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Sudan Keine Zeit für Träume

Juba soll die Hauptstadt eines unabhängigen Südsudans werden. Doch der neue Staat hat noch nicht mal einen Namen

Hoffen auf eine bessere Zukunft: Kinder im Südsudan. Foto: AFP

Der Pilot kreist eine Weile. Ob er den Ort nicht findet oder der Flugverkehr zu dicht ist – beides ist möglich: Juba ist ein kleiner verlorener Fleck in der Landschaft. Doch demnächst wird er wohl zur jüngsten Hauptstadt Afrikas zu werden. In der Ankunftshalle werden die Gepäckstücke einzeln durch ein Loch in der Wand geschubst. Ein klappriger Ventilator versucht die suppige Luft in dem engen Raum zu verrühren. Nebenan wird ein neues Terminal gebaut. Noch ragen nur Säulen in die Luft. „Die Stadt ist heiß“, sagt ein kenianischer Geschäftsmann, der zum Verlegen von Glasfaserkabeln nach Juba gekommen ist. Der Mann hat recht – in mehrfacher Hinsicht.

Vor fünf Jahren, als der sudanesische Bürgerkrieg nach einem halben Jahrhundert endlich zu einem Ende kam, soll es in Juba gerade mal 13 Autos und keine einzige Teerstraße gegeben haben. Inzwischen stauen sich selbst außerhalb der Stoßzeiten Hunderte von Geländewagen auf einem notdürftig geteerten Straßennetz. In den ungeteerten Nebenstraßen baden Gänse in Schlaglöchern. Die wenigen, meist überfüllten Hotels bestehen in der Regel aus auf- oder nebeneinander gestellten Containern, in denen man den Nachbarn schnarchen hört.

„Wir haben hier wie Ratten zu zehnt in einem Zimmer gewohnt“, sagt ein Mann, der vor vier Jahren aus dem deutschem Exil nach Hause zurückgekehrt ist. Mittlerweile ist das Containerdorf eine einzige Baustelle. An jeder zweiten Ecke wird irgendeine neue blecherne oder steinerne Konstruktion errichtet. Auf einer Verkehrsinsel ragt eine Digitaluhr in die Höhe, die die verbleibende Zeit bis zur Geburt einer neuen Nation angibt: Am 9. Januar werden über vier Millionen Südsudanesen zu den Urnen gehen, um über die Unabhängigkeit oder den Verbleib ihrer Heimat im größten Flächenstaat des Kontinents zu entscheiden. Wie das Votum ausfallen wird, darüber gibt es schon lange keine Zweifel mehr: „The Final Walk to Freedom“ (Der letzte Marsch zur Freiheit) verkündet ein Plakat am Straßenrand; „Yes for separation and no for unity“ (Ja zur Abspaltung und Nein zur Einheit) singen Rapper im Fernsehen; „End the Shame“ (Schluss mit der Schande) steht auf unzähligen T-Shirts, die Juba in eine gelbe Stadt verwandeln.

„Wir haben ihnen eine Chance gegeben“, sagt Yien Mathew, Sprecher der regierenden Südsudanesischen Volksbefreiungsbewegung (SPLM): „Hätten sie es attraktiv für uns gemacht, dann wären wir geblieben.“ Als Präsident Omar al-Baschir nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens 2005 nach Juba kam, habe er 75 Bauvorhaben versprochen – kein einziges sei verwirklicht worden. Das Verhältnis zwischen den islamischen Arabern im Norden und den christlichen oder animistischen Afrikanern im Süden ist seit Jahrhunderten zerrüttet.

Peter Remy sitzt unter einem Baum auf einem Bettgestell am Nilhafen – um ihn herum mehrere Dutzend Kinder, Frauen und Großmütter. Der 40-jährige Ex-Priester kam mit seiner Schwägerin und deren sechs Kindern auf einer Barke aus der Hauptstadt Khartum nach Juba. 30 Tage hat die Reise gedauert, die Remy sein ganzes Erspartes kostete. Der Katholik, der sein Priestergewand an den Nagel hängte, um seiner verwitweten Schwägerin über die Runden zu helfen, wusste, dass es in Khartum für sie keine Zukunft mehr gab: „Sie haben uns immer deutlicher spüren lassen, dass wir nicht länger erwünscht sind.“ Zigtausende sind in den vergangenen Wochen bereits in Flugzeugen, Bussen oder Booten in den Süden geflohen: Der Rest wird vermutlich nach dem Volksentscheid folgen. Schätzungen zufolge lebten im Nordsudan zuletzt mindestens 1,5 Millionen Afrikaner, die sich einst vor dem nur im Süden tobenden Krieg in Sicherheit brachten. Nur ein verschwindender Teil wird nach der Spaltung bleiben, ist ein UN-Mann überzeugt.

Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Juba. Doch es fehlen Wohnungen

Remy war seit 19 Jahren nicht mehr im Süden: Er muss sich sowohl um einen neuen Job als auch um eine Wohnung für seine Familie kümmern. Die Autonomieregierung ist von dem Ansturm überwältigt: „Wir rechnen damit“, sagt Silvas Amozay, Ministerialdirektor für Wohnungsbau, „dass Juba, in dem beim Zensus vor zwei Jahren noch 500000 Menschen gezählt wurden, auf weit über eine Million Einwohner anschwellen wird.“ Amozay berichtet von Plänen, der akuten Wohnungsnot mit dem Bau von 15 Quadratmeter großen Hütten aus örtlich verfügbaren Materialien wie Holzpfeilern, einem Zinkdach und Lehmwänden zu begegnen. In jeder dieser Parzellen sollen jeweils vier Personen unterkommen. Die „semi-permanenten“ Behausungen, warnt ein Gutachten, seien „hochgradig anfällig für Termitenfraß“.

Doch nicht nur die Aufnahme der Flüchtlinge bereitet Amozay Kopfzerbrechen: Der gesamte Aufbau der Infrastruktur einer neuen Hauptstadt verschafft dem Ingenieur schlaflose Nächte. Vorschläge gab es genug: So empfahl eine US-Beraterfirma eine 15 Kilometer flussaufwärts gelegene Nil-Insel als neues Regierungsviertel, doch der lokale Chief lehnte ab, und Enteignung des der Gemeinschaft gehörenden Bodens schließt die südsudanesische Verfassung aus. Auch die japanische Agentur Jica legte einen Masterplan vor. Der verschwand allerdings von den Politikern unbeachtet in der Schublade. Amozay hat nicht mal mehr eine Kopie davon. Schließlich sorgte ein Experte im Wohnungsbauministerium für Aufsehen, der Südsudans Stadterweiterungen in Tiergestalt anlegen wollte. Danach wäre Juba zum Nashorn und die Provinzstadt Wau zur Giraffe geworden. Die Idee fand ebenfalls keine Freunde: Der Städteplaner wurde inzwischen ins Ministerium für Naturschutz versetzt.

Der jüngste Versuch, die künftige Hauptstadt auszudehnen, ist fünf Kilometer außerhalb hinter einem Hügel zu finden. Immerhin hat sich dort eine in einer Holzhütte untergebrachte Bar bereits den Namen Neu-Juba zugelegt. Ansonsten weisen nur ein paar Schilder auf die Zukunft hin. Hier soll irgendwann das Finanzministerium, dort die Anti-Korruptionsbehörde und gegenüber das Ministerium für Religionsangelegenheiten entstehen. „Es ist wie jedes Jahr an Weihnachten, wenn man plötzlich Anfang Dezember feststellt, dass es nur noch drei Wochen bis zum Fest sind“, meint eine GTZ-Expertin, die Kommunalpolitiker ausbilden soll. Was sich im Städtebau als sichtbares Problem erweist, ist bei der Personalplanung nicht anders.

Der eigentliche Grund für die Verspätung ist nahe der Neu-Juba-Bar im Gestrüpp versteckt zu finden: eine Kanone, deren Rohr gen Khartum gerichtet ist. „Wir konnten uns um die Planung unserer Zukunft noch gar nicht wirklich kümmern“, erklärt Oberst Philip Banyang, auch er Sprecher der SPLM, bei einem Glas Bier, „weil wir noch immer mit wesentlich brennenderen Dingen wie der Friedenssicherung beschäftigt sind.“ Tatsächlich ist noch nicht einmal sicher, ob der Volksentscheid wirklich am 9. Januar stattfinden wird: „Khartum versucht mit allen Tricks, das Referendum zu verhindern“, klagt die stellvertretende SPLM-Generalsekretärin Anne Itto. Selbst wenn die Abstimmung stattfinden sollte, gebe es genug Möglichkeiten, die Unabhängigkeit des Südens zu torpedieren: So könnte der vor dem Haager Strafgerichtshof angeklagte Staatschef Al-Baschir das Wahlergebnis anfechten und ein passenderes Resultat aus dem Ärmel zaubern. Ebenso könnte Khartum den Süden mit der Schließung der zum nordsudanesischen Hafen Port Sudan führenden Ölpipeline erpressen oder gar seine von China instand gehaltene Kriegsmaschinerie wieder in Gang setzen. Ausgerechnet Letzteres hält die SPLM für das wahrscheinlichste Szenario: „Ich hätte Ihnen gerne was anderes gesagt“, sagt Mathew. „Ich will jedoch niemanden belügen.“ Er und seine Parteigenossen hätten dann wieder andere Sorgen als jetzt. Derzeit suchen sie nach einem Namen für ihren neuen Staat.

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