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Sylt Teuer und tot

Sylt hat die höchsten Immobilienpreise in ganz Deutschland. Doch die vermögenden Hausbesitzer sind selten da. Und die Einheimischen ziehen weg, weil ihre Heimat für sie längst unbezahlbar geworden ist.

Reetgedeckte Ferienhäuser hinter den Dünen bei Hörnum auf der Insel Sylt. Viele dieser Gebäude sind nur wenige Wochen im Jahr bewohnt. Foto: imagebroker

Wie und wann dass Ganze seinen Anfang nahm, das weiß Petra Reiber auch nicht. Vielleicht vor fünfzig Jahren, meint sie, aber es sei auch gar nicht wichtig, wie und wann. Wichtig sei nur, ob man das Ganze noch in den Griff kriegen könne. Dann schaut sie auf die Karte ihrer Insel und sagt: „Es ist krank, wirklich krank.“

Petra Reiber, 55, ist die parteilose Bürgermeisterin von Sylt. Die Gemeinde Sylt, das ist die Stadt Westerland plus fünf andere Dörfer. Sie macht das seit zweiundzwanzig Jahren, sie ist beliebt, zupackend und nicht unbedingt der Typ, den etwas leicht aus der Bahn werfen könnte. Aber was auf Sylt passiert, das hat sie nicht unter Kontrolle. Die Insel hat sich in eine Geldmaschine verwandelt, die Immobilienpreise steigen in aberwitzige Höhen und zerstören die Insel und ihr Leben darauf. „Dieser Immobilienkapitalismus gibt uns noch den Rest“, sagt Petra Reiber.

Auf ihrem Tisch im Rathaus von Westerland liegt der Sylter Spiegel, die Lokalzeitung. Sie ist voller Anzeigen wie: „Inselweit Baugrundstücke gesucht“. Oder: „Wir kaufen schnell und zuverlässig in bar Grundstücke“. Oder: „Für vorgemerkte, solvente Kunden suchen wir laufend Grundstücke.“

Ein todsicherer Tipp

Natürlich, Sylt war immer schon beliebt. Die Insel mit dem fantastischen dreißig Kilometer langen Strand, der sauberen Luft, dem Reizklima. Thomas Mann, der deutsche Adel, Verleger und Industriebarone gingen dort zwischen Dünen und Heide in die Sommerfrische. Aber das ist ewig her.

Auch die wilden Sechziger- und Siebzigerjahre sind vorbei, nur im Sylt-Mythos leben sie weiter: Die Insel der Reichen und Schönen, der Prominenten und Sternchen. Der Rummel damals um Gunter Sachs, das Playboy-Getue, die Gelage, Austern und Champagner – Geschichte und Geschichten. Mittlerweile läuft alles viel dezenter ab. Den Günther Jauch zum Beispiel könne man bei Rossmann beim Einkaufen treffen, erzählt die Bürgermeisterin.

Heute ist Sylt zuerst ein Anlageobjekt. Es ist wie Gold oder eine gute Aktie. Ein todsicherer Tipp. Makler aus ganz Deutschland haben die Insel in der Nordsee in ihr Portfolio aufgenommen. Die Finanzkrise, der wackelige Euro, Griechenland und Zypern – all das hat den Wahn noch beschleunigt: Wer Geld hat, kauft sich etwas auf Sylt. Und privates Geld ist genug da: Doppelhaushälfte mit Reetdach in Wenningstedt: 2,225 Millionen Euro. Einzimmerwohnung, 35 Quadratmeter, im unsanierten Plattenbau in Westerland: 325.000 Euro. Vier-Zimmerwohnung in Rantum: 795.000 Euro.

Teurer Wahn

In Kampen kosten Doppelhaushälften vier bis sechs Millionen Euro. Ein Einfamilienhaus geht für zwanzig Millionen Euro über den Tisch. Und bei Mietwohnungen ist es ähnlich krass: Zwanzig Euro Kaltmiete pro Quadratmeter seien üblich, sagt Petra Reiber. Kein normaler Mensch könne sich das leisten. Der Wahn kommt die Insel teuer zu stehen.

6.31 Uhr morgens, Niebüll, eine kleine Stadt auf dem Festland. Frauke Wehrhahn, 46, steigt ein. Um fünf ist sie aus dem Bett, nun geht es zur Arbeit. Die Nord-Ostseebahn hält, nimmt sie mit über den Damm nach Westerland. Sie arbeitet im Jugendamt auf Sylt, ihr Mann auf dem Festland für einen Chemiekonzern. Sie pendelt seit achtzehn Jahren. Sie verdient gut, ihr Mann verdient gut. Eine Wohnung oder ein Haus auf Sylt könnten sie sich allerdings niemals leisten. „Mein Mann wäre ja gerne auf die Insel gezogen, aber es geht nicht“, sagt Frauke Wehrhahn. Also haben sie sich in Niebüll eine Doppelhaushälfte gekauft. Sie kostete nicht mal ein Zehntel des Inselpreises.

Zehn Jahre nicht arbeiten

Die Fahrt von Niebüll durchs Watt nach Sylt dauert gerade zwanzig Minuten, aber es ist eine Reise von einer Welt in die andere – von gesund nach krank. Das Watt ist eine unsichtbare Grenze, aber sie ist so trennscharf wie die zwischen Nord- und Südkorea. „Als Normalverdiener ist auf der Insel nichts mehr möglich“, sagt Frauke Wehrhahn. Also pendelt sie, früh hin, abends zurück. Wie 5.000 oder 6.000 Elektriker, Brötchenverkäufer, Putzfrauen, Maurer, Dachdecker, Hausmeister, Ärzte, Lehrer, Erzieherinnen, Kellner, Köche, Gärtner, Polizisten, Lehrer es jeden Tag tun. Sie arbeiten auf Sylt, aber leben können sie dort schon lange nicht mehr.

Bürgermeisterin Reiber erzählt eine Geschichte. Sie handelt von Ohnmacht. Sie handelt von der Anziehungskraft des Geldes. Vor ein paar Jahren zogen Bekannte von ihr weg. Er war Reetdachbauer, sie arbeitete als Pflegerin. Sie besaßen ein altes Haus auf der Insel. „Unser gesunder Mittelstand“, sagt die Bürgermeisterin. Sie verkauften also ihr Haus an einen Makler und erwarben von dem Erlös einen großen Bauernhof auf dem Festland. Es war dann noch so viel Geld übrig, dass sie zehn Jahre nicht arbeiten müssen. „So etwas macht die Insel kaputt“, sagt Petra Reiber. „Raten Sie mal, was es hier kostet, ein Pferd unterzustellen.“ Sie beantwortet ihre Frage selbst sehr schnell: „500 Euro für die Pferdebox“. Kurze Pause, dann: „Pro Monat.“

Höchste Mieten in Deutschland

Die Insulaner können sich ihre Insel nicht mehr leisten, alles gerät aus den Fugen. Sylt hat deutschlandweit die höchsten Mieten und höchsten Immobilienpreise. Die HypoVereinsbank hat die Lage untersucht und auf Sylt „extreme Preissteigerungen“ festgestellt: Am Starnberger See in Bayern werden 25.000 Euro für den Quadratmeter Seegrundstück gezahlt, für Spitzenlagen in Kampen oder List auf Sylt auch schon mal 35.000 Euro. Und, so die HypoVereinsbank: „Die Preisspirale dreht sich immer schneller.“

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Sylt hat knapp 29.000 Einwohner, aber wie viele davon tatsächlich auf der Insel leben, weiß kein Mensch. Im Sommer befinden sich täglich 150.000 Menschen auf der Insel, im Winter sind ganze Gegenden ausgestorben. „Rantum ist tot, Hörnum ist tot“, sagt Petra Reiber. „Alles Zweitwohnungen, die Leute sind vielleicht drei von 52 Wochen im Jahr hier.“ Ein Großteil der Insel ist eine Kulisse aus schönen Backsteinhäuschen mit Reetdach, Terrasse, Strandkorb davor, Wildrosenhecke oder Mauer aus Findlingen. Teuer und tot. Manchmal, wenn ein Kaninchen über die Rasenflächen hoppelt, springt der Bewegungsmelder an und die Terrassen sind schlagartig hell.

Maria S. lebt in Rantum, seit dreißig Jahren. Sie putzt gerade die Fußbodenfliesen im Laden. Im Sommer komme sie nicht dazu, sagt sie. Da sei alles voller Menschen. Sie wohnt mit ihrem Mann in einem alten Haus, das nach dem Krieg für Flüchtlinge gebaut wurde. Das Haus gehört der Gemeinde, die Mieten sind bezahlbar. Sie wischt den Dreck der Urlauber weg. Im Laden gibt es Tee und Zeitungen, Süßigkeiten und Dosenravioli. „Wir selber kaufen auf dem Festland ein“, sagt sie, während sie auf dem Boden hockt. „Kleidung einkaufen auf Sylt – geht gar nicht.“ Im Restaurant essen – eher selten. Irgendwann, sagt sie, ist der letzte Insulaner weg.

Wer ist schuld?

Und wer ist an diesem Dilemma schuld? „Gute Frage“, meint Wolfgang Knuth. Er ist Jahrgang 1948, ein gebürtiger Sylter aus Rantum, er ist seit November 1981 der Inselbaumeister. Knuth sitzt in seinem Büro, um ihn herum hängen Bilder und Karten. Er hat sich aufgeregt, er hat sich geärgert, er hat sich Mühe gegeben, gegen „die Szene“, wie er es nennt, anzukommen. Aber es geht nicht. Zum Jahresende geht er in Rente und es wird schwierig, einen Nachfolger zu finden.

Wolfgang Knuth ist ein moralischer Mann. Er nimmt das Baugesetzbuch ernst, vor allem den ersten Paragrafen: Darin ist vom Wohl der Allgemeinheit und einer sozialgerechten Bodennutzung die Rede. Er sagt: „Gegen die Szene haben wir paar Leute in der Gemeindeverwaltung aber keine Chance.“

Die Szene, das sind die Makler und Investoren, die mit den Scheinen wedeln. Manchmal schreiben Zeitungen, die Reichen vom Festland würden die Insulaner verdrängen. Aber so sei es gar nicht, meint Knuth. Etliche Einheimische spielten das große Geldspiel doch mit.

Er hat das alles aufgeschrieben, seine Pläne, die Zielkonflikte, die düstere Prognose. Er holt ein Kuvert mit alten Fotos von Rantum in den Fünfzigerjahren. Da gab es noch vier Läden, ein Schule, eine Kirche, alles, was ein lebendiges Dorf brauchte. „So hat das mal ausgesehen.“ Heute lebten dort keine zehn Familien mehr.

Heimlicher Ausverkauf

Der Ausverkauf der Insel geschieht still und heimlich und fast immer nach dem gleichen Muster: Jemand stirbt und vererbt sein Haus an seine Kinder. Der Mann ist noch nicht unter der Erde, da stehen schon die Interessenten Schlange. Und weil die Bodenpreise für das Erbhaus exorbitant in die Höhe geschnellt sind, kann kein Erbe den anderen auszahlen. Manchmal sind sie auch selbst zu alt, wohnen auf dem Festland und wollen das Haus gar nicht. Also wird es verkauft, dann abgerissen und durch ein neues Haus mit vielen kleinen Wohnungen ersetzt. Die Erben verdienen, der Investor noch mehr.

„So ist das hier“, sagt Knuth. „Soll man den Erben einen Vorwurf machen?“ Nur noch ein Prozent der Sylter besäßen Grund und Boden, der Rest sei schon lange in auswärtigem Besitz. Auch der Tourismus, von dem viele Sylter einst lebten, werde längst größtenteils von Ortsfremden gemanagt. Es sei ein Prozess, eine von Geld gesteuerte Entwicklung, der sich kaum jemand entziehen könne.

Als Bauamtsleiter von Sylt hat er wenig verhindern können. Die Hochhausblöcke in Westerland, Produkte der Gier und Geschmacklosigkeit der Sechziger- und Siebzigerjahre, seien illegal gebaut worden. Die Stadt mit ihrem Bahnhof, sieht so aus, als hätte man hässliche Teile des Ruhrgebietes an die Nordsee verpflanzt. „Ich bin hier halb verrückt geworden“, sagt Knuth.

"Der Markt regelt nichts"

Die Szene machte, was sie wollte, und die Bürgermeister machten oft einfach mit. Siebzig Prozent aller Häuser auf Sylt haben baurechtliche Mängel. Sogar Spitzböden und klamme Keller werden vermietet, aus allem wird Geld gemacht. „So etwas haben wir hundertfach, tausendfach“, klagt Wolfgang Knuth.

So sieht es aus. Im Sommer überfüllt, im Winter ausgestorben. Für Normalverdiener unbezahlbar.

„Der Markt regelt hier gar nichts“, sagt Knuth. Und weil das so ist, geht der Insel langsam der Lebenssaft aus, oft fehlt es einfach an Menschen, die den Betrieb aufrecht halten: Das Krankenhaus hat große Probleme, Ärzte und Schwestern zu bekommen. Grundschulen werden geschlossen, weil immer weniger Eltern auf der Insel leben. Die Feu erwehren funktionieren nicht mehr richtig, weil die jungen Männer weg sind. Manchmal werden jetzt schon die Frauen von Feuerwehrleuten überredet, Dienst zu tun. „Wer soll auf der Insel eigentlich in zwanzig Jahren die Reetdächer löschen, wenn es brennt?“, fragt Knuth. Und im Sommer, wenn in Westerland Dauerstau herrscht und sich die Radfahrer in der Fußgängerzone gegenseitig umfahren, dann wird auch noch das Trinkwasser knapp.

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Die Gemeinde wehrt sich, so gut sie es kann. Sylt verkauft keinen kommunalen Boden an private Investoren. Man will bis 2025 etwa 2.850 Wohnungen selber bauen, auf Gemeindegrund. Zum Beispiel dort, wo jetzt ein Sportplatz liegt, der nicht mehr genutzt wird. Ältere Häuser im Gemeindebesitz sollen abgerissen und durch moderne Neubauten für Inselbewohner ersetzt werden. Man will so viel wie möglich vor dem Zugriff der Szene schützen, bevor auch dort Zweit- oder Ferienwohnungen entstehen. „Eigentlich ist das Kommunismus, was wir hier vorhaben“, sagt Wolfgang Knuth.

Euro-Zeichen in den Augen

Die Probleme von Sylt wird aber auch das nicht lösen. Die Anziehungskraft des Geldes ist stärker. „Wir retten höchstens den Status quo“, meint Knuth.

Dann regt er sich doch ein bisschen auf, dieser ruhige und kluge Mann. Er schimpft leise über Achtlosigkeit, über Lieblosigkeit, über die Euro-Zeichen in den Augen der Menschen, über die zerstörerischen Dimensionen, die das Ganze angenommen hat. Und ihm fällt auf, dass er über seine Insel wie über einen sehr, sehr kranken Patienten redet. „Es ist höchste Zeit, etwas zu tun“, sagt er. „Wir sollten Sylt nicht den Maklern überlassen.“

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