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Syrien Die wahren Herrscher von Idlib

In der einstigen Hochburg der Freien Syrischen Armee hat offenbar ein Ableger von Al-Kaida das Sagen: Das zeigt ein bemerkenswerter Film, der nur verdeckt und unter Lebensgefahr gedreht werden konnte.

SYRIA-CONFLICT-DAMASCUS
Immer mehr Rebellen kommen nach Idlib: Diese Zivilisten und Kämpfer wurden aus dem nordöstlichen Damaskus in ein Camp in der Provinz gebracht. Foto: IBRAHIM YASOUF (AFP)

Sie zählt zu den bekanntesten Kriegsreportern in Nahost: die Libanesin Jenan Moussa. Die 32-jährige Journalistin des arabischen TV-Senders Al Aan aus Dubai hat IS-Terroristen enttarnt, hat den Bombenhagel in Aleppo überlebt – und jetzt eine neue Dokumentation mit einzigartigen Bildern veröffentlicht. Das Video erregte im Internet erhebliches Aufsehen, hat aber auch viel Kritik hervorgerufen. Ihre 22-minütige Reportage mit verdeckt gedrehten Aufnahmen aus der syrischen Aufstandsprovinz Idlib nahe Aleppo an der Grenze zur Türkei gibt erstmals Einblicke in eine westlichen Reportern weitgehend verschlossene Welt.

Jenan Moussa, deren Sympathien klar der demokratischen syrischen Opposition gelten, stellt in ihrer Dokumentation mit dem Titel „Undercover in Idlib“ eine provokante These auf. Idlib, das einmal als Hochburg der moderaten Freien Syrischen Armee (FSA) bekannt war, werde inzwischen weitgehend vom syrischen Al-Kaida-Ableger Al-Nusra-Front beherrscht, dessen Regime sich nur graduell vom „Kalifat“ der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) unterscheide. „Al Kaida scheint die Region effektiv zu kontrollieren“, sagt Moussa in dem englisch untertitelten Youtube-Film. Das ist umso besorgniserregender, als die Türkei, die sich stark in der Provinz engagiert, den Dschihadisten offenbar wenig entgegenzusetzen hat.

 

 

Moussa ist bekannt für ihre guten Kontakte mit Oppositionellen in der vom Assad-Regime eingekesselten Region Idlib. Mittlerweile soll die nordsyrische Provinz in Teilen als „Schutzzone“ unter den im kasachischen Astana zwischen Russland, dem Iran und der Türkei ausgehandelten Waffenstillstand fallen. Weil sich in Idlib aber immer mehr Binnenflüchtlinge sammeln und aus anderen Landesteilen wie Aleppo evakuierte Rebellen dorthin gebracht werden, gilt die Region als nächster Brennpunkt im syrischen Bürgerkrieg. Der verheerende Giftgasangriff des Assad-Regimes Anfang April mit mehr als 80 Toten gab einen Vorgeschmack auf mögliche kommende Katastrophen.

Unabhängige Reporter konnten bisher nur unter Lebensgefahr aus Idlib berichten. Auch Jenan Moussa hat ihren Film nicht selbst dort gedreht, sondern verwendete Aufnahmen von drei Mitarbeitern, die große Risiken eingingen, als sie um die Jahreswende mit ihren Smartphones heimlich in Städten und Dörfern der Provinz drehten. „Reporter werden entweder gekidnapped oder getötet oder beides“, sagt Moussa im Film. „Oppositionsaktivisten auf der anderen Seite werden ständig von bewaffneten Extremisten bedroht. Es gab also nur einen Weg: undercover nach Idlib zu gehen, um herauszufinden, was dort vor sich geht.“

Die Dokumentation besteht zum großen Teil aus Bildern, die aus fahrenden Autos gefilmt wurden: Straßenszenen, Rebellencheckpoints und die allgegenwärtigen Slogans der Al-Kaida-Ableger auf Mauern und Plakatwänden wie zum Beispiel: „Frauen sind Reproduktionsorgane“, „Demokratie ist die Religion des Westens“. Selbst in der Stadt Kafranbel, die bis zum vergangenen Jahr als die letzte echte Bastion der moderaten säkularen Opposition in Syrien galt, wehen die schwarzen Dschihadisten-Flaggen. Mehrfach kommen die weißen SUVs der Nusra-Religionspolizei ins Bild, ihre Rekrutierungsbüros, Scharia-Gerichte und Gefängnisse. Nur in einer einzigen Stadt, Maraat Nouman, konnten die Filmer eine Protestdemonstration gegen die Herrschaft der Islamisten dokumentieren.

Der Film zeigt auch, dass die im vergangenen Juli verkündete Wandlung der Nusra-Front zur Jabhat Fateh al-Sham tatsächlich nur ein Namenswechsel ist, denn häufig werden beide Namen weiter synonym benutzt. Auf den Straßen sieht man bärtige Kämpfer, und wenn Frauen ins Bild kommen, haben sie ihr Haar ausnahmslos bedeckt oder sind sogar vollverschleiert, was in Syrien vor dem Krieg nicht normal war.

Auf Twitter schreibt Jenan Moussa, dass ihre drei Undercovermitarbeiter große Angst gehabt hätten, von Nusra-Kämpfern gefangen zu werden. „Immer, wenn sie etwas gefilmt hatten, kamen sie in die Nähe der türkischen Grenze, verbanden sich mit einem Internetprovider und überspielten mir die Aufnahmen. Anschließend löschten sie sie von ihren Smartphones. In Idlib kann man jederzeit von Nusra gezwungen werden, sein Handy herauszugeben. Sie checken dann die Bilder, Videos, Kontakte. Das befürchteten meine Quellen am meisten.“

Auf den Straßen der Provinz gibt es zahlreiche Checkpoints, die von verschiedenen Rebellengruppen kontrolliert werden, neben den Al-Kaida-Ablegern auch von der islamistischen Miliz Ahrar al-Sham und der FSA. Laut Moussas Zählung gab es an den drei Hauptstraßen im Winter 38 Kontrollpunkte, von denen 27 zu Al-Nusra und ihren Abkömmlingen gehörten, neun zur (mit der Türkei verbündeten) Ahrar al-Sham und nur zwei zur FSA.

Moussas Mitarbeiter filmten mehrfach Aushänge über Auktionen konfiszierter Immobilien und Felder, die zuvor meistens der überwiegend geflüchteten christlichen Minderheit gehört hatten. Die Dokumentarfilmer konnten auch bestätigen, dass im südwestlichen Zipfel der Provinz in und um die großenteils zerstörte Kleinstadt Dschisr al-Schughur jetzt ausländische Dschihadisten das Sagen haben – muslimische Uiguren aus der chinesischen Unruheprovinz Xinjiang, die die Region im April 2015 vom IS eroberten. Moussas Mitarbeiter schätzen ihre Zahl mit Frauen und Kindern auf bis zu 20 000. Es gebe zwar noch moderate Rebellen, aber sie hätten keine Macht mehr, konstatiert die Filmemacherin. Vielmehr zeige sich in Idlib, „dass der syrische Aufstand von Extremisten gekapert wurde und sehr viele ausländische Kämpfer involviert sind“.

Den Gründen für den Kontrollverlust spürt sie allerdings nicht nach, ebenso wenig wie der Frage, wieso die Rebellenschutzmacht Türkei die Dschihadisten nicht stoppt. Moussa kann aber zeigen, dass in Idlib in der Türkei gedruckte arabischsprachige Dschihadistenhandbücher kursieren, die beispielsweise erklären, „wie man mit weiblichen Sklaven umgeht“. Ein Scoop gelingt ihr mit Bildern eines bisher geheimen Grenzübergangs „für Islamisten und ihre Familien“ nahe der türkischen Ortschaft Güvecci, der offenbar gemeinsam von der Türkei und der Al-Nusra-Front betrieben wird.

Nachdem die Nusra-Front sich im Februar erneut umbenannte, reisten Moussas Informanten noch einmal durch die Provinz Idlib und drehten Bilder, die zeigen, dass die Dschihadisten sich mittlerweile in Camouflage üben. Fahnen und Mauer-inschriften mit Al-Kaida-Slogans wurden übertüncht oder ersetzt, die schwarzen Plakate durch farbige ersetzt, „mit dem Ziel, der lokalen Bevölkerung eine ansprechendere Botschaft zu senden“, wie Jenan Moussa kommentiert. Denn die Menschen in Idlib befürchten eine bevorstehende Offensive der von Russland und dem Iran unterstützten Assad-Armee, da immer mehr Rebellen aus anderen Teilen des Landes nach Idlib strömen.

Wenn Moussa die Übermalungen zur reinen Taktik erklärt, verkennt sie allerdings, dass es innerhalb der Nusra-Front tatsächlich eine erkennbare Absetzbewegung von der Al-Kaida-Zentrale gibt. Der Nusra-Chef Mohammad al-Jolani versucht mit einer gemäßigten Rhetorik und Gesprächsangeboten an die Türkei derzeit auf pragmatische Art das Überleben seiner Gruppe zu sichern.

In den sozialen Netzwerken wird Jenan Moussa dafür kritisiert, dass sie mit ihrem Film Propaganda gegen die Rebellen mache und eine Rechtfertigung für neue Bombardierungen schaffe, unter denen dann wieder vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden hätte. Leider setzt sich die Filmemacherin mit solcher Kritik nicht auseinander. Auch eine Anfrage der FR beantwortete sie nicht.

Wenn sich auch zahlreiche Aussagen ihres Films nicht nachprüfen lassen, sprechen doch viele Bilder für sich wie jenes der Straßenkreuzung in der Stadt Kumeia, auf der früher eine Marienstatue stand, die jetzt durch eine schwarze Nusra-Fahne ersetzt ist oder auch die Aufnahmen menschenverachtender Plakatinschriften und menschenleerer Straßen in der Ruinenstadt Dschisr al-Schughur. Trotz seiner Schwächen ist „Undercover in Idlib“ ein außergewöhnliches Filmdokument.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Syrien

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