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Tamarud-Bewegung und die Hamas Unterdrückte Rebellion in Gaza

Für den 11.11., 11 Uhr, wurde in Gaza zur Revolte gegen die Hamas aufgerufen. Die Revolte bleibt aus, doch die "Tamarud"-Bewegung macht die Hamas nervös - das bekam auch unsere Korrespondentin zu spüren.

Die Hamas hat im Gegensatz zu den Islamisten in Ägypten die bewaffneten Gruppen hinter sich. Foto: AFP

Ein Gespenst geht um in Gaza. Es heißt „Tamarud“ – arabisch für Rebellion. Seit Wochen haben die Buschtrommeln in Facebook und anderen Internet-Medien ihren Ausbruch für den 11.11., Punkt 11 Uhr verkündet: den neunten Jahrestag des Todes von PLO-Chef Jassir Arafat.

In deutschen Hochburgen des Frohsinns beginnt zu dieser Stunde die Karnevalssaison. Aber in dem palästinensischen Elendsstreifen ist eine Revolte gegen das Hamas-Regime angesagt, in Anlehnung an die ägyptische „Tamarud“-Bewegung gegen die Muslimbrüder. Manche Eltern in Gaza-City lassen ihre Kinder aus Vorsicht zu Hause. Auf den großen Plätzen, etwa dem „Palestine Square“, herrscht weniger Trubel als sonst. Fast an jeder Straßenecke stehen die „Männer in Schwarz“, bewaffnete Sicherheitspolizei der Hamas.

In Grüppchen hocken dennoch Studenten auf der verdorrten Wiese neben dem islamischen Campus und der benachbarten Al-Ashar-Universität. Was halten sie von „Tamarud“? „Nichts“, ergreift ein schlaksiger Typ das Wort. Kollaborateure seien das, unterstützt von Israel und Mohammed Dahlan, dem früheren Geheimdienstchef der Fatah, dem in Gaza wie im Westjordanland der Ruf eines Verräters anhängt. Nicht alle Unterstützer der Rebellenbewegung hätten schlechte Motive, wagt ein Anderer einzuwenden. Außerdem sei die Lage in Gaza wirklich schlimm. Kein Strom, keine Arbeit, keine Reisefreiheit. Im Nu hat sich eine Menschentraube gebildet.

„Männer in Schwarz“ überall

Schnell sind auch die „Männer in Schwarz“ zur Stelle. Barsch verlangt ihr Anführer die Ausweispapiere unseres Stringers. Ausländische Journalisten arbeiten in Gaza meist mit einem Palästinenser ihres Vertrauens – „Stringer“, Strippenzieher genannt –, der sich auskennt und übersetzen kann. Auch die von der Hamas erteilte Akkreditierung der FR-Korrespondentin wird eingehend geprüft. Dann heißt es: Ab ins Polizeihauptquartier.

Der Komplex ist berüchtigt wegen dunkler Verliese und brutaler Verhöre. Aber wir, ein holländischer Kollege von „de Volkskrant“ und die Autorin, werden in einem Raum mit Rattanmöbeln platziert. Nach einer halben Stunde geht die Tür auf. Gemeinsam mit Journalisten vom ägyptischen Nil-TV, aus Libyen und Gaza werden wir entlassen. Alle hatten Straßeninterviews zum „Tamarud“-Aufruf geführt – jener Rebellion, die gar nicht stattfindet, aber die trotzdem die Hamas nervös macht. Bereits im Vorfeld waren Dutzende Palästinenser, die als Fatah-Anhänger gelten, verhaftet worden. Erst nachdem sie sich verpflichteten, an keinem unerlaubtem Arafat-Gedenken teilzunehmen, kamen sie frei.

Die Versorgung in Gaza ist katastrophal

Die „Tamarud“-Bewegung, die vorgibt, 47 000 Unterschriften gesammelt zu haben, bleibt ein Phänomen. „Die Leute sind voller Zorn gegen die Hamas“, meint der linke Analyst Talal Okal, der seine Rente von den Autonomiebehörden in Ramallah bezieht. „Aber niemand traut sich, offen zu protestieren.“ Dabei ist die Versorgung in Gaza katastrophal. Das E-Werk ist mangels Treibstoffs seit dem 1. November abgeschaltet. Strom bekommt jeder Haushalt nur sechs Stunden täglich. Aber im Unterschied zu Ägypten haben die Islamisten die bewaffneten Truppen hinter sich.

„Ungewollt hat Tamarud die Hamas sogar gestärkt“, befürchtet Okal. „Sie hat gezeigt, dass sie alles unter Kontrolle hat.“

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