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Südafrika Das umstrittene Erbe des Nelson Mandela

Vor 100 Jahren wurde Nelson Mandela geboren. Doch viele Südafrikaner sind sich nicht sicher, was sie feiern sollen. Die soziale Ungleichheit wird immer häufiger auch dem ersten schwarzen Präsidenten zur Last gelegt.

Mandela
Schwarz-Weiß-Bild aus den 1950ern: Der junge Nelson Mandela lernt Boxen. Foto: afp

Die Lawine ist in Schwung gekommen. Woche für Woche schickt die Nelson-Mandela-Stiftung E-Mails raus, die mit immer weiteren Events zum 100. Geburtstag der südafrikanischen Ikone aufwarten: Unter anderem wird Barack Obama im Johannesburger Cricket-Stadium einen Vortrag halten, Beyoncé mit Gemahl Jay-Z das Johannesburger Fußballstadion zum Brodeln bringen und der gemeinnützige Verein „CEO SleepOut“ versteigert eine Nacht in der Zelle des einstigen Häftlings auf der Gefängnisinsel Robben Island, Startgebot: 250.000 US-Dollar.

Längst ist aus dem Mandela-Tag ein Mandela-Monat und ein ganzes Mandela-Jahr geworden: Dass am 18. Juli im Südzipfel des afrikanischen Kontinents nicht alle Räder stillstehen, ist nur dem traurigen Umstand zu verdanken, dass der Tag auf einen Mittwoch fällt – und dass sich das Kap der Guten Hoffnung partout keinen weiteren Feiertag mehr leisten kann.

Ganz abgesehen davon, dass sich immer mehr Südafrikaner gar nicht mehr sicher sind, was sie überhaupt feiern sollen. Trotz aller Anstrengungen der hochaktiven Nachlassverwalter ist von der einstigen Euphorie um den Wundertäter am Kap, der „Madiba Magic“, heute nur noch wenig zu spüren. Wo man auch hinschaut, scheint sich seit der politischen Wende vor 24 Jahren kaum etwas Entscheidendes verändert zu haben: Noch immer geben weiße Firmenchefs, weiße Farmer und weiße Experten den Ton an, während die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung in tiefster Armut festsitzt. Für einen Großteil der Südafrikaner hat sich die Befreiung nicht ausbezahlt.

Gewiss wird Nelson Mandela nach wie vor als Gründervater der neuen demokratischen Nation verehrt: Schließlich war es vor allem ihm zu verdanken, dass das Land damals nicht vollends im Bürgerkrieg versank. Mit seiner Versöhnungspolitik schuf der großherzige Befreiungsführer das Fundament der „Regenbogennation“, deren Bewohner sich in der ganzen Welt als etwas Besonderes vorkommen durften – worauf sie inzwischen allerdings gar keinen Wert mehr zu legen scheinen. Von der Regenbogennation wird am Kap höchstens noch abfällig gesprochen: Vor allem zornige schwarze Jugendliche halten das Versöhnungsgeschwafel für bloße Augenwischerei. Der Skandal der andauernden sozialen Ungleichheit wird immer häufiger auch dem ersten schwarzen Präsidenten des Landes zur Last gelegt: Mandela habe seine dunkelhäutigen Landsleute erst befreit und dann verraten, heißt es.

Wortführer der jungen Wütenden ist Julius Malema, ehemaliger Chef der ANC-Jugendliga, der nach seinem Rausschmiss aus der Regierungspartei eine eigene Partei, die „Economic Freedom Fighter“ (EFF), gründete. Der „Oberkommandant“ der Ökonomischen Freiheitskämpfer wirft Mandela vor, nach seiner Machtübernahme vor der zweiten Phase der Revolution zurückgeschreckt zu sein und das Land mitsamt seinen Rohstoffen und der industriellen Power in den Händen der weißen Kolonialisten gelassen zu haben.

Das Versäumnis des „alten Mannes“ meinen die EFF-Kämpfer mit den roten Baretts nun nachholen zu müssen: mit einer radikalen Landreform, der Verstaatlichung von Banken und Minen sowie der „Entkolonialisierung“ der noch immer von weißen Wissenschaftlern beherrschten Universitäten. „Wir feiern den Nelson vor seiner Haft und im Gefängnis“, sagt Oberkommandant Malema: „Den Kompromissler feiern wir nicht.“

Dass die Ökonomischen Freiheitskämpfer mit ihrer Kritik nicht alleine stehen, wurde spätestens im April dieses Jahres beim Tod von Mandelas zweiter Ehefrau Winnie deutlich, als die Jeanne d’Arc der südafrikanischen Slums plötzlich posthum aus ihrer Versenkung gehoben wurde.

Winnie eignete sich bestens als Gesicht eines sich erneuernden und radikalisierenden Afrikanischen Nationalkongresses, der sich gerade mit Müh und Not seines erzkorrupten Albatrosses, Jacob Zuma, entledigt hatte: Dagegen galt die verstorbene „Mutter der Nation“ als furchtlose Anwältin der Interessen der Ärmsten. Mit Winnie als Gallionsfigur konnte auch dem drohenden Exodus der ANC-Jugendlichen zu den roten Baretts begegnet werden: Im nächsten Jahr stehen Wahlen an, die für das Schicksal der Partei Nelson Mandelas entscheidend sein werden.

Doch der Aufstieg der afrikanischen Jeanne d’Arc in den Heroen-Himmel kam nicht umsonst. Die Spannungen zwischen ihr und ihrem einstigen Gemahl waren einst viel zu krass zum Vorschein gekommen, um nun unter den Teppich gekehrt werden zu können: Schließlich hatte sich Mandela von der an Eskapaden reichen Winnie scheiden lassen und sie später wegen Insubordination aus dem Kabinett geworfen. In einem Aufsehen erregenden Interview legte Winnie ihrem Ex-Mann schon wenige Jahre vor dessen Tod im Dezember 2013 die heutigen Vorwürfe Malemas zur Last: Dass er die schwarzen Südafrikaner „fallen gelassen“ habe, als er bei den Verhandlungen um die Zukunft des Landes einem „schlechten“, die Weißen zumindest wirtschaftlich am Drücker lassenden Deal zugestimmt habe.

Im Rahmen von Winnies Glorifizierung kamen noch andere Defizite Nelsons zum Vorschein: Seine oft schroffen patriarchalischen Züge, seine an Starrsinn grenzende Sturheit, seine explosiven Zornesausbrüche, die ihn selbst im Krankenbett noch einen seiner Pfleger aufs Kinn boxen ließen – wie kürzlich aus den Aufzeichnungen eines Mandela-Enkels hervorging. Die Ikone war bereit, den weißen Südafrikanern ihren menschenvernichtenden Rassismus zu vergeben, während er seiner Frau nicht einmal ein paar Fehltritte verzieh: „Mein Leben mit Nelson war ein Leben ohne ihn“, vermerkte Winnie einst traurig. Neue Veröffentlichungen präsentierten Details über Verwerfungen des einstigen Traumpaars, aus denen Mandela keineswegs als Gentleman hervorging: Zweifellos hatte die Ikone eine Überarbeitung nötig.

Vielleicht wäre der Jubilar über die derzeitige Entmythologisierungswelle sogar froh gewesen, denn seine Vergötterung war ihm selbst unangenehm. „Ich bin kein Heiliger“, sagte er einst: „Höchstens, wenn man darunter einen Sünder versteht, der nicht aufgibt, sich verbessern zu wollen.“ Nach einer Flut fast religiöser Traktate über den langen Leidensweg Madibas und seinen finalen Triumph kommen inzwischen auch nüchterne analytische Einordnungen seines Lebenswegs auf den Markt, wie die Biografie des Regensburger Politologen Stephan Bierling, der in seinem verblüffend detaillierten Werk mit einigen hartnäckigen Missverständnissen aufräumt: Dass es sich bei Mandela um einen hehren Pazifisten, einen überzeugten Antikommunisten oder einen stets aufrechten Menschenrechtskämpfer gehandelt habe.

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