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Syrien Erdogans Dilemma in Idlib

Die Türkei hat keine kohärente Strategie für Syrien. Das rächt sich nun, wenn die Offensive der Regierungstruppen auf Idlib bevorsteht. Eine Analyse.

Syrische Rebellen
Einheiten der syrischen Rebellen bereiten sich in Idlib auf die Offensive der Regierungstruppen vor. Foto: afp

Eines der wichtigsten Gesprächsthemen beim Besuch des deutschen Außenministers Heiko Maas in der Türkei war die angespannte Lage in der letzten syrischen Rebellenhochburg Idlib, wo in den nächsten Tagen ein Angriff der Regierungstruppen und ihrer Verbündeten bevorzustehen scheint. 

Für die Türkei wäre das ein Alptraumszenario, weil neue Flüchtlinge aus der benachbarten syrischen Provinz zu den rund 3,5 Millionen Syrern stoßen würden, die bereits im Land sind. An diesem Freitag treffen sich die Präsidenten der Türkei, Russlands und des Irans zu einem Syriengipfel in Teheran, um Optionen für den Stopp der Militäroffensive zu erwägen, obwohl sie völlig verschiedene Positionen vertreten.

Erdogan warnt Assads Verbündete aus Russland und dem Iran

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan warnte die russischen und iranischen Verbündeten des syrischen Diktators Baschar al-Assad, dass eine massive Militärkampagne, der es nicht gelänge, „Terroristen“ von Zivilisten zu trennen, zu einer neuen humanitären Katastrophe führen würde. Auch die Vereinten Nationen forderten alle Beteiligten auf, sich zu einigen, um die „schreckliche Gefahr einer „blutigen Schlacht“ abzuwenden.

Lebten in der Provinz vor dem Bürgerkrieg etwa eine Million Syrer, so halten sich nach UN-Angaben derzeit rund 2,9 Millionen Menschen dort auf, darunter etwa ein Drittel Kinder. Rund 1,4 Millionen Binnenflüchtlinge kamen in die weitgehend unzerstörte Region, deren Hauptstadt nur 30 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt ist. Da die Provinz fast völlig von Assads Truppen umstellt ist, bleibt Flüchtlingen als Ausweg nur die Türkei oder das türkische Protektorat Afrin auf syrischem Boden. Während die Türkei ihre Grenze weiter abriegelt, flüchteten in den vergangenen Tagen bereits Hunderte Menschen nach Afrin.

Al-Kaida-Ableger und Dschihadisten kontrollieren Idlib

In Idlib unterhält die Türkei zwölf Militärposten, um eine „Deeskalationszone“ in der Provinz zu überwachen. Dschihadisten des Al-Kaida-Ablegers Hayat Tahrir al-Sham (HTS) hatten den türkischen Truppen im vergangenen Jahr Begleitschutz gewährt, um diese Positionen aufzubauen. Die HTS, deren Stärke die Vereinten Nationen auf 10 000 Mann schätzt, beherrscht große Teile der Provinz Idlib. Während die Erdogan-Regierung deren Aktivitäten früher tolerierte, forderte sie sie unter dem Druck der drohenden Regierungsoffensive mehrfach auf, ihre Miliz aufzulösen und sich der vom türkischen Militär unterstützten „Allianz Nationale Befreiungsfront“ sogenannter „gemäßigter Rebellen“ anzuschließen.

Doch obwohl „moderate Kräfte“ innerhalb der HTS dazu angeblich bereit waren, scheiterte die Entwaffnung offenbar vor allem an den ausländischen Kämpfern der Miliz. Unter ihnen sind geschätzt rund 3000 Extremisten aus Russland, Usbekistan und China, die in einem von Assad beherrschten Nachkriegssyrien keine Zukunft mehr haben dürften. Nachdem die Dschihadisten das Ultimatum ablehnten, listete Ankara die HTS sie nun erstmals offiziell als Terrororganisation auf.

Erdogan braucht Teheran im Kampf gegen Dschihadisten

Erdogan will jetzt versuchen, seine Gesprächspartner in Teheran zu überzeugen, die HTS-Dschihadisten in Idlib zu isolieren und mithilfe von Türkei-treuen Rebellen zu bekämpfen. Dieser Schritt käme jedoch einer Kriegserklärung an die HTS gleich und gefährdet somit auch die Sicherheitslage der Türkei, in der Tausende radikale frühere Syrienkämpfer leben. Bisher ist auch völlig unklar, wie sich Ankara eine Isolierung der HTS-Milizionäre vorstellt.

In den vergangenen Wochen trafen sich die türkischen Außen- und Verteidigungsminister mehrfach mit ihren russischen Amtskollegen. Dabei wurden Diplomaten aus Ankara aufgefordert, selbst militärisch gegen die Dschihadisten vorzugehen, wobei Russland und Iran diesen Kreis wesentlich weiter ziehen als die Türkei, was es Ankara praktisch unmöglich macht, darauf einzugehen.

Nun rächt sich, dass die türkische Syrien-Politik nie einer kohärenten Strategie folgte – abgesehen von dem Ziel, die Autonomiebestrebungen der mit den USA verbündeten Kurden einzudämmen. Zu diesem Zweck hat die Türkei im Frühjahr die kurdische Enklave Afrin erobert. Um nicht zwischen den Blöcken zerrieben zu werden, haben die syrischen Kurden inzwischen Kooperationsgespräche mit Damaskus begonnen und werden sich nach Angaben des US-Nahostexperten Charles Lister an der Regierungsoffensive gegen Idlib beteiligen.

Gegenüber Russland und dem Iran hat sich die selbsternannte nahöstliche Großmacht Türkei ebenso wie im Verhältnis zu den USA an die Wand manövriert. Abgesehen vom Kampf gegen die Kurden geht es Erdogan offenbar nur noch darum, die Grenze dicht zu halten und Afrin zu einem gigantischen Flüchtlingslager zu machen, in das auch möglichst viele Syrer aus der Türkei zurückgeschoben werden. Die Nahost-Medienplattform Al-Monitor zitierte den pensionierten türkischen Brigadegeneral Naim Baburoglu mit den Worten, dass Ankara kaum eine andere Wahl bleibe, als sich dem Druck Russlands und des Irans zu unterwerfen, seine syrischen Verbündeten zu opfern und sich mit dem Assad-Regime zu versöhnen. Dann wäre die Türkei – neben den Menschen, die für Freiheit und Demokratie aufstanden – der große Verlierer in der syrischen Tragödie.

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