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Taliban-Angriff GIZ lässt afghanische Mitarbeiter im Stich

Afghanische Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe gegen die GIZ: Obwohl die Taliban vor Kundus standen, habe sie die inländischen Mitarbeiter ihrem eigenen Schicksal überlassen.

Trügerische Sicherheit: Afghanische Sicherheitskräfte im zurückeroberten Kundus. Foto: AFP

Der afghanische Mitarbeiter der deutschen „Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit“ (GIZ) versteckte sich eine Nacht lang, nachdem am 28. September die radikalislamischen Talibanmilizen die nordafghanische Stadt Kundus gestürmt hatten. Als er schließlich im Kugelhagel fliehen konnte, musste er seine kleinen Kinder, die Frau und Eltern zunächst zurücklassen. Die Zentrale der GIZ aber hatte andere Sorgen. Per Rundmail verbot die staatliche Entwicklungshilfeorganisation zwei Tage nach dem Fall von Kundus allen Mitarbeitern Gespräche mit Medien.

Einige afghanische GIZ-Angestellte setzten sich angesichts der durchlebten Todesgefahr darüber hinweg. Sie berichten, es sei dem puren Zufall zu verdanken, dass die etwa zwei Dutzend lokalen Mitarbeiter mit heiler Haut davongekommen seien. „Niemand von uns wird je wieder den Angaben des RMO vertrauen“, sagte ein geflohener Mitarbeiter. Die Abkürzung steht für die von Deutschland finanzierten regionalen Büros, in denen Sicherheitsexperten für die GIZ die Lage beurteilen.

Der deutsche RMO-Experte in Kundus war zum Zeitpunkt der Talibanattacke aus Sicherheitsgründen längst abgezogen worden. Seine Arbeit wurde vor Ort von afghanischen Kollegen erledigt. Auch die sahen trotz handfester Hinweise auf Konzentrationen von Talibankämpfern vor den Toren von Kundus keine Gefahr. Am Tag der Erstürmung wurde lediglich eine schon lange in der Stadt lebende ältere Deutsche evakuiert. Die afghanischen Mitarbeiter wurden ihrem eigenen Schicksal überlassen.

Aus "Sicherheitsgründen" kein Kommentar

Die GIZ will sich angesichts der Vorwürfe nicht in die Karten schauen lassen. „Zur aktuellen Sicherheitslage erhalten die deutschen, internationalen und nationalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rund um die Uhr über das Sicherheitsmanagement konkrete Handlungsanweisungen“, hieß es auf Anfrage schriftlich. „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns aus Sicherheitsgründen nicht zu Details unseres Sicherheitskonzeptes äußern können. Mit unseren nationalen Mitarbeitern sind wir in regelmäßigem Kontakt“.

Die Organisation ist angesichts der sich ausbreitenden Talibanaktivitäten am Hindukusch kaum noch in der Lage, ihre Projekt-Millionen plangerecht umzusetzen. Angesichts der schlechten Zukunftsaussichten Afghanistans und der Ereignisse von Kundus denken immer mehr lokale GIZ-Mitarbeiter an eine Ausreise Richtung Deutschland.

Doch so einfach ist das nicht. Laut Vorschrift muss jeder Leiter der jeweiligen GIZ-Projekte – in Kundus bislang insgesamt acht – bestätigen, dass seinen afghanischen Mitarbeitern Lebensgefahr droht. Anschließend ist just das RMO für eine abschließende Beurteilung der Gefährdung des Mitarbeiters durch Taliban zuständig. „Manche dieser Projektleiter führen sich auf, als ob sie in Deutschland persönlich für von uns verursachte Kosten haften müssten“, beschreibt ein aus Kundus geflohener Mitarbeiter das GIZ-System.

1700 lokale Mitarbeiter stehen derzeit im Dienste deutscher Organisationen. „Wenn die Deutschen uns nicht helfen, ist das Verrat“, sagt Ali Ahmed, der seit 2009 als Wächter bei der GIZ in Kundus arbeitete und Ende Juli „wegen Veränderungen“ – so die Entlassungsurkunde – seinen Job verlor. Sein früherer Arbeitgeber mag den Vater von zwei Kindern längst vergessen haben. Aber die Talibanmilizen haben ein langes Gedächtnis.

Zwei ihrer Kämpfer tauchten am Tag der Eroberung von Kundus vor Ahmeds Haus auf. Sie verprügelten den zweifachen Vater vor den Augen seiner Familie mit den Kolben ihrer Kalaschnikows und wollten wissen: „Warum hast du und dein Bruder für die Deutschen gearbeitet?“ Danach gingen die Gotteskrieger erst einmal kämpfen, drohten aber vorher: „Wir kommen wieder.“ Ali Ahmed wartete nicht. Er floh.

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