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Symposium „Demo für alle“ Reaktionäres Weltbild verwissenschaftlicht

Die „Demo für alle“ kämpft seit Jahren gegen eine behauptete „Frühsexualisierung der Kinder“. Auf dem Symposium „Sexualpädagogik der Vielfalt. Kritik an einer herrschenden Lehre“ will sie wissenschaftlich glänzen. Die FR hat mitgehört - die Analyse.

Hedwig Freifrau von Beverfoerde spricht vor besorgten Eltern. Foto: imago/7aktuell

Seit Jahren kämpft die selbsternannte „Demo für alle“ um Hedwig von Beverfoerde verbissen gegen eine behauptete „Frühsexualisierung der Kinder“. Auf die Barrikaden gehen sie aktuell wegen des modifizierten hessischen „Lehrplans zur Sexualerziehung“, in dem es um die Vermittlung einer Akzeptanz sexueller Identität geht, was nichts anderes heißt, als dass jedem Menschen jenseits des heterosexuellen Normativen ein diskriminierungsfreies Leben möglich ist. Entsprechend sollen sich Kinder und Jugendliche unabhängig ihrer Sexualität als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft fühlen.

Doch da hat das Kultusministerium die Rechnung ohne die „besorgten Eltern“ um von Beverfoerde gemacht. Die hatten bereits am 30. Oktober 2016 zum Marsch auf Wiesbaden geblasen, am 6. Mai fand nun ein Symposium in der hessischen Landeshauptstadt statt: „Sexualpädagogik der Vielfalt. Kritik an einer herrschenden Lehre“ war die Veranstaltung im Friedrich Saal im Kurhaus übertitelt, wobei interessant wäre zu wissen, woher der Verein das Geld für eine derart pompöse Location hat. Die Einnahmen aus den Klingelkörbchen an den Ein- und Ausgängen dürften hierfür nicht ausreichen.   

Die Veranstaltung

Bereits am Einlass wurde klargestellt, dass man sich hier nicht „gendern“ lasse: rosa Bändchen für die Damen, blaue für die Herren. Zur Begrüßung formulierte von Beverfoerde die Charakteristik der „Dfa“: Überkonfessionell seien ihre Aktivisten, aus der Mitte der Gesellschaft kämen sie und vor allem seien sie eins: überparteilich.

Das passt zwar nicht ganz zum Wahlaufruf für die AfD, den die „Demo für alle“ bereits zum wiederholten Mal auf Facebook ausspricht, doch sollte das nicht der einzige Widerspruch des Tages bleiben.

Erstredner war der Philosoph und Theologe Harald Seubert, dessen Vortrag die Mehrzahl der Anwesenden nur bruchstückhaft verstanden haben dürfte. Nachdem er mit dem düsteren Bild eines nahenden Bürgerkriegs die Zuhörerschaft in Temperatur gebracht hatte, begab er sich auf eine philosophische Reise bis zu den „Vätern unseres Grundgesetzes“, um einen mit „Unantastbarkeit belegten“ theologischen Würdebegriff zu manifestieren. Voraussetzung sei jedoch, „das Göttliche über sich anzuerkennen“ sowie die „Gottesbildlichkeit des Menschen“, da die Würde auf das „Göttliche“ zurückweise.

Bedeutungsschwangere Häppchen von Seubert

Insbesondere gefährdet in ihrer Würde seien die Jungen und Alten, wobei er neben der Sexualpädagogik auf die Sterbehilfe angespielt haben dürfte. Er philosophierte von der „Zwangsbeglückung nach dem Reißbrett“ einer „Lobbyisten-starken Sexualpädagogik, die totalitäre Züge“ annehme, wobei er diese nicht ungeschickt mit dem umstrittenen Psychologen Helmut Kentler verknüpfte. Der steht für die Verharmlosung der Pädophilie und wird immer dann aus der Kiste geholt, wenn es die Sexualpädagogik zu diskreditieren gilt.

Seubert hatte in 60 Minuten mit keiner Silbe formuliert, was denn genau am Sexuallehrplan die Würde des Kindes verletzt. Vielmehr warf er seiner Zuhörerschaft bedeutungsschwangere Häppchen hin, zitierte Kant und Cicero, um schließlich Sexualpädagogik als ideologischen Totalitarismus zu verdammen, der einzig einer (Pädo-)Lobby in die Hände spiele. Das kam an, und entsprechend frenetisch ließ er sich feiern.

Der Vortrag des Juristen Christian Winterhoff wurde im Vorfeld  als „bahnbrechend“ angekündigt. In einem Rechtsgutachten, in Auftrag gegeben von „echte Toleranz e.V.“, einem Verein im Dunstkreis der „Demo für alle“, hatte er 2016 die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ als Unterrichtsziel für verfassungswidrig erklärt: „Bei der Durchführung der Sexualerziehung ist der Staat zur Zurückhaltung und Toleranz verpflichtet. Die Schule muss jeden Versuch einer Indoktrinierung der Schüler mit dem Ziel unterlassen, ein bestimmtes Sexualverhalten zu befürworten oder abzulehnen.“

Winterhoff sieht seine juristische Spitzfindigkeit insbesondere bei folgendem Satz herausgefordert: „Gegenstand der Sexualerziehung, …, soll die Vermittlung von Wissen über die Existenz unterschiedlicher Partnerschaftsformen und Verständnisse von Familie, sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten und deren Akzeptanz sein.“ Toleranz sei hier angemessen, Akzeptanz hingegen nicht, da letzteres etwas explizit gutheiße, während die Toleranz die Duldung eines Übels meine, gegen das nicht anzugehen sei. Dem fachunkundigen Publikum lieferte er das Erklärbeispiel mit dem Nachbarn und seinen 1000 Gartenzwergen, die niemand gut zu finden gezwungen werde – wohingegen eine diesbezügliche Toleranz nicht zu vermeiden sei.  

 

Winterhoff arbeitet begrifflich unsauber und setzt bewusst sexuelles Verhalten mit sexueller Identität gleich. Indem er die sexuelle Identität auf ein Verhalten herunter bricht, spricht er zum einen den Menschen einen Teil ihrer ihnen angeborenen Persönlichkeit ab. Das hat zur Folge, dass ein Verhalten als kritisierbar zu kennzeichnen sei und insofern nicht akzeptiert werden müsse. Ein Griff in die Trickkiste, der nichts anderes ist als ein Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot.

Zum anderen missversteht er den Lehrplan bewusst falsch, denn hier ist von Identität und nicht von Verhalten die Rede. Dieses Gutachten scheint einzig mit dem Ziel verfasst, die heterosexuelle Identität als höherwertig zu verankern. Entsprechend groß war die Begeisterung im Wiesbadener Kurhaus.

Ärger über Politologin Nentwig

Nur die Politologin Teresa Nentwig konnte die Stimmung leicht trüben. Sie referierte über Helmut Kentler, dem sie zu Gute hielt, „innerfamiliäre sexuelle Gewalt in den 50er Jahren“ offengelegt und zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexualität beigetragen zu haben. „Das hat sie jetzt nicht gesagt“, raunte es durch die Reihen, und auch von Beverfoerde hätte sich den Beitrag „kritischer“ gewünscht, wie sie in ihrem Zwischentext herauspresste.      

Sexualwissenschaftler Jakob Pastötter hingegen scheint es sich zur Lebensaufgabe gemacht zu haben, kindliche Sexualität zu leugnen. „Wir wissen nichts über kindliche Sexualität“, wurde er nicht müde zu betonen, um sich an einer niederländischen Studie abzuarbeiten, die die Existenz eben dieser Sexualität zweifelsfrei belegt. Dort hatten 98 Prozent der Eltern angegeben, ihre Kinder würden regelmäßig ihre Genitalien berühren. Das sei maximal als Beweis für ein Verhalten, jedoch nicht als „Beweis für eine Motivation“ zu verstehen, echauffierte sich Pastötter. 

Er deklarierte  eindeutig sexuell motiviertes Verhalten als „normabweichend“, eventuelle Missbrauchserfahrungen könnten hier die Ursache sein. Frühkindliche Sexualpädagogik rückte er in die Nähe der Pädophilie, und damit das auch wirklich jeder kapierte, schüttelte Pastötter den „kleinen Sven, der es sich macht“, aus dem Ärmel, der von der Kindergärtnerin aufgefordert werde, „es den anderen doch mal zu zeigen“. Beispielhaft musste noch die Erektion des „zweijährigen Fritzchen“ herhalten, wobei „sexueller Kitzel“ nichts mit Sexualität zu tun habe, denn: „Ich kann ein Kleinkind so lange rubbeln, bis es wahnsinnig wird“, so Pastötter.

Bleiben die Fragen, mit welchen Phantasien dieser Mann geplagt wird, und vor allem: wovon er spricht. Wovon er nicht sprach, war vom übergeordneten Thema des Symposiums, was aber nicht weiter auffiel: „Wenn ich Kinder auffordere, ihre Sexualität zu entdecken, fordere ich sie auf, Erwachsenen zu Willen zu sein“, drehte er sich die Faktenlage für seine Interessen zurecht, denn dem als a-sexuell kommunizierten Kind dürfte es entsprechend nicht schaden, wenn die Eltern bei der „richtigen“ sexuellen Entwicklung ein bisschen nachhelfen.

Videobotschaft von Spaemann

Zu guter Letzt referierte Christian Spaemann in einer Videobotschaft über die gesellschaftlichen Auswirkungen einer „Sexualpädagogik der Vielfalt“. Von der Leinwand vermochte der Facharzt für Psychiatrie die Zuhörerschaft kaum an sich zu binden, im Grunde hatte er zum Gegenstand ebenso wenig beizutragen wie seine Vorredner. Erwähnenswert vielleicht sein Vater, der Philosoph Robert Spaemann, der Homosexualität gerne als „Manko“ bezeichnet und immer wieder für deren „Heilung“ öffentlich eintritt.

Fazit

Das Symposium ist als eine Protestveranstaltung gegen eine „Sexualpädagogik der Vielfalt“ im Allgemeinen und den hessischen Lehrplan im Speziellen zu verstehen, die mit wissenschaftlichen Referenten ihre Thesen zu untermauern behauptete. Tatsächlich wurde in erster Linie ein reaktionäres Weltbild verwissenschaftlicht, das im Kern darauf abzielt, sexuelle Identitäten jenseits der heterosexuellen Norm als minderwertig abzulehnen, indem man das persönlichkeitsstiftende Moment der Sexualität negiert.

Verwundern mag es daher kaum, dass der Begriff der Aufklärung kein einziges Mal  gefallen ist. Das müsste die Allgemeinheit nicht weiter interessieren, hätte sich die „Demo für alle“ nicht bereits in Bayern teilweise durchgesetzt. Dort wurden die Bedeutung und der Begriff  der Akzeptanz wieder aus dem Lehrplan entfernt.

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