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Syrien Der Krieg in seiner gefährlichsten Phase

Russland will eine Offensive der syrischen Armee abwenden und setzt dabei auf die Türkei. Es geht um den Kampf um die Rebellenhochburg Idlib.

Syrien
Russische und syrische Einheiten stehen vor den Toren von Idlib. Foto: afp

„Das Ende ist nahe“, titelten die Flugblätter, die Hubschrauber kürzlich im Norden Syriens abwarfen. „Nehmt unsere Versöhnungsofferte an“, beschwor das Regime die Bewohner der letzten Rebellenprovinz. „Sie wird euch von der Herrschaft der Terroristen befreien und das Leben eurer Familien retten.“ Mit dieser Propagandaaktion ist der Kampf um Idlib eröffnet.

Der syrische Bürgerkrieg geht in seine entscheidende und gefährlichste Phase. „Idlib ist nun das nächste Ziel“, kündigte Baschar al-Assad Ende Juli an. Videos zeigen endlose Lastwagenkolonnen mit Militärgerät auf dem Weg in Richtung Norden, nach Angaben der Regierungszeitung „Al Watan“ der größte Truppenaufmarsch seit Kriegsbeginn 2011. Doch anders als bei den Schlachten um Ost-Aleppo, Ost-Ghuta und die südliche Enklave Daraa ist die Lage im Norden Syriens erheblich vertrackter und unkalkulierbarer.

2,5 bis drei Millionen Menschen leben in der gebirgigen Idlib-Region. Mindestens 40 Prozent sind Binnenflüchtlinge, darunter Zehntausende besiegte Assad-Gegner, die sich mit Bussen aus früheren Rebellenenklaven evakuieren ließen. Die Zahl der Bewaffneten wird auf 70 000 geschätzt, von denen die Hälfte der Al-Kaida-nahen Hayat Tahrir Sham (HTS) angehört.

Deren Extremisten kontrollieren 60 Prozent der Provinz und lieferten sich mit konkurrierenden Rebellengruppen immer wieder blutige Scharmützel. „Das Ganze ist ein Dschungel“, heißt es in den Reihen der politischen Exil-Opposition. Momentan herrscht ein fragiler Burgfrieden. Anfang August schlossen sich alle Nicht-Al-Kaida-Kämpfer zur „Nationalen Befreiungsfront“ (NLF) zusammen, einem von der Türkei unterstützten Dachverband, dessen ideologische Bandbreite von der moderaten „Freien Syrischen Armee“ über Muslimbrüder-Verbände bis zu nationalistischen Salafisten reicht.

In dieser zugespitzten Lage fällt der Türkei eine Schlüsselrolle zu. Idlib liegt vor ihrer Haustüre. Zwölf Militärposten mit 1300 Soldaten, die offenbar jüngst mit Boden-Luft-Raketen ausgerüstet wurden, hat Ankara wie einen Ring um das Gebiet gelegt. Eine Offensive Assads ist für Präsident Recep Tayyip Erdogan eine „rote Linie“, auch weil sie die größte Flüchtlingstragödie des siebenjährigen Bürgerkriegs auslösen könnte. „Wir müssen vermeiden, dass es in und um Idlib zu einer humanitären Katastrophe kommt“, warnte am Samstag Angela Merkel in Meseberg bei ihrem Treffen mit Wladimir Putin. Denn sollte die Türkei von Hunderttausenden Verzweifelten überrannt werden, könnte die nächste Massenflucht gen Europa bevorstehen.

Und so bietet der Kreml-Chef offenbar an, seinen Schützling Assad von einer offenen Feldschlacht abzuhalten, wenn Europa im Gegenzug die ersten Milliarden für den Wiederaufbau lockermacht. Den russischen Sondergesandten für Syrien ließ er Berichte über eine Offensive als „Gerüchte“ dementieren. „Eine Großoperation in Idlib steht nicht zur Debatte“, erklärte Alexander Lawrentiew.

Gleichzeitig jedoch ist dem Kreml das Treiben der radikalen HTS ein Dorn im Auge. Mehr als zwanzig Drohnenangriffe flogen die Extremisten bisher auf die zentrale russische Luftwaffenbasis Khmeimim nahe Latakia. Die Gefahren, die von Idlib ausgingen, seien enorm, warnte Russlands Emissär Lawrentiew. Moskau hoffe, dass die gemäßigten Rebellen und „unsere türkischen Partner“ die Lage in den Griff bekämen. Dazu bot Ankara nun offenbar an, mit Hilfe der verbündeten „Nationalen Befreiungsfront“ die Al-Kaida-Brigaden zurückzudrängen, ohne eine offene Konfrontation loszutreten. „Wir wollen die moderate Opposition von den Terroristen trennen“, erklärte der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu nach einem Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Sergei Lawrow. Die Terroristen seien bei den moderaten Gruppen und bei der Zivilbevölkerung gleichermaßen verhasst, „darum sollten wir alle zusammenarbeiten“.

Im Gegenzug bekäme die Provinz Idlib einen gewissen Autonomiestatus, garantiert durch Russland und die Türkei. Dem Regime in Damaskus könnten beide Staatschefs als Kompromiss die Rückeroberung von Randbezirken zugestehen, im Süden Richtung Hama und im Westen Richtung Latakia, was die Rebellenenklave im Kern intakt ließe.

Assad weiß, ohne massive russische Luftunterstützung kann er die Aufständischen nicht besiegen. Auch wird er nicht riskieren, sich mit Wladimir Putin zu überwerfen. Insofern könnte sich der Diktator zunächst einmal mit einer Offensive in Etappen abfinden, wohl wissend, dass er später weitere Landstriche unter seine Kontrolle bringen kann.

In dieser hochgespannten Lage werden die kommenden Wochen zeigen, wie hoch der Einfluss Russlands auf das syrische Regime und die vom Iran gesteuerten Milizen ist. „Russland hat längst nicht alles so unter Kontrolle, wie es aussieht“, meint Riad Khawija, Chef des „Institute for Near East and Gulf Military Analysis“ in Dubai. 

In das gleiche Horn stößt Charles Lister vom Washingtoner „Middle East Institute“. Leider gebe es bisher keine Belege dafür, „dass zurückhaltende Worte Russlands am Ende auch zurückhaltende Taten nach sich ziehen“. Sollten russische Stellungnahmen in der nächsten Zeit wieder stärker das Thema „Terrorgruppen“, also HTS und Al Kaida, in den Vordergrund rücken, müsse man davon ausgehen, dass eine Militäroffensive näher rückt.

Momentan suggerierten die Stellungnahmen aus Moskau zwar noch das Gegenteil. Aber insgesamt sehe es so aus, „dass sich die Gründe für eine Regimeoffensive eher verstärken“.

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