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Syrien Erst die Dürre, dann der Bürgerkrieg

Wie die Erderwärmung politische Konflikte befeuert, erklärt Klimaforscher Stefan Rahmstorfim Interview mit der Frankfurter Rundschau. Wohlhabende Staaten kämen mit einer Dürre zurecht, so der Experte.

Syrien wurde in den Jahren 2007 bis 2010 von der schlimmsten Dürre in der mehr als 100-jährigen Geschichte der dortigen Wetteraufzeichnungen heimgesucht. Die Folgen: Ernteausfälle, verendetes Vieh, Armut. Foto: rtr

Professor Rahmstorf, der Bürgerkrieg in Syrien eskaliert und erzeugt immer mehr Flüchtlinge. Der Konflikt begann jedoch schon vor vier Jahren, nach einer schweren Dürreperiode im Land. Haben Dürre und Gewalt etwas miteinander zu tun?
Der Ausbruch von Unruhen und Gewalt hat natürlich immer eine ganze Reihe von Ursachen, darunter vor allem politische und gesellschaftliche Voraussetzungen. Eine wohlhabende, stabile Demokratie wie die USA kommt auch mit einer Dürre zurecht. Leider gibt es auf der Erde aber auch viele verletzliche und schwache Staaten, wo Naturkatastrophen oder Ernteausfälle durchaus ein Auslöser für Instabilität sein können - insbesondere wenn die Regierung bei der Bewältigung der Situation versagt oder überfordert ist. Ein 2013 in der Fachzeitschrift Science publizierter Überblick über 60 einzelne Studien zeigte, dass Abweichungen von normalen Niederschlägen und erhöhte Temperaturen systematisch die Gefahr von Konflikten erhöhen.

Gibt es konkrete Hinweise zu Syrien?
Eine weitere Studie hat belegt, dass zahlreiche gewaltsame Proteste in Nordafrika und dem mittleren Osten in den Jahren 2008 und 2011 gerade mit den beiden großen Spitzen der Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt zusammenfallen. Auch die Weltbank findet in einem Report aus dem letzten Jahr einen Zusammenhang des „arabischen Frühlings“ mit den durch Missernten bedingt hohen Nahrungsmittelpreisen plausibel, wenn auch kaum beweisbar. Was die Lage in Syrien angeht: Fakt ist, dass das Land in den Jahren 2007 bis 2010 von der schlimmsten Dürre in der mehr als 100-jährigen Geschichte der dortigen Wetteraufzeichnungen heimgesucht wurde. Ernten blieben aus, sehr viel Vieh verendete.

Was genau geschah in Syrien als Folge davon?
Rund anderthalb Millionen Menschen flohen aus Not aus den ländlichen Gebieten Syriens und suchten Zuflucht in der Peripherie großer Städte wie Homs und Aleppo. Dort gab es Arbeitslosigkeit, Überfüllung, unzureichende Infrastruktur und Kriminalität, und daher eine massive Unzufriedenheit. Dort lag dann auch die Keimzelle der syrischen Revolte – die aber, das muss noch mal betont werden, natürlich eine ganze Reihe von Gründen hatte.

Welche Schuld trägt das Assad-Regime an der Eskalation?
Die Eskalation war im Wesentlichen sicher eine politische. Aber schon im Vorfeld der Dürre gab es Fehler. Eine dieses Jahr in den renommierten Proceedings of the National Academy of Sciences der USA erschienene Studie sieht einen wichtigen Grund für den massiven Einbruch der Landwirtschaft in einer verfehlten, nicht nachhaltigen Agrarpolitik: wie Satellitendaten zeigen wurden die Grundwasservorräte übernutzt, was Syrien dann sehr anfällig in der Dürre machte. Der Fluss Chabur, ein Zufluss des Euphrat, trocknete aus. Später versagte das Regime dann dabei, den von der Dürre betroffenen Menschen zu helfen.

Die globale Erwärmung führt nach Voraussagen des UN-Klimarats IPCC verstärkt zu Dürren und Missernten. Könnten dadurch weitere „Syriens“ entstehen?
Die schon genannte Studie zeigt, dass bereits die schwere syrische Dürre wahrscheinlich eine Folge der globalen Erwärmung war. Da die Dürren weiter zunehmenwerden und es in absehbarer Zeit auch weiterhin fragile Staaten geben wird, dürfte durch die globale Erwärmung die Zahl der Flüchtlinge in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen. Der Klimawandel ist hier ein zusätzlicher Faktor, aber natürlich haben Flüchtlingsströme immer mehrere Auslöser.

Welche Regionen der Erde sind besonders gefährdet?
Besonders die heute schon eher trockenen Gebiete müssen mit einer weiteren Austrocknung rechnen, neben dem Mittelmeerraum u.a. Südafrika, Australien und die südlichen Staaten der USA. Besonders anfällig gegenüber Ernteausfällen sind dabei vor allem Entwicklungsländer, in denen ein Großteil der Bevölkerung sich selbst versorgt, also von Subsistenzlandwirtschaft lebt. Als gesellschaftliche Risikofaktoren für Konflikte gelten dabei starke Binnenmigration, ungleiche Einkommensverteilung und geringe Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungen.

Sie sind Co-Autor des Gutachtens „Sicherheitsrisiko Klimawandel“, der vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen geschrieben wurde. Das Wort „Klimakrieg“ findet sich darin aber nicht. Wieso?
Das ist ein sehr plakativer Begriff; ich ziehe eine differenzierte Betrachtung vor. Gewaltsame Konflikte haben meist ein komplexes Ursachengeflecht, daher ist der Begriff „Klimakrieg“ irreführend.

Der fruchtbare Halbmond östlich des Mittelmeers war die Wiege der Zivilisation, im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris entstanden vor 12.000 Jahren zuerst Ackerbau und Viehzucht – und in der Folge die erste Städte. Was ist seine Zukunft?
Klimamodelle sagen einen anhaltenden Trend zu immer stärkerem Wassermangel in dieser Region vorher. Schon 2008 warnte deshalb eine Studie, der fruchtbare Halbmond werde als solcher verschwinden.

Interview: Joachim Wille

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Syrien

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