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Süddeutsche Zeitung Historiker: Netanjahu-Karikatur ist nicht antisemitisch

Während Antisemitismusforscher Samuel Salzborn die Netanjahu-Karikatur als antisemitisch einordnet, sieht Historiker Wolfgang Benz keinen Antisemitismus.

18.05.2018 11:58
SZ
Dieter Hanitzschs Karikatur in der Süddeutschen Zeitung führt zur Debatte. Foto: dpa

Der Berliner Antisemitismusforscher Wolfgang Benz hat mit Unverständnis auf die Trennung der „Süddeutschen Zeitung“ von dem Zeichner Dieter Hanitzsch wegen einer umstrittenen Netanjahu-Karikatur reagiert. „Schon die Distanzierung des Chefredakteurs hat mich etwas befremdet“, sagte der emeritierte Professor der TU Berlin dem Evangelischen Pressedienst (epd). Letztlich müsse die Zeitung selbst wissen, was sie tue. „Aber wenn der Chefredakteur erst aufgrund öffentlicher Schelte reagiert, ist das fragwürdig genug“, erklärte der Historiker. Die derzeitige Stimmung im Land sei, beim Thema Antisemitismus „überzureagieren“.

Chefredakteur Wolfgang Krach hatte dem epd am Donnerstag bestätigt, dass die „Süddeutsche“ die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Hanitzsch beende. Zuvor hatte er sich bereits für die Zeichnung entschuldigt, die heftige Diskussionen ausgelöst hatte. Sie war am Dienstag in der Zeitung erschienen und zeigt den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu in Gestalt der israelischen Sängerin Netta, die den Eurovision Song Contest in der vergangenen Woche gewann. Netanjahu ist mit großer Nase und überdimensionierten Ohren abgebildet. In der Hand hält er eine Rakete, auf der ein Davidstern zu sehen ist, über seinem Kopf erscheint eine Sprechblase mit dem Satz: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“

„Diese Karikatur ist auf jeden Fall israelkritisch, genauer gesagt: Sie ist kritisch gegenüber dem Ministerpräsidenten“, sagte Benz. Antisemitismus könne er jedoch nicht darin erkennen. „Ich sehe nicht die üblichen Klischees, die man zur Sichtbarmachung des Ressentiments benutzt.“ So sei der Davidstern, der sowohl auf der Rakete wie auch im Hintergrund der Karikatur zu sehen ist, nicht nur ein religiöses Symbol, sondern auch eines der Politik, betonte der Historiker.

„Entrüstungsbereitschaft“ in der Gesellschaft?

Schließlich zeige ihn auch beispielsweise die israelische Flagge. Große Ohren seien nicht unbedingt antijüdisch. „Und Netanjahus Nase ist zwar groß, aber es ist keine Haken-Nase, wie sie beispielsweise die Nationalsozialisten in ihrer Propaganda darstellten.“

Dass die Karikatur für Debatten sorgt, führt Benz auf Unsicherheit im Umgang mit Juden und Israel zurück. Antisemitismus sei ein jahrhundertealtes Phänomen in Europa und durchaus ernst zu nehmen, erklärte Benz. Gegenwärtig herrsche jedoch in der Gesellschaft eine besondere „Entrüstungsbereitschaft“. „Derzeit vermutet man Antisemitismus auch dort, wo er nicht erkennbar ist“, sagte Benz. Karikaturisten und die Berichterstattern erschwere dies die Arbeit.

Seiner Meinung nach hat die Karikatur zwei Aussagen: Der Ministerpräsident freut sich über den Sieg der Sängerin beim Eurovision Song Contest und wird zugleich als kriegerischer Herr dargestellt. Letzteres sei nicht aus der Luft gegriffen: „Da Netanjahu keine Lösungsvorschläge zum Konflikt im Nahen Osten erkennen lässt, ist das nicht fern der Realität“, sagte Benz, der bis 2011 das Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin leitete. (epd)
 

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