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Anschläge in Paris Ein verstörend anderes Paris

Nach den schwersten Terroranschlägen der französischen Geschichte herrscht auch in den Seelen Ausnahmezustand: Alles scheint möglich – vor allem das Schlimmste.

Einer der Tatorte: Das Restaurant Le Belle Equipe in Paris. Foto: AFP

Sie ringen um Worte. Wie soll man darüber reden, über die große innere Leere, über den Verlust eines geliebten Menschen? Gewiss, im Bezirksrathaus des 11. Pariser Arrondissements, wo nach den Terroranschlägen vom Freitagabend eine Betreuungsstelle eingerichtet wurde, leisten Psychologen seelisch Schwerverletzten Erste Hilfe. Die Experten empfehlen, über den Verlust zu sprechen. Aber wie?

Zu denen, die mit starrer Miene und glasigem Blick durch die Rathaustür treten, zählen nicht nur diejenigen, die nach Stunden des Bangens und Hoffens erfahren haben, dass Familienangehörige oder Freunde unter den 132 Toten sind, die auf den Bistro-Terrassen der Umgebung, dem Konzertsaal Bataclan oder auch vor dem Fußballstadion in der Vorstadt Saint-Denis geborgen wurden. Rat und Hilfe suchen auch Augenzeugen, die nicht fassen können, was sie gesehen haben.

Ein Mann tritt auf den von Bäumen und Beeten gesäumten Vorplatz des Rathauses, versucht zu sprechen. Er schluchzt, beginnt zu stammeln, verstummt wieder. Dann macht er deutlich: Seine Frau zählt zu den 82 Toten des Bataclan, und er weiß nicht, wie er den Kindern den Verlust der Mutter, den Schwiegereltern den Verlust der Tochter beibringen soll.

Im Bataclan, wo die Band Eagles of Death Metal am Freitagabend 1500 Rockfans einheizte, hatten die Terroristen besonders schlimm gewütet. Am Sonntag in Endlosschleife verbreitete Bilder und Zeugenaussagen führen der ganzen Nation vor Augen, was sich dort zugetragen hat. 21.50 Uhr ist es, als vier Männer mit Schnellfeuerwaffen hineinstürmen. Allah Akbar, Allah ist groß, brüllt einer. Die vier eröffnen das Feuer, schießen blindlings in die Menge. Band-Mitglieder suchen hinter Instrumenten Deckung, bringen sich hinter der Bühne in Sicherheit. Ein paar Zuschauer flüchten in einen Seitenraum. Sie halten den Atem an, verfolgen durch einen Türspalt das Geschehen. Die Angreifer feuern auf alles, was sich bewegt. Vor ihnen kniende Menschen werden durch Kopfschuss hingerichtet. „Sie haben wie Kaninchen niedergemäht, was ihnen vor die Flinte kam“, erzählt einer der überlebenden Besucher des Rockkonzerts.

Ein Angestellter klärt die Verängstigten darüber auf, dass der einzige Fluchtweg ins Freie quer durchs Parkett führt und damit quer durch das Schussfeld der Terroristen. Niemand verlässt den Raum. Nach Mitternacht stürmt ein Sondereinsatzkommando der Polizei das Bataclan. Am Boden kauernde Konzertbesucher springen erleichtert auf, wähnen sich gerettet. Die Terroristen feuern auf sie. Als die Elitepolizisten Richtung Bühne vordringen, sprengen sich drei Täter in die Luft. Der vierte stirbt im Feuer der Sicherheitskräfte.

Zur inneren Leere tritt die äußere. Der Markt im Marais, wo sich Pariser wie Touristen sonntags vor Käse-, Fisch- und Obstständen drängen, ist verwaist. Bis Donnerstag haben in der Hauptstadt sämtliche Märkte geschlossen zu bleiben. Die Reihen der am Wochenende durch das Viertel trabenden Jogger haben sich gelichtet. Zu den wenigen, die auf die sonntägliche Ertüchtigung nicht verzichten wollen, zählt ein Mann in knallrotem T-Shirt. Aber auch er scheint dem Terror Tribut zu zollen. In befremdlicher Haltung bewegt er sich vorwärts, die Hände gefaltet wie zum Gebet. Vor dem Überqueren der Straße schaut der Jogger nicht merklich nach links und rechts. Es sind kaum Autos unterwegs. Anstatt des üblichen Verkehrslärms dringt Vogelgezwitscher ans Ohr.

Das ist nicht mehr Pariser Alltag, was sich dem Auge bietet. Das ist etwas verstörend anderes. Ein Ausnahmezustand, der weit über den hinausgeht, den Staatschef François Hollande nach den schwersten Terroranschlägen in der französischen Geschichte über das Land verhängt hat. Möglichst schnell möglichst viele Menschen umbringen, das war das Ziel der offenbar vom „Islamischen Staat“ aus der Ferne gesteuerten Angreifer. War es bei den Anschlägen auf die Redaktionsräume des Satireblattes „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt Anfang des Jahres noch darum gegangen, bestimmte Zielgruppen zu terrorisieren, nämlich Journalisten und Juden, stand diesmal schlicht Massenmord auf der Agenda. Das verstört nicht nur, das macht vor allem auch Angst.

Der Aufruf der Pariser Präfektur, nur in dringenden Fällen das Haus zu verlassen, mag berechtigt gewesen sein. Noch ist nicht auszuschließen, dass sämtliche Terroristen den Märtyrertod der rettenden Flucht vorgezogen haben. Aber der Appell, zu Hause zu bleiben, schürt die Angst zusätzlich. Schaudern lassen dazu die immer wieder nach oben korrigierten Opferzahlen: 132 Tote sind zu beklagen, in Pariser Kliniken werden mehr als 350 Verletzte behandelt, 42 befinden sich immer noch auf der Intensivstation. Ein Zwischenstand ist das, mehr nicht. Vor dem Bataclan legen Passanten Blumen nieder. Bald schon säumt ein Spalier von Sträußen den Eingang. Ein Anwohner rollt ein Klavier über den Gehweg, intoniert „Imagine“ von John Lennon. „Um den Opfern die letzte Ehre zu erweisen“, erklärt sich der Pianist.

Eine Frau tritt hinzu, erkundigt sich nach dem Krankenhaus La Pitié Salpétrière. Sie will Blut spenden für die Opfer. „Es hätte jeden treffen können, mich auch“, sagt sie. Zu dieser Stunde ist dann auch klar: Ein Deutscher ist unter den Toten. In Schweden, Belgien und Rumänien wird ebenfalls getrauert. Menschen haken sich unter, stimmen die Marseillaise an, die so optimistisch vorwärts drängende Nationalhymne, machen sich auf den Weg zur Place de la République. Bis auf weiteres sind Kundgebungen verboten, aber diese spontane ist erlaubt. Unter den Augen der Polizisten findet sie statt. „Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen“ ist die Devise.

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In der Nacht zum Sonntag finden sich immer mehr Menschen auf der Place de la République ein. Ein wenig erinnert die Zusammenkunft an die Kundgebungen nach dem Überfall auf „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt. Aber anders als bei den Solidaritätsdemonstrationen Anfang Januar fehlt das die Menge einigende Band. Damals galt der Aufmarsch der Verteidigung der Meinungsfreiheit, der Pressefreiheit, der in der französischen Verfassung verankerten Laizität. Aber wogegen soll man diesmal aufbegehren? Gegen fanatische Verblendung, gegen blindes Morden, gegen Massaker? Das versteht sich von selbst, das taugt nicht zum Slogan. Und so sind es diesmal Trauer, ja Resignation, die aus den Mienen sprechen, nicht Trotz und Widerstand.

Im Fernsehen macht Innenminister Bernard Cazeneuve seinen Landsleuten Mut, ruft zu nationaler Einheit auf. Die Geheimdienste seien mobilisiert, sagt der Minister. Dass sie es auch schon vor den Anschlägen waren, sagt er nicht. Außenminister Laurent Fabius kündigt einen verstärkten Schutz der französischen Einrichtungen im Ausland an. Und alle sprechen sie von Krieg, Staatschef Hollande, Premierminister Manuel Valls und der rechtsbürgerliche Oppositionsführer Nicolas Sarkozy. Valls spricht aus, was alle wünschen: „Wir werden den hinter den Anschlägen steckenden Islamischen Staat vernichten“, sagt der Premier. Dass er dies nicht erst seit Freitagabend anstrebt, sagt er nicht.

Hollande war unter dem Eindruck der Attentate sogar noch weiter gegangen. Sichtlich unter Schock stehend, hatte der Staatschef mit belegter Stimme versichert, dass er die Grenzen dichtmachen und keine weiteren Anschläge zulassen werde. Wunschdenken war das gewesen in der Stunde der Not. Denn natürlich sind die Grenzen Frankreichs nicht komplett abzuriegeln – schon gar nicht auf drei Monate wofür es eh ein Gesetz bräuchte. Allenfalls die Kontrollen lassen sich verschärfen, was am Samstag dann auch passiert. Und dass sich Terroranschläge in Frankreich nicht verhindern lassen, hat das trotz erweiterter Geheimdienstbefugnisse und höchster Alarmstufe für die Sicherheitskräfte nicht vereitelte Morden aufs Brutalste illustriert.

Vor einer Amtsstube werden Trikolore und europäisches Sternenbanner eingerollt. Bis einschließlich Dienstag soll Staatstrauer herrschen. Am Sonntagabend kommen Trauernde und Anteilnehmende in Notre Dame zu einem Gottesdienst zusammen. An diesem Montagmittag folgt eine landesweite Schweigeminute. Um 16 Uhr wird Hollande vor beiden Kammern des Parlaments eine feierliche Erklärung abgeben. Und danach?

Zur von der Regierung verheißenen Gegenwehr gehört auch, sich von den Terroristen nicht die Agenda diktieren zu lassen. Alles soll seinen Gang gehen, trotz alledem. Die in zwei Wochen beginnende Weltklimakonferenz, zu deren Auftakt 107 Staats- und Regierungschefs erwartet werden, die Regionalwahlen am 6. und 13. Dezember – alles soll stattfinden wie geplant.

Allein der Wahlkampf soll einstweilen ruhen. Aber so sehr Spitzenpolitiker aller Lager auch beteuern, in dieser schweren Stunde zusammenzuhalten, der Wahlkampf ruht keineswegs. Am Sonntagfrüh verkündet Marine Le Pen, Chefin des Front National, was sie nach eigenem Bekunden „für eine Pflicht gegenüber dem Bürger“ hält: „Die Franzosen sind nicht mehr sicher.“ Mit ihr als Präsidentin, lässt die Rechtspopulistin durchblicken, wäre das alles nicht passiert. Und auch in den Reihen der rechtsbürgerlichen „Republikaner“ erliegen die ersten Politiker der Versuchung, aus der Verängstigung der Menschen Kapital zu schlagen, wenn auch noch in verhaltenem Ton. Von offenbar unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen ist die Rede. Es wird nicht lange dauern, bis dieser Mangel den regierenden Sozialisten angekreidet wird.

„Wir wissen, wer diese Verbrecher, wer diese Terroristen sind“, hat Hollande auch gesagt. An die Öffentlichkeit gedrungen sind zunächst freilich nur Bruchstücke dieses Wissens. Als wahrscheinlich gilt, dass die Terrormiliz IS, die in Syrien und Irak französischen Luftangriffen ausgesetzt ist, die Anschläge aus der Ferne gesteuert hat. Ein im Internet veröffentlichtes Bekenntnis zu den Anschlägen wie auch ein vor dem Stade de France sichergestellter syrischer Pass legen diese Annahme jedenfalls nahe. Auch die Festnahmen mutmaßlicher Komplizen in Belgien weisen auf Verbindungen ins Ausland hin.

Der erste zweifelsfrei indentifizierte der acht Terroristen – einer der vier Täter vom Bataclan, dessen Fingerabdrücke genommen werden konnten – war ein 29-jähriger Kleinkrimineller, dem Inlandsgeheimdienst seit 2010 als Islamist bekannt, aber angeblich ungefährlich.

Nicht in allen Fällen ist es gelungen, Fingerabdrücke zu sichern. Die Körper der meisten Terroristen seien nach der Explosion ihrer Sprengstoffgürtel so verstümmelt gewesen, dass man sich mit Fleischentnahmen habe begnügen müssen, erzählt ein Forensiker. Als DNA-Proben hofft er sie nutzen zu können. Später am Sonntag weiß man, dass zwei weitere Attentäter in Brüssel lebende Franzosen waren.

Wie schon Ende August beim Anschlag auf den Thalys Amsterdam–Paris, der dank des beherzten Eingreifens Mitreisender missging, dürfte sich auch diesmal bald die Frage nach Versäumnissen der französischen Geheimdienste stellen. Auch der Thalys-Attentäter war den Geheimdiensten als Islamist bekannt.

Noch ist es nicht so weit, noch sind die Gefühle zu aufgewühlt, als dass nüchterne Analysen in die öffentliche Debatte Einzug halten könnten. Auf Twitter machen Gerüchte von neuerlichen Schusswechseln die Runde. Alle erweisen sich als falsch. Sie bestätigen lediglich: Die Nerven liegen bloß. In Frankreich herrscht eben auch im Seelischen Ausnahmezustand. Alles scheint möglich, vor allem das Schlimmste.

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