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Südamerika Beten zum argentinischen Robin Hood

Zehn Jahre nach der Staatspleite geht es Argentinien besser, aber längst nicht allen Argentiniern gut. Viele erhoffen sich Hilfe von oben - vom heiligen Gaucho.

17.01.2012 17:27
Christoph Gurk
Halt finden in der Krise: Anders als die Politiker lasse der Gaucho Gil niemanden im Stich, versichern die Pilger. Foto: AP

Sieben Meter lang ist das Band, das Evangelina mitgebracht hat. Sieben Meter für sieben Wünsche, sagt sie, nur welche das sind, verrät sie nicht, sonst gingen sie nicht in Erfüllung. Und dann wäre alles umsonst gewesen: die teure Fahrkarte, die zwölf Stunden im Bus, die sechs Stunden, die sie jetzt schon in der Schlange steht, und die zwei Stunden, die sie noch brauchen wird, bis sie endlich am Ziel ist.

Argentinien, Provinz Corrientes: Dürre Wiesen bis zum Horizont, unter verkrüppelten Bäumen suchen Rinder Schutz vor der Sonne. Acht Kilometer außerhalb der kleinen Stadt Mercedes liegt das Grab von Antonio Mamerto Gil Núñez, genannt „Gauchito Gil“. Volksheilige wie ihn gibt es Dutzende im Lande, aber um keinen von ihnen ist der Kult in den letzten Jahren so gewachsen wie um diesen Gaucho. Überall in Argentinien stehen heute Altäre für ihn, an Landstraßen, in Dörfern und selbst mitten in Buenos Aires. Der Wallfahrtsort für alle Gaucho-Gläubigen ist und bleibt jedoch sein Grab in Corrientes, ein Santiago de Compostela tief in der Pampa.

Vom Deserteur zum Wundertäter

Aus der Ferne sieht man zuerst die roten Fahnen über dem Grab. Dann tauchen am Straßenrand Bretterbuden mit Souvenirs auf. T-Shirts für 35?Peso zeigen auf der Vorderseite den Gaucho Gil mit langen schwarzen Haaren, Schnauzer, und rotem Stirnband; hinten, wo bei einem Pop-Star die Tour-Daten stünden, ein Gebet: Oh Gaucho Gil, erfülle meine Wünsche! Pilger und gewöhnliche Schaulustige kommen das ganze Jahr hindurch, doch jetzt, im Januar, ist Hochsaison. Allein zwischen 2008 und 2010, sagt die lokale Polizei, verdoppelte sich die Zahl der Besucher auf 250?000.

Marcos ist gerade erst angekommen. Auf der Heckscheibe seines roten Fiat prangt ein Gauchito Gil, groß wie ein Zeichenblock. „Danke, Antonio Gil“, steht darunter. Marcos begann nach einem Motorradunfall, zu ihm zu beten, letztes Jahr war das. Dicke Narben sind ihm an seinem Bein geblieben, doch zum Glück sind sie alle gut verheilt. Deshalb ist Marcos hier, um sich zu bedanken.

Um den Gaucho Gil rankt sich, wie sollte es anders sein, eine Legende. Vor 140 Jahren, so heißt es, desertierte er aus der Armee. Auf der Flucht stahl er Vieh und teilte es mit den Armen – ein argentinischer Robin Hood. Nach einem Tanzabend wurde Gil geschnappt, man machte kurzen Prozess mit ihm. Der Henker, so die Legende, hatte sein Messer schon an Gils Kehle gesetzt, da versprach ihm der Gaucho, sein krankes Kind zu heilen, wenn er für ihn bete. Es kam, wie es kommen musste: Gil wurde hingerichtet, der Henker reuig und das Kind wieder gesund. Gil wurde zur lokalen Legende, später zum Patron für Fernfahrer und schließlich zum einem Universalheiligen, auf den selbst in der größten Krise scheinbar Verlass ist.

Neben der Straße haben Ramona und Luis ihr Zelt aufgeschlagen. Zwischen ihnen steht eine Thermoskanne, groß wie ein Putzkübel. Eiskalte Limonade ist darin, für den Tereré, den kalten Mate-Tee. Ramona und Luis kommen aus Rosario, 600 Kilometer weiter im Süden. Neun Kinder haben sie. Die jüngsten beiden, die Zwillinge, waren erst zehn, als damals, zur Jahreswende 2001/2002, die Krise losbrach und Luis seine Arbeit bei der Eisenbahn verlor. Egal, wo er suchte, ein neuer Job fand sich nirgendwo. Und da seien sie dann zum ersten Mal zum Grab des Antonio Gil gepilgert, erzählt Ramona: Gauchito, hilf uns!

Bis dahin hatten die Regierungen in Buenos Aires nicht nur jahrzehntelang Staatsschulden angehäuft, sondern obendrein noch die Landeswährung an den Dollar gekoppelt, was argentinische Produkte auf dem Weltmarkt zusätzlich verteuerte. Mit der globalen Krise 2001 geriet das Land ins Taumeln, die Wirtschaft kollabierte, und der Peso verlor binnen eines halben Jahres drei Viertel seines Wertes. Die Menschen gingen auf die Straße, Hunderttausende verloren ihre Ersparnisse, zwei Dutzend ihr Leben. Und da sollte so ein kleiner Gaucho helfen?

Wer, wenn nicht er? Zwei Wochen nach ihrer Rückkehr, erzählt Ramona mit Tränen in den Augen, sei Luis angerufen worden – von gleich mehreren Firmen, und alle wollten ihn einstellen. „Wie soll man da nicht an den Gaucho glauben?“, fragt sie.

Heute, zehn Jahre nach der Krise, geht es mit der argentinischen Wirtschaft wieder aufwärts. Gleichzeitig steigen aber auch die Preise, die Inflation frisst die Löhne auf, und in Buenos Aires ziehen sich die Slums immer weiter ins Zentrum hinein. Das bessere Leben, das sich die Menschen von der Großstadt versprachen, hat sich für viele nicht einstellen wollen. Also suchen sie nun Hilfe bei dem Gaucho in der Provinz.

Das Grab des Gauchito Gil ist unter einem Wellblech-Dach versteckt. Den Lack an seiner Statue haben Tausende Hände abgegriffen. Rundherum liegen Kerzen, Rosenkränze, Bänder, alles in Rot. Es sind Dankes-Geschenke und Bitt-Opfer , man könnte auch sagen: beglichene Schulden und Vorauszahlungen. Nichts ist umsonst, und versprochen ist versprochen.

Rund um das Grab des Gaucho herrscht Volksfeststimmung. Es gibt ein Bingo-Spiel, bei dem man neben Mixern und Handtüchern auch Statuen von Antonio Gil gewinnen kann. Aus kleinen Buden quellen rote Bänder, Anhänger, Fahnen, Messer, Becher, alle verziert mit der Figur des Gaucho Gil.

Ein Gottesdienst am Todestag

Bei Alberto baumelt ein kleiner roter Rosenkranz auf dem nackten Oberkörper. Seit einer Operation vor acht Jahren reisen er und seine Frau Sol aus einem Vorort von Buenos Aires hierher. Dass jedes Jahr mehr Menschen kommen, überrascht ihn nicht. Die Krise, sagt der 68-Jährige, habe viele Gesichter: „Das bedeutet nicht nur einfach, dass es keine Arbeit mehr gibt. Eine Krise wie die vor zehn Jahren bringt auch Gesundheitsschäden mit sich. Viele Leute haben damals alles verloren, und sie suchten etwas, um sich festzuhalten.“

Der Kult um den Gaucho Gil werde in Zukunft noch wachsen, prophezeit Alberto. Die katholische Kirche erkenne ihn als Heiligen zwar nicht an. In Mercedes aber wird an seinem Todestag seit 2011 immerhin ein Gottesdienst gefeiert, das könnte letzte Zweifler überzeugen. Seine Frau Sol – Sonnenbrille, Seidenbluse und gepflegte Nägel – weiß noch einen anderen Grund: „Die Leute haben die Nase voll von Politikern. Die machen nichts, gar nichts. Beim Gaucho dagegen weiß man, dass er einen nicht im Stich lässt.“

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