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Syrien Polio-Ausbreitung „Das Regime ist verantwortlich“

Der Polio-Ausbruch wirft ein Licht auf die humanitäre Katastrophe im Land. Hilfsorganisationen in Deutschland beklagen, dass kaum Spenden für die Syrienhilfe eingehen. Auch in Pakistan droht Kinderlähmung sich auszubreiten.

Polio-Impfung in Damaskus - immer weniger Kinder werden gegen die hoch ansteckende Krankheit geimpft. Foto: REUTERS

Der Polio-Ausbruch wirft ein Licht auf die humanitäre Katastrophe im Land. Hilfsorganisationen in Deutschland beklagen, dass kaum Spenden für die Syrienhilfe eingehen. Auch in Pakistan droht Kinderlähmung sich auszubreiten.

Herr Glasenapp, zu all dem Chaos in Syrien kommt jetzt auch noch Polio hinzu. Ist auch die Arbeit von Medico International im Land betroffen?
Nein, nicht unmittelbar. Die Polio ist in Deir al-Zor ausgebrochen, einer ölreichen Stadt am Euphrat in Zentralsyrien, wo wir keine Projekte haben. Die Stadt selbst ist weiter unter Kontrolle der syrischen Armee, das Umland wird von dschihadistischen Rebellen kontrolliert. Das Gebiet ist sehr umkämpft, was auch an der Ölproduktion liegt. Und es ist eine traditionell arme Gegend. Die bisher bekannten Polio-Erkrankungen betreffen ausschließlich Kinder im Alter unter zwei Jahren. Damit ist der Zusammenhang zum Bürgerkrieg klar: Seit zwei Jahren hat es keine Impfungen mehr gegeben, weil das staatliche Gesundheitssystem in den umkämpften Gegenden zusammengebrochen ist. Vorher galt Syrien 15 Jahre lang als poliofrei, mehr als 90 Prozent der Kinder waren geimpft.

Unicef startet jetzt eine breite Impfkampagne.
Ja, aber Unicef arbeitet nur begrenzt in den Rebellengebieten. Und es gibt auch Rebellengebiete, etwa die unter islamistischer Kontrolle, in die gar keine ausländischen Helfer hinein können. Auch das Regime hat eine Impfaktion angekündigt, aber das wird natürlich nur in den staatlich kontrollierten Gegenden stattfinden.

Fördert der Polioausbruch die Spendenbereitschaft für Syrien, oder schadet er eher?
Das ist offen, dafür sind die Meldungen zu jung.

Wie groß ist überhaupt das Interesse, für Syrien Geld zu geben?
Medico hat seit Beginn der Syrienkrise vor zweieinhalb Jahren etwa 220 000 Euro an Spenden bekommen. Das ist angesichts der Not nicht viel. Wir erleben da eine große Zurückhaltung. Die Leute sind auch hilflos, weil sie sich nicht vorstellen können, wie man angesichts der anhaltenden Kämpfe im Land tatsächlich den Opfern helfen kann. Wir können nur immer wieder betonen, wie wichtig unsere humanitäre Hilfe ist, weil mit ihr auch der demokratische Impuls unterstützt wird. Die Syrer, die seinerzeit auf die Straße gegangen sind, haben ja dieselben Rechte auf Freiheit wie die Menschen in Tunesien und Ägypten.

Medico leistet in Rebellengebieten vor allem medizinische Hilfe und stellt Arzneimittel zur Verfügung. Wie können Sie sicher sein, dass Ihre Hilfe wirklich die Opfer erreicht und nicht in die Hände dschihadistischer Kräfte gelangt?
Das geht nur, weil wir inzwischen sehr bewährte Kommunikationsstränge ins Land haben. Wir kennen die Leute vor Ort. Das sind teils noch die Aktivisten der ersten Stunde, sofern die Leute nicht geflohen, in Haft oder tot sind: Die, die vor drei Jahren die Proteste begonnen haben, die sich in lokalen Komitees organisiert haben, die dann, als die Gewalt ausbrach, Untergrundkliniken gegründet haben, in denen verwundete Demonstranten behandelt wurden. Das sind zum Beispiel oppositionelle Ärzte. Wir skypen regelmäßig mit diesen Leuten. Zu den Islamisten muss man leider sagen: Sie sind bestens ausgestattet. Die Unterstützung, die aus arabischen Staaten nach Syrien fließt, übersteigt bei weitem das Spendenaufkommen aus Deutschland.

In akuten Kampfsituationen kann es trotzdem sein, dass etwa Medikamentenlieferungen auch für Islamisten interessant sind.
Das stimmt. Wir haben zuletzt eine größere Medikamentenlieferung in die kurdischen Gebiete gemacht. Das haben wir zusammen mit kurdischen Partnern organisiert, die sich dort gerade mit Islamisten auseinandersetzen müssen, die in die Region eindringen wollen. Wir legen großes Gewicht darauf, die noch vorhandenen demokratischen, fortschrittlichen Kräfte zu stärken und gegen das Militär, aber auch den wachsenden Druck islamistischer Rebellengruppen zu unterstützen.

Neben der Schreckensmeldung über Polio gibt es auch gute Nachrichten. Die Vernichtung der Chemiewaffen läuft gut …
Das ist richtig, aber trotzdem geht der Krieg im Land weiter, weiterhin fliehen täglich 5000 Menschen aus Syrien. Wir wissen zum Beispiel, dass fünf Kilometer von Damaskus entfernt eine ganze Community mit Tausenden Menschen seit mehreren Monaten regelrecht ausgehungert wird, durch eine Blockade der Regierungstruppen. Da sind Kinder verhungert, das ist belegt. Andererseits sind Assads Kräfte in der Lage, fristgerecht Berichte über Chemiewaffenbestände in Den Haag abzuliefern, fast jeden Chemiewaffenstandort zu öffnen und das auch noch als Erfolgsmeldung zu verkaufen. Man sieht also: Das Regime ist durchaus handlungsfähig, wenn es will – und macht davon sehr willkürlich Gebrauch, wie man an der katastrophalen Gesundheitsversorgung sieht. Das darf man hier nicht vergessen, sonst verschafft ausgerechnet der Chemiewaffeneinsatz Assad am Ende noch eine neue politische Legitimation.

Interview: Ursula Rüssmann

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Syrien

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