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Syrienkrieg Putins geschickter Schachzug

Wie Russland und die Türkei in Syrien Vorteile suchen - eine Analyse.

Syrien
Ein syrischer Jugendlicher schwenkt die Fahne der Opposition. Foto: afp

Voller Stolz haben der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und die ihm hörigen Medien das Ergebnis des Syrien-Gipfels mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Sotschi zu Wochenbeginn gefeiert. Tatsächlich wurde damit eine drohende Großoffensive des syrischen Diktators Baschar al-Assad auf die letzte Rebellenhochburg Idlib abgewendet.

Im Endkampf des syrischen Bürgerkriegs ist der Kessel von Idlib, in dem außer den bewaffneten Milizen auch rund drei Millionen Zivilisten eingepfercht sind, ein Brandherd, der die ganze Region in Flammen setzen kann. Jetzt sind die Menschen in der Aufstandsprovinz vorsichtig optimistisch, denn ihnen erscheint das Sotschi-Abkommen als einzige Chance, einem Vernichtungskrieg und einer humanitären Katastrophe wie in Aleppo zu entgehen. Die Türkei fürchtet neue Flüchtlinge.

Soldaten sollen in Pufferzone um Idlib patrouillieren

Die Einigung sieht die Einrichtung einer 15 bis 20 Kilometer breiten „demilitarisierten“ Pufferzone bis zum 15. Oktober vor und verlangt von Ankara, rund 30.000 der „gefährlichsten Terroristen“ der Al-Kaida-nahen Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) und der mit ihr verbundenen chinesisch-uigurischen „Islamischen Partei Turkestans“, die große Teile Idlibs kontrollieren, innerhalb von knapp vier Wochen zu entwaffnen.

Wie mit den etwa gleich starken, zum Teil auch aus Islamisten bestehenden protürkischen „moderaten“ Rebellenmilizen verfahren werden soll, wurde nicht festgelegt. In der Pufferzone sollen türkische und russische Soldaten nach dem Vorbild der türkisch-amerikanischen Zusammenarbeit in der Region Manbidsch am Euphrat patrouillieren.

Idlib ist nicht ohne Grund die letzte bedeutende Rebellenhochburg im Bürgerkriegsland. Die Provinz war von Anfang an ein Zentrum der Proteste gegen die brutale Diktatur von Baschar al-Assad, nur hier hat Assad so gut wie jede Schlacht verloren. Wegen der Nähe zur Türkei hatten die Aufständischen nie Nachschubprobleme, und anders als Aleppo, Homs oder Ost-Ghuta lässt sich Idlib wegen seiner bergigen Geografie gut verteidigen. Hier sind zudem die härtesten Rebellenkämpfer versammelt, die zuletzt durch die Türkei massiv aufgerüstet wurden.

Diese quasi-autonome Provinz anzugreifen, wird für niemanden ein Spaziergang, zumal der Iran bereits signalisiert hat, dass er sich daran nicht beteiligen würde. Nur mit massiven Bombardements und dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen können die Regimetruppen auf einen Sieg hoffen. Aus all diesen Gründen hat sich Putin auf den überraschenden Deal mit Erdogan eingelassen. Es ist ein überaus geschickter Schachzug.

Putin lässt Erdogan in Idlib die Drecksarbeit machen

Statt selbst gegen die HTS-Dschihadisten vorzugehen, in deren Reihen Hunderte anti-russische Tschetschenen kämpfen, lässt der Kreml-Chef Erdogan die Drecksarbeit machen und zwingt ihn dazu, gegen einen langjährigen heimlichen Verbündeten vorzugehen. Die HTS hatte der türkischen Armee geholfen, zwölf Stützpunkte in der Provinz, die ihr gemäß früherer Abkommen mit Russland und dem Iran zugesprochen wurden, zu errichten.

Das Sotschi-Abkommen treibt die Dschihadisten nun in die Enge: Vor allem die Ausländer in der Terrormiliz haben keine Rückzugsmöglichkeit mehr. Es ist keine realistische Vorstellung, dass sie sich einfach entwaffnen lassen oder moderaten Gruppen unterordnen. Damit wird die kampferprobte Rebellentruppe vom Partner zu einem gefährlichen Gegner für die Türkei, denn sie hat mit dem Sotschi-Abkommen die Verantwortung für den Abzug der Anfang September erstmals von ihr als „Terroristen“ klassifizierten HTS-Dschihadisten übernommen. Auch Anschläge in der Türkei selbst sind zu befürchten.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Syrien

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