Demonstranten nur, um vielstimmig einen Satz zu skandieren: „Ich habe kein Angst!“ 

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