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Syrien Auf den Knien vor Präsident Assad

Tausende Syrer sind ins Nachbarland Türkei geflohen. Sie berichten von Gewalt, Folter und Mord in ihrer Heimat.

Abdulrahim Mujelwi aus Idlib wurde als Muslimbruder verdächtigt. 24 Jahre lang saß er in Syrien im Gefängnis. Jetzt lebt er im Flüchtlingslager Boynuyogun. „Bashar ist ein Mörder“, sagt er. Foto: Frank Nordhausen

Vor vier Monaten waren die Berge zwischen dem türkischen Dorf Güvecci und dem syrischen Dorf Khirbet al-Dschous Schauplatz eines Flüchtlingsdramas. Tausende Syrer drängten hier über die Grenze, als die Armee ihres Landes gegen friedliche Demonstranten vorging. Jetzt ist wieder Ruhe eingekehrt, doch Mahmut Övür, Olivenbauer in Güvecci, traut dem Frieden nicht. „Sehen Sie das Dorf drüben? Kein normaler Mensch ist mehr dort. Nur Soldaten!“, sagt er. Mit dem Fernglas kann man die Syrer in ihren Tarnuniformen beobachten. Panzer stehen in den Straßen.

Als am 12. Juni die syrische Armee mit 40 Panzern in Khirbet al-Dschous einrückte, räumten die Türken eilends auch das im Tal errichtete Zeltdorf für die syrischen „Gäste“, wie man die Flüchtlinge offiziell nennt. Die meisten von ihnen wurden ins 20 Kilometer entfernte Yalaydagi gefahren und in einer ehemaligen Zigarettenfabrik untergebracht. 1.500 Menschen leben jetzt dort. Der Zaun ist mit Plastikplanen abgedichtet.

An diesem Tag aber dringen arabische Sprechchöre nach draußen: „Die Arabische Liga muss Syrien ausschließen!“ Als sich das Haupttor öffnet, sind auf einem Platz im Innern mehrere hundert Menschen zu erkennen, die eine Kundgebung abhalten. „Wir brauchen endlich eine scharfe Reaktion der Arabischen Liga gegen das syrische Regime“, sagt einer von drei Männern, die das Lager verlassen, um in der Stadt etwas einzukaufen. Sie sind 30 bis 36 Jahre alt und stammen alle aus Khirbet al-Dschous.

Assads Regierung verbietet Journalisten die Einreise

„Wir haben friedlich gegen Präsident Bashar al-Assad demonstriert, für Freiheit und Würde. Deshalb nennen sie uns Aufrührer“, sagt Nagi Abdul-Wahab, ein kleiner Mann mit sonnenverbranntem Gesicht. „Die Geheimdienst-Agenten begannen, Leute grundlos zu verprügeln und unsere Häuser zu verwüsten.“ Von einst 4.000 Dorfbewohnern seien ganze 20 bis 30 zurückgeblieben. „Nur ein paar Alte und die Regimetreuen. Jetzt hat die Armee das Dorf in ein Militärcamp verwandelt.“

Die Männer berichten von Angehörigen, die im Gefängnis sitzen oder misshandelt wurden. Sie haben Tote in der Familie zu beklagen. „Mein 19-jähriger Cousin Saher Faydou wurde bei einer Demonstration von einem Scharfschützen in den Bauch geschossen und starb“, sagt Nagi Abdul-Wahab. Er zieht ein Foto aus der Tasche, das eine blutverschmierte Leiche zeigt. „Das ist Mohammed al-Sufan aus unserem Dorf. Er wurde von syrischen Grenzern ermordet, als er drei Deserteuren helfen wollte, in die Türkei zu flüchten. Alle vier wurden erschossen.“

Keine dieser Angaben lässt sich überprüfen, die syrische Regierung gestattet ausländischen Journalisten die Einreise nicht. So lässt sich auch nicht recherchieren, was der Architekt Hussam Assad erzählt, der seit Juli im Lager Yalaydagi lebt. Der 31-Jährige geht an Krücken, die Knochen seines rechten Beines wurden von einer Kugel zerfetzt. Am 25. Mai habe er in Idlib an einer Demonstration teilgenommen, sagt er. Es sei scharf geschossen worden. Zusammen mit anderen Verwundeten hätten ihn die Geheimdienstler ins städtische Krankenhaus gebracht, dort geschlagen und gezwungen, vor einem Bild Bashar al-Assads niederzuknien und zu rufen: „Es gibt keinen Gott außer Bashar!“

In der „Klinik des Grauens“, wie sie Assad nennt, hätten Geheimdienstler regelmäßig die Verletzten bedroht und einige getötet; auch Ärzte hätten sich daran beteiligt. „Ein etwa 35-jähriger Mann, der sich weigerte, Bashar als Gott zu preisen, wurde vor meinen Augen erst in die Schulter, dann in den Kopf geschossen“, sagt Hussam Assad. „Mein Cousin, der beim Polizeigeheimdienst arbeitet, half mir, aus dem Hospital zu entkommen.“

In den sechs türkischen Flüchtlingslagern bei Hatay werden derzeit rund 7.700 Syrer beherbergt. „Wir danken der Türkei für Unterkunft, dem Roten Halbmond für Essen und Medizin. Sie geben uns sogar Winterkleidung. Es fehlt uns an nichts außer der Heimat“, sagen sie und beklagen sich nur, dass man ihnen noch immer nicht den offiziellen Status als Flüchtlinge zubillige. So dürften sie nicht arbeiten und die Lager nur mit Genehmigung verlassen. Vorwürfe aus Damaskus, türkische Sicherheitskräfte hätten syrische Frauen in den Lagern vergewaltigt, weisen sie strikt zurück. „Das ist Propaganda des Regimes, damit keine Leute mehr in die Türkei gehen“, sagt Nagi Abdul-Wahab. „Die Türken kümmern sich gut um uns.“

Flüchtlinge werden gut versorgt

Das Lager von Boynuyogun liegt in einer weiten Ebene bei Antakya, in der vor allem Mais und Baumwolle gedeihen. Schnurgerade durchziehen neue Asphaltpisten das umzäunte und von Soldaten kontrollierte Gelände. Akkurat ausgerichtet stehen die 554 weißen Einfamilienzelte für die derzeit 1.300 „Gäste“ in der Herbstsonne. Jedes Zelt hat Stromanschluss, neue Matratzen und Plastikstühle. Für die Kinder gibt es Spielplätze, für die Älteren einen Fußball- und einen Basketballplatz. Beim Rundgang ergehen sich die Verantwortlichen in Superlativen – stets gelte: „Für unsere Gäste ist das Beste gerade gut genug!“ Im Feldlazarett zeigt die vom Staat entsandte Ärztin auf die wohlgefüllten Vitrinen mit Medikamenten. „Wir sind auf alles vorbereitet“, sagt sie, spricht von Impfprogrammen für die Kinder und Psychologen für die Traumatisierten. In drei Zelten werden Kinder unterrichtet, im Moscheezelt die Erwachsenen geistlich betreut, im Computerzelt Frauen am Laptop geschult. Ein „Süper Camp“ nennt es einer der Betreuer auf Türkisch.

Die Menschen stammen fast alle aus den syrischen Städten Latakia, Hama und Idlib, die als Protesthochburgen gelten. Ihre Geschichten ähneln sich und sind so geballt kaum zu ertragen. Abdulrahim Mujelwi, ein 55-jähriger Gelegenheitsarbeiter aus Idlib, war, wie er sagt, als angebliches Mitglied der islamistischen Muslimbrüder 24 Jahre lang in den schrecklichsten syrischen Gefängnissen eingesperrt. „Ich war und bin aber kein Muslimbruder“, sagt der fromme Mann. Er berichtet von Gewalt und Folter im Gefängnis Tadmor in Palmyra und in der Haftanstalt Sednaya in Damaskus. Ihm fehlen zwei Schneidezähne, ein Wächter habe sie ihm ausgeschlagen. „268 Männer kamen in Tadmor ums Leben. Sie wurden zu Tode gefoltert, erschossen, aufgehängt“, sagt er.

Abdulrahim Mujelwi ist ein freundlicher älterer Herr, aber wenn er über Bashar al-Assad spricht, spürt man glühenden Hass. „Bashar ist ein Mörder! Ich hoffe, dass sich Leute finden, die diesen Unhold für immer aus der Welt auslöschen“, sagt er und fragt: „Sind wir denn weniger wert als die Libyer? Warum gibt es in Syrien keine Flugverbotszone? Warum lässt uns die Welt im Stich?“ Die Umstehenden nicken zustimmend, auch die Türken.

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