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Tempolimit 111 Tage mit Tempo 100

Sigmar Gabriel heizt mit seiner Forderung nach einem generellen Tempolimit auf Autobahnen eine alte Debatte neu an. Was viele nicht wissen: Eine Geschwindigkeitsbegrenzung gab es in Deutschland schon einmal, wurde aber schleunigst wieder abgeschafft.

10.05.2013 17:46
Frank Herold
Der ehemalige Bundesverkehrsminister Lauritz Lauritzen (SPD) gilt als Vater der Richtgeschwindigkeit auf Autobahnen von 130 Kilometern pro Stunde. Foto: dpa

Die bisherigen Kräfteverhältnisse zwischen Befürwortern und Gegnern eines Tempolimits auf bundesdeutschen Autobahnen sind eindeutig: Eine generelle Beschränkung der Geschwindigkeit gab es in der 80-jährigen Geschichte dieser Straßen nur ein einziges Mal und sie galt lediglich 111 Tage lang.

Ende 1973 hatte die Organisation Erdölexportierender Staaten einen Boykott gegen den Westen verhängt. Der Benzinpreis stieg, die Regierung verhängte ein Sonntagsfahrverbot. Ab November 1973 durfte zudem auf Autobahnen nicht schneller als 100 Kilometer in der Stunde gefahren werden. Das sollte gelten, bis die Ölkrise überwunden war.

Doch der damalige Verkehrsminister, der Sozialdemokrat Lauritz Lauritzen, wollte das Limit beibehalten. Sein Argument: „Es geht um Menschenleben.“ Mit 20.000 Verkehrstoten war im Jahr vor der Ölkrise ein trauriger Rekord erzielt worden. Während des Tempolimits gab es deutlich weniger Unfälle. Auch Bundeskanzler Willy Brandt, zunächst noch unschlüssig, sprach sich gegen das zügige Fahren aus. „Es kann nicht so weitergehen“, sagte er, „Deutschland, Deutschland über alles, wenn es um die Raserei geht.“

Attacke des ADAC

Beide Politiker standen auf verlorenem Posten. Der ADAC attackierte Lauritzen in einer großangelegten Protestdemonstration als „Trittbrettfahrer der Energiekrise“. Und im Februar 1974 startete der in München ansässige Autofahrerklub eine Kampagne. Mehr als eine Million Aufkleber mit der Aufschrift „Freie Bürger brauchen freie Fahrt“ ließ er drucken. Zehn Pfennig das Stück.

Auch wenn der ADAC die Aktion sehr schnell selbst stoppte, die Botschaft wirkte: Wer Rasen verbietet, beraubt die Deutschen ihrer Freiheitsrechte. Ab Mitte März 1974 durfte in der Bundesrepublik wieder gerast werden. Seither hat es auch nie wieder ein Verkehrsminister ernsthaft versucht, ein Tempolimit in Deutschland durchzusetzen.

Diskutiert wurde freilich weiter – mal mehr, meist jedoch weniger intensiv. Der letzte Höhepunkt dieser Auseinandersetzung liegt mehr als ein halbes Jahrzehnt zurück. 2007 wurden gleich mehrere Anträge für ein Tempolimit auf den Autobahnen eingebracht, darunter auch die Initiative eines CSU-Abgeordneten namens Josef Göppel. Der Antrag hatte vier Seiten und begann mit der Forderung: „Der Bundestag möge beschließen: Auf deutschen Autobahnen wird zum 1. 1. 2008 eine generelle Geschwindigkeitsobergrenze von 130 Stundenkilometern eingeführt.“ Zur Begründung wurde neben der Unfallstatistik auch der Umweltschutz angeführt. Göppel war gelernter Forstwirt.

Doch alle Anträge schaffen es nicht einmal bis ins Plenum des Bundestages, sie wurden schon im Verkehrsausschuss abgelehnt. Durchsetzbar war bislang lediglich eine Richtgeschwindigkeit von 130 km/h.

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