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Sudan vor der Teilung Vor dem Sturm

Nach dem Referendum im Sudan könnte der Krieg zwischen Süd und Nord erneut ausbrechen. Manche rechnen schon in wenigen Tagen mit einem Angriff aus dem Norden. Eine Reportage aus dem Krisengebiet.

Noch ist es ruhig in den Straßen von Rumbek. Foto: AFP

Nach dem Referendum im Sudan könnte der Krieg zwischen Süd und Nord erneut ausbrechen. Manche rechnen schon in wenigen Tagen mit einem Angriff aus dem Norden. Eine Reportage aus dem Krisengebiet.

Pater Bernard fürchtet ein Inferno. „Es ist die Ruhe vor dem Sturm“, sagt der kleine Mann aus Malta, der den Jesuitenorden in Rumbek leitet. Die Stadt liegt mitten im Südsudan, einem der größten Krisengebiete der Welt.

Rumbek war Mittelpunkt des längsten Bürgerkrieges Afrikas, der zwischen dem arabischen Norden des Landes und dem afrikanisch geprägten Süden tobte. Mehrfach wurde der damals noch kleine Ort bombardiert. Erst seit dem Friedensabkommen von 2005 können die Bewohner hier wieder normal leben.

Doch was heißt normal in einer Zeit, in der das Aufflammen eines erneuten großen Krieges befürchtet wird. Denn seit Sonntag stimmen die Südsudanesen über die Unabhängigkeit vom Norden ab. Weil es um viel Öl geht, das sich vor allem im Süden befindet, und damit Geld und Macht, glauben nur wenige, dass der Präsident des Sudan, Omar al-Baschir, den Süden kampflos aufgeben wird.

Es sind Festtage für die Südsudanesen, sie gehen in ihren besten Kleidern zur Wahl

„Al-Baschir kann man nicht glauben“, sagt der jesuitische Priester und lächelt dabei milde. Der wegen Völkermord vom Internationalen Gerichtshof gesuchte Präsident werde den Süden spätestens dann angreifen, wenn das Ergebnis in 30 Tagen bekanntgegeben wird, sagt Pater Bernard.

Dabei sieht Rumbek zurzeit absolut nicht aus wie eine Krisenregion. Die Menschen sind ausgesprochen fröhlich, weil sie ihr Land vor einer großen Zukunft sehen. Sie sind glücklich, wenn der verhasste Norden endgültig von ihnen getrennt wird. Tausende strömten am Sonntag und am Montag ins Zentrum der Stadt, auf den Platz der Freiheit, um für die Unabhängigkeit zu stimmen.

Alex, ein 20 Jahre alter Student im Anzug mit Krawatte, ist aus Uganda angereist, um seine Stimme für die Unabhängigkeit abzugeben. Dort studieren die Kinder der wenigen reichen Familien aus dem Südsudan. Wenn er seinen Abschluss hat, sagt Alex, will er nach Rumbek zurückkehren und mithelfen, sein Land weiter aufzubauen. „Wir sagen auf Wiedersehen“, ruft John, ein älterer Herr, der ebenfalls für die Separation ist und die Abtrennung vom Norden für beschlossene Sache hält.

Welche Lösung es im Streit um das Öl geben wird, auf das beide Teile des Sudan, Nord und Süd, Anspruch erheben, weiß keiner zu sagen. „Das ist eine politische Frage“, findet Gabriel, der als Lehrer die Kinder in Rumbek unterrichtet. „Die muss die Regierung beantworten, nicht ich.“

Es sind Festtage für die Südsudanesen, die Frauen sind in ihren schönsten Kleidern zur Abstimmung erschienen, die Männer im Anzug, sofern sie einen besitzen. „Die Wirklichkeit ist jetzt“, sagt Gabriel. So denken viele der in Rumbek lebenden Menschen. Sie zählen zu den Dinka, die den größten Bevölkerungsstamm im Südsudan bilden. Die Dinka sind nicht sehr beliebt bei der restlichen südsudanesischen Bevölkerung, weil sie als arrogant und herrisch verschrien sind. Die hochgewachsenen Dinka tragen auf der Stirn und am Kopf Initiationsnarben, an denen sich die Stämme unterscheiden. Die zehn Dinka-Stämme geraten regelmäßig in Konflikt untereinander.

In den zahlreichen ethnisch grundierten Streitereien ersetzt oft die Kalaschnikow das Argument. Umso dringlicher müsste die Regierung die in den Bürgerkriegsjahren hochgerüstete Bevölkerung entwaffnen.

Wer beim Initiationsritus schreit, gilt als besessen – und wird vom Vater getötet

Im Gegensatz zum vorwiegend islamischen Norden des Sudan ist der Süden christlich geprägt. Doch auch die Naturreligionen sind einflussreich. So werden den Jungen Narben auf dem Kopf zugefügt, auch um die bösen Geister zu vertreiben. Es kommt immer wieder vor, dass die Väter mit Speeren oder Messern hinter ihren Kindern stehen und sie töten, wenn sie bei der Zeremonie wegen der Schmerzen beginnen zu schreien. Dann sind sie aus Sicht der Einheimischen von den bösen Geistern besessen oder feige. Bei Ehebruch kann der geschädigte Ehemann den Übeltäter straflos töten. Kühe sind wertvoller als Frauen und Kinder. Immer wieder kommt es vor, dass Autofahrer gelyncht werden, weil sie eine Kuh totgefahren haben. Die Polizei verfolgt die Fälle selten.

Al-Baschir, der sich im vergangenen Jahr als Präsident aller Sudanesen im Amt bestätigen ließ, war erst in der vergangenen Woche in den Süden gereist, in die designierte Hauptstadt Juba. Dort erklärte er feierlich, er wünsche sich die Einheit, werde aber jede Entscheidung der Südsudanesen als Ergebnis des Referendums akzeptieren. Der Wunsch im Süden, von dem Unterdrücker im Norden unabhängig zu werden, ist so groß, dass viele selbst einem wegen Völkermords gesuchten Mann glauben wollen.

Auch Sebastian, der die medizinische Abteilung der Diakonie Katastrophenhilfe in Rumbek leitet, glaubt nicht an eine Intervention des Nordens. „Al-Baschir hat nicht mehr die Handlungsmöglichkeiten wie noch vor einigen Jahren“, sagt er. Einen weiteren Völkermord wie in Darfur, hofft Sebastian, werde Al-Baschir sich nicht leisten können. Dennoch scheint sich der Süden auf einen Konflikt vorzubereiten. Es heißt, Militärtransporter hätten sich in Richtung Nordosten auf den Weg gemacht, heimlich, nachts. Die Staatsgewalt im Süden versucht alles, um Unruhen zu ersticken. Niemand soll Anlass haben, das Wahlergebnis in Zweifel ziehen zu können.

Ein riesiges Polizeiaufgebot sichert die Wahllokale ab. Selbst kleine Gruppen, die nur diskutieren, werden aufgelöst. Stolz tragen die Polizisten neue Uniformen, die ihnen die chinesische Regierung spendiert hat. Eine kleine Aufmerksamkeit aus Peking, damit die Geschäfte zwischen dem Reich der Mitte und dem zukünftigen neuen Staat in Afrika gut funktionieren. Immerhin decken die Chinesen sieben Prozent ihres Ölverbrauchs aus dem Sudan. Und das Öl fließt fast ausschließlich aus dem Süden.

Auf dem Platz der Freiheit stehen die Menschen schon am Morgen in einer schier endlosen Reihe. Die Geschäfte schließen früh, niemand will die Abstimmung verpassen. Die Stadt war bis 1998 vom arabischen Norden besetzt, bis der damalige Rebellenführer John Garang, auch er ein Dinka, die Araber in die Flucht schlug.

Die Araber hatten den Ort mehrfach bombardiert, erinnert sich Sebastian, ein hagerer Mann in beigem Anzug. Er und seine Familie flohen damals immer wieder in einen kleinen Bunker. Sicherheitshalber wurde er jetzt von Müll und Schlangen befreit, falls Baschir erneut seine Flugzeuge schickt. Als in einer Nachbarprovinz nordsudanesische Milizen einige Menschen während des Referendums ermordeten, verzichtete der Süden auf eine Reaktion – man will auf keinen Fall das Referendum gefährden.

Seit dem Frieden von 2005 hat die Stadt ihre Einwohnerzahl verzehnfacht

Als 2005 die Friedensvereinbarung geschlossen wurde, war Rumbek ein kleiner Ort mitten im Busch mit einigen Häusern. Damals lebten knapp 30.000 Menschen hier, heute, sechs Jahre später, sind es fast 300.000.

Es gibt keine einzige geteerte Straße in Rumbek, die Stadt ist voller Staub und Müll. Trotzdem zieht die Stadt viele tausend Fremdarbeiter aus den Nachbarländern an. „Wir sind hier, weil in Rumbek das Geld ist“, sagt eine Frau aus Uganda, die mit einer anderen ein kleines Restaurant betreibt. Das Geld brachten vor allem die vielen Hilfsorganisationen in die Stadt.

Das Geld: Das ist hier das Wichtigste. Die Menschen halten für jede Kleinigkeit die Hand auf. Viele Gebäude sind verfallen, weil die Bewohner es nicht einsehen, etwas für die Häuser oder Hütten zu tun, wenn der Grund und Boden nicht ihr Eigen ist. „Niemand kann gezwungen werden, umsonst zu arbeiten“, sagen sie. Diese Mentalität haben – unabsichtlich – auch manche Hilfsorganisationen kultiviert. Die Einheimischen glauben, dass für viele öffentliche Maßnahmen die Nichtregierungsorganisationen zuständig sind und sie selbst keine Verantwortung für ihr Gemeinwesen zu tragen brauchen.

Martin Grütters von der Diakonie Katastrophenhilfe hat im Südsudan schon den Bau mehrerer Kindergärten und Schulen überwacht. Er sei häufiger behindert als unterstützt worden, sagt er, das habe ihn oft zur Verzweiflung getrieben. Seine Arbeiter hätten ihn mehrfach bestohlen; seit einem Jahr beschäftigt er bei neuen Projekten nur noch Arbeiter aus dem benachbarten Uganda. „Die Menschen verfügen hier leider über keine Planung. Das Geld, das sie verdienen, geben sie sogleich wieder aus. Am Ende der Trockenzeit ist dann Hungern angesagt“, erklärt der gelernte Architekt, der seit 2005 im Südsudan lebt.

Grütters hat mit dem italienischen Star-Architekten Aldo Rosso das Deutsche Historische Museum in Berlin konzipiert. Nun ist er in Rumbek auf der Suche nach der im deutschen Büro-Leben verlorenen Zeit. Die Stadt sei für ihn ein Ort der Ruhe, sagt er. Er staune immer noch, wie schnell sie gewachsen sei. „Manchmal kommt mir Rumbek wie eine ganz normale afrikanische Stadt vor“, sagt Grütters. Der Weg des Südens in die Freiheit, sagt der Deutsche, sei nicht mehr aufzuhalten, durch welchen Sturm auch immer.

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