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Südsudan Der Bürgerkrieg geht in die zweite Runde

Ein Jahr nach Schließung eines Friedensvertrages kämpfen Dinka und Nuer wieder um die Macht in den Nilsümpfen. Die UN müsse schnell Blauhelmsoldaten in das Land schicken, meinen Experten.

Was nun? Südsudanesische Polizisten beobachten die Kämpfe in der Hauptstadt Juba. Foto: reuters

In Juba, der Hauptstadt des jüngsten Staats der Welt, sprechen wieder die Waffen. Vor drei Tagen waren Kämpfe zwischen Regierungstruppen und den Soldaten des Vizepräsidenten Riek Machar ausgebrochen; auch am Montag wurden heftige Gefechte vom Sitz der südsudanesischen Regierung gemeldet: Mörsergranaten detonierten, Panzer walzten durch die Straßen, am Himmel kreisten Kampfhubschrauber. „Die Lage wird immer ungemütlicher“, sagt Jürg Eglin, Repräsentant des Internationalen Roten Kreuzes vor Ort.

Zu Beginn der Kämpfe hatte es noch danach ausgesehen, als ob es sich bei den Zusammenstößen bloß um unabsichtliche Zwischenfälle nervöser Kämpfer handeln könne. Die beiden Protagonisten des Konflikts – Staatspräsident Salva Kiir und sein Vize Machar – saßen am Freitag zu Gesprächen im Präsidentenamt, als draußen plötzlich heftige Gefechte ausbrachen. Beide hätten einen durchaus glaubwürdigen Eindruck gemacht, als sie sich von den Schießereien völlig überrascht zeigten, berichten Journalisten.

Seitdem kursieren alle möglichen Theorien, wer für das Wiederaufflammen des vor einem Jahr per Friedensvertrag beendeten Bürgerkriegs verantwortlich sein könnte. Eher unwahrscheinlich ist die These, dass es sich um einen Putschversuch Machars handeln könnte: Die militärischen Kräfteverhältnisse in Juba, wo 12 000 Regierungssoldaten den kaum 3000 Kämpfern des Vizepräsidenten gegenüberstehen, lassen das als höchst zweifelhaft erscheinen. Mehr Sinn macht die Erklärung, dass ein starker Mann im Lager des Präsidenten den Friedensprozess zum Scheitern bringen wollte: Und dieser Mann könnte Paul Malong sein, der Chef der Streitkräfte, der schon lange als die graue Eminenz hinter dem auch intellektuell nicht gerade glänzenden Alkoholiker Kiir steht.

Klar ist, dass es bei dem seit drei Jahren anhaltenden Konflikt nicht nur um die Ambitionen der Politiker Kiir und Machar geht: Ausschlaggebend sind vielmehr die ethnischen Spannungen, die die Vielvölkerregion bereits seit Jahrzehnten beherrschen. Das Mehrheitsvolk der Dinka gab schon im Befreiungskampf gegen den Sudan den Ton an: Sie hätten unter den Kriegsverbrechen der Armee des muslimischen Nordens am meisten gelitten, sagen Dinka-Obere. Dagegen galten die Nuer, das zahlenmäßig zweitstärkste Volk, als eher unzuverlässige Gesellen: Sie schlugen sich immer mal wieder an die Seite des Feindes – wie Riek Machar, der jahrelang in Khartum stationiert war. Aus ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit und geschichtlichen Rolle leiteten die Dinka nach der Unabhängigkeit vor fünf Jahren einen natürlichen Führungsanspruch ab: Selbstverständlich wurde mit Kiir ein Dinka zum Präsidentschaftskandidaten der Regierungspartei SPLM ernannt. Und mit dem Jieng, dem Ältestenrat der Dinka, verfügte das Mehrheitsvolk auch über eine Art Schattenregierung: Auf dieser Ebene werden die wichtigsten Personalentscheidungen gefällt und die lukrativsten Deals ausgehandelt – der mit Erdöl-Vorkommen gesegnete Südsudan gilt als einer der korruptesten Staaten der Welt. Als Vizepräsident suchte Machar gegen die „Dinkatur“ anzugehen und brachte sich sogar als Präsidentschaftskandidat ins Spiel: Eine Provokation, die im Dezember 2013 zum Ausbruch des Bürgerkriegs führte.

Mit viel Mühe und zahllosen Rückschlägen zwang die Internationale Gemeinschaft Kiir und Machar an den Verhandlungstisch: Letzterer kehrte schließlich im April mit knapp 3000 Soldaten nach Juba zurück. Vielleicht meinte es der christliche Prediger Kiir sogar ernst mit dem Aussöhnungsversuch: Doch die Dinka-Falken unter General Paul Malong scheinen ihren Einfluss nicht aufs Spiel setzen zu wollen.

Der Südsudan habe nur eine Chance, sagen Experten: Die UN müsse so schnell wie möglich eine ausgewachsene Blauhelmtruppe in die Nilsümpfe schicken. Schon vor dem Ausbruch der jüngsten Kämpfe gab der Staatenbund bekannt, dass fünf Millionen Südsudanesen vom Hungertod bedroht sind.

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