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Tageszeitungen „Wir müssen darüber reden, was uns der Journalismus wert ist“

Medienexperte Röper spricht im Interview über die Konzentration der Presse, Gefahren für die Qualität und alternative Finanzierungsmodelle.

23.04.2018 17:34
Zeitungsausträgerin
Einen Teil der Sozialausgaben von Zeitungszustellern soll nach dem Willen der großen Koalition künftig die öffentliche Hand übernehmen. Foto: imago stock&people

Herr Röper, alle zwei Jahre messen Sie die Konzentration auf dem deutschen Tageszeitungsmarkt. Zuletzt errechneten Sie, dass die zehn größten Verlagsgruppen einen Anteil von rund 60 Prozent an der gesamten Verkaufsauflage halten. Im Juni kommt die nächste Studie. Was lässt sich jetzt schon absehen?
Die Pressekonzentration nimmt weiter zu. Sie hat inzwischen Werte erreicht, die zu der Zeit, als das Kartellrecht geschaffen wurde, um Vielfalt im Medienmarkt zu sichern, bei weitem nicht gegeben waren.

Der Deutsche Journalisten-Verband erklärte zuletzt, dass einem die Lage „Angst“ machen könne. Ihnen auch?
Ja, denn bei hoher Konzentration bestimmen sehr wenige Verleger hochgradig, welche Inhalte transportiert werden. Für die Bürger bedeutet das weniger Vielfalt: Schon heute leben mehr als die Hälfte der Deutschen in Kommunen und Kreisen mit nur noch einer Tageszeitung. Verlage haben aber nicht nur eine enorme publizistische, sondern auch politische Macht. Zum Beispiel haben sie in den Koalitionsverhandlungen einen Passus durchgedrückt, wonach die öffentliche Hand einen Teil der Sozialabgaben für Zeitungszusteller übernehmen soll.

Die Verleger weisen darauf hin, dass ihnen Google, Facebook & Co. die Werbeeinnahmen wegnehmen.
Das stimmt. Früher stammten zwei Drittel der Einnahmen von Zeitungsverlagen aus der Werbung. Heute sind es vielleicht noch 40 Prozent. Im Online-Bereich erlösen die Verlage wegen der neuen Konkurrenten und den Angeboten anderer, darunter die der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, kaum Geld.

Was ist die Folge?
Dass die Verlage ihre zweite Einnahmequelle anpassen – die Vertriebserlöse. Preiserhöhungen wiederum führen dazu, dass weitere Abonnenten abbestellen. Die Verkaufsauflage ist seit Jahren rückläufig.

Mehr als 200 Zeitungen haben im Netz eine Bezahlschranke eingeführt. Hilft das nicht?
Bei der Preisgestaltung sind alle noch sehr vorsichtig. Den Verlagen geht es jetzt noch nicht um Kostendeckung, sondern darum, die Nutzer an ihre bepreisten Angebote im Internet zu gewöhnen. Sie wollen die Kostenlos-Mentalität durchbrechen.

Sie halten es für einen Fehler, dass alles frei ins Netz gestellt wurde?
Ja, man hat sich damals mit dieser Entscheidung das Geschäft verdorben. Aber hinterher ist man immer klüger.

Die Verleger sagen, dass die Digitalisierung die Anforderungen in allen Berufen erhöht hat.
Aber die Medienindustrie gehörte zu den ersten, die in erheblichem Maß betroffen war. Hier ist es zu Entwicklungen gekommen, die heute über die Tarifverträge – so sie denn überhaupt noch von den Verlagen eingehalten werden – nicht korrekt widergespiegelt werden.

Hat der Journalismus seine gesellschaftliche Stellung verloren?
Die Stellung sehe ich nicht so stark bedroht. Aber bei den jungen Leuten hat sich längst herumgesprochen, dass die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung in der Branche schlicht schlechter geworden sind. Das spüren Journalistenschulen und Zeitungsverlage an den rückläufigen Bewerberzahlen. Eigentlich sind die jungen Leute ganz vernünftig. Ich habe schon vor einigen Jahren mal an der Uni gesagt, dass man sich hüten sollte, in diesen Beruf einzusteigen.

Und dazu stehen Sie auch heute noch?
Ja. Wer in den Journalismus will, der sollte sich tunlichst über Praktika in Lokalredaktionen anschauen, was man heute als Journalist alles leisten muss.

Welche Lösungen sehen Sie für die Branche?
Wir sind in der EU das einzige Land, das keine Presseförderung kennt. Das ist aus historischen Gründen nachvollziehbar, aber längst überkommen. Andere Regierungen sind viel stärker bemüht, Pressevielfalt zu erhalten. Was wir bräuchten, ist eine breite gesellschaftliche Debatte über die Frage: Was ist uns der Journalismus eigentlich wert?

Interview: Petra Sorge

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