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Syrien Putin, der Kriegsgewinnler

Russland zieht seine Truppen aus Syrien ab. Moskau hat sich längst mit einem absehbaren Ende der Assad-Ära arrangiert und denkt bereits an die Zeit danach.

Die heimkehrenden Soldaten werden in Russland mit allen Ehren empfangen. Foto: dpa

Der Kreml drückt aufs Tempo. Keine 24 Stunden nach Wladimir Putins Ankündigung, den Großteil seiner Truppen aus Syrien abzuziehen, starteten am Dienstag bereits die ersten Kampfjets und Transportflieger zurück in die Heimat. Exakt zum fünften Jahrestag des Bürgerkrieges beendet Russlands Präsident den Einsatz auf dem syrischen Schlachtfeld – und zwar genauso abrupt, wie er ihn vor fünf Monaten begann.

Nicht nur die Syriendelegationen in Genf, auch die UN und die westlichen Regierungen rieben sich verwundert die Augen. „Das ist ein positiver Schritt. So etwas sehen wir gerne“, sagte Angolas UN-Botschafter Ismael Gaspar Martins, dessen Land momentan den Vorsitz im Weltsicherheitsrat führt. UN-Syrienvermittler Staffan de Mistura sprach von einer „bedeutenden Entwicklung“, die die Suche nach einer politischen Lösung positiv beeinflussen könne. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier meinte, sollte der Abzug umgesetzt werden, „erhöht das den Druck auf das Regime von Präsident Assad, in Genf endlich ernsthaft über einen friedlichen politischen Übergang zu verhandeln“.

Dritter Versuch erfolgreich

Entsprechend einsilbig reagierte die Führung in Damaskus. Assad habe mit Putin telefoniert und dem Abzug zugestimmt, hieß es Stunden später gequält. Und trotzig: „Russland und Syrien kämpfen unverändert und gemeinsam gegen den Terrorismus.“ Aber es knirscht schon lange zwischen den ungleichen Verbündeten. Verwundert registrierte der Kreml die jüngsten Interviews des Diktators im Februar, in denen er vollmundig ankündigte, seine Armee werde nun das ganze Land „ohne Zögern“ zurückerobern. Den Ausschlag für Putin gab offenbar der provokante Auftritt von Außenminister Walid al-Moallem in Genf, der Assads Zukunft zur „rote Linie“ erklärte und jegliche Vereinbarungen über eine Präsidentenwahl kategorisch ablehnte.

Moskau dagegen hat sich längst mit einem absehbaren Ende der Assad-Ära arrangiert und weiß, dass der Diktator irgendwann in den 18 Übergangsmonaten das Feld räumen muss. Bereits 2012 war Putin bereit, wie Ex-UN-Vermittler Lakhdar Brahimi jüngst eröffnete, Assad zum Rücktritt zu drängen. Doch die UN-Vetomächte USA, Frankreich und Großbritannien winkten ab, weil sie glaubten, dessen Sturz stünde sowieso unmittelbar bevor. Im Dezember 2015 versuchte Putin es erneut und schickte einen hochrangigen General nach Damaskus. Er sollte den Diktator zum Rücktritt drängen, den Alawiten das Überleben ihres Regimes garantieren und von den syrischen Machthabern fordern, mit der moderaten Opposition „realistisch“ zu verhandeln – ein Ansinnen, das die Assad-Clique rundheraus ablehnte.

Putin aber denkt bereits über die Assad-Zeit hinaus. Um Russlands Interessen zu wahren, braucht er vor allem eine Stabilisierung von Restsyrien im Westen des Landes sowie ein konstruktives Verhältnis zu einer möglichen Post-Assad-Führung. Seit Sowjet-Zeiten ist Tartus Marinestützpunkt. Nun gibt es auch die Luftwaffenbasis Hmeimim nahe Latakia, die nach dem Abzug in reduzierter Form bestehen bleiben soll. Russlands UN-Botschafter Witali Tschurkin schlug nun das nächste Kapitel des syrischen Kriegs auf: „Unsere Diplomatie hat einen neuen Marschbefehl erhalten. Wir werden jetzt alle Anstrengungen unternehmen, um eine politische Lösung in Syrien zu erreichen.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Syrien

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