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Sudan Abgebrannt und ausgeraubt

Zehntausende Südsudanesen sind nach dem Einmarsch der nordsudanesischen Armee geflohen. Sie berichten grausige Geschichten. Satellitenbilder beweisen die Verbrechen. Doch bald werden die Flüchtlinge vollends von Hilfe abgeschnitten sein.

Die sudanesische Grenzregion Abyei nach dem Einfall der Truppen aus dem Norden. Foto: dapd

Sie schlafen unter Bäumen, viele von ihnen sind verwundet, zu Essen gibt es nichts. Zehntausende Sudanesen aus der Grenzstadt Abyei sind nach dem Einmarsch der nordsudanesischen Armee am 21. Mai in weiter südlich gelegene Dörfer geflohen, wo sie nun verzweifelt auf Hilfe warten. Von der örtlichen Bevölkerung können sie nichts erwarten: Die hat in den vergangenen Monaten bereits mehr als 30.000 Menschen aufgenommen, die nach dem Referendum über die Abspaltung des Südens zu Beginn dieses Jahres aus der Hauptstadt Khartum geflohen waren. „Selbst vor der jüngsten Krise waren wir vollkommen überlastet“, sagt Provinz-Gouverneur Nyan Deng Malek. Bald setzt der Regen ein, der die ohnehin miserablen Staubstraßen in Morast verwandeln wird: Dann sind die Flüchtlinge vollends von Hilfe abgeschnitten.

Sie berichten grausige Geschichten. „Soldaten schossen aus Helikoptern auf uns“, sagt eine 20-jährige Mutter: Sie habe ihren Kochtopf stehen gelassen, ihre Kinder genommen und sei davon gerannt. Kaum war das einst über 100.000 Einwohner zählende Abyei so gut wie leer, begannen nordsudanesische Soldaten gemeinsam mit Milizionären des Misseriya-Volks Läden zu plündern und Hütten anzuzünden: Nach der Auswertung von Satellitenaufnahmen wurden mehr als ein Drittel der Behausungen der Stadt zerstört. Hollywood-Schauspieler George Clooney, der seit einem Jahr ein satellitengestütztes Überwachungs-Projekt über dem Sudan finanziert, sprach von Kriegsverbrechen des Khartum-Regimes: „Wir haben den Beweis dafür, wie sie gewütet haben.“

Geplündert wurde auch ein Warenlager des Welternährungsprogramms: Mit den dort gelagerten Vorräten hätten 50.000 Menschen über drei Monate lang versorgt werden können. Seit einem Monat lässt Khartum auch keine Lebensmittel und keinen Treibstoff mehr aus dem Norden über die Grenze – jetzt gibt es in der Region, in der täglich Tausende von Fässern Erdöl gefördert werden, nicht mehr genug Diesel für die Fahrzeuge der UN. „Wir können unsere Operationen nicht mehr im nötigen Umfang aufrechterhalten“, klagt Lise Grande, die UN-Koordinatorin für humanitäre Angelegenheiten im Südsudan.

Den Aufforderungen des UN-Sicherheitsrates, die Region umgehend wieder zu räumen, widersetzt sich Khartum bislang beharrlich. Abyei sei dem Norden zuzurechnen, erklärte Präsident Omar al-Baschir: Obwohl einst ausgehandelt worden war, dass die Bewohner der Region über ihre Zugehörigkeit selbst entscheiden sollten. Beobachter gehen davon aus, dass Baschir die Region vor allem deshalb einnehmen ließ, um eine bessere Position in den noch ausstehenden Verhandlungen um den Verlauf der Grenzregion und die Verteilung der Einnahmen aus dem Erdöl zu bekommen.

80 Prozent der Erdölvorräte des Landes liegen im Süden, doch der Rohstoff muss in Raffinerien des Nordens veredelt und im Hafen Port Sudan verschifft werden, wofür der Norden gut bezahlt werden will. Bis zur endgültigen Unabhängigkeit des Südens sind noch nicht mal mehr sechs Wochen Zeit: Die Hoffnung schwindet, dass die Streitfragen bis dahin aus dem Weg geräumt sind.

Der Süden sucht zu vermeiden, dass ein neuer Krieg seine Ablösung verhindert: Vizepräsident Riek Machar reiste jetzt nach Khartum, um eine Lösung des Abyei-Konfliktes auszuhandeln. Debattiert wird unter anderem, dass Blauhelme aus Äthiopien die Region absichern. Ironie der Geschichte: Äthiopien war nach der Abspaltung Eritreas einst selbst in einen Grenzkrieg geschlittert.

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