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Su-24-Abschuss Sigmar Gabriel nennt Türkei "unkalkulierbar"

Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets kritisiert Vizekanzler Sigmar Gabriel scharf das Verhalten der türkischen Regierung.

Vizekanzler Sigmar Gabriel: "Unkalkulierbares" Verhalten. Foto: AFP

Nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die Türkei hat Vizekanzler Sigmar Gabriel das Agieren Ankaras in der Syrien-Krise scharf kritisiert. "Erstmal zeigt der Zwischenfall, dass wir einen Spieler dabei haben, der nach Aussage von verschiedenen Teilen der Region unkalkulierbar ist: Das ist die Türkei und damit nicht die Russen", sagte der SPD-Chef am Dienstag bei einer Politikkonferenz in Berlin. "Dass die Russen jetzt die Konfrontation auslösen durch die Verletzung des Luftraums darf einen ja nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Türkei dort in diesem Konflikt eine schwierige Rolle spielt."

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte zuvor das Vorgehen des türkischen Militärs scharf verurteilt. In einer Livesendung des russischen Fernsehens sprach er von einem „Schlag in den Nacken“ des Antiterrorkampfes, den „Helfershelfer von Terroristen" begangen hätten.

Das russische Flugzeug habe keine Gefahr für die Türkei dargestellt, sagte Putin; sein Abschuss werde ernsthafte Auswirkungen auf die russisch-türkischen Beziehungen haben. Die Regierung der Türkei erklärte, das „unidentifizierte“ Kampfflugzeug habe den türkischen Luftraum mehrfach verletzt und auf zehn Warnrufe innerhalb von fünf Minuten nicht reagiert. Das russische Verteidigungsministerium bestreitet dies. Es ist der erste Abschuss eines russischen oder sowjetischen Kampfflugzeugs durch ein Nato-Mitglied seit den 1950er Jahren. Die Türkei berief eine Sondersitzung der Nato ein.

Verbleib der Piloten ist unklar

Der russische Kampfjet vom Typ Suchoi Su-24  stürzte etwa vier Kilometer von der türkischen Grenze entfernt auf syrischem Gebiet ab. Türkische TV-Sender zeigten den Absturz der brennenden Maschine und die Rettung der zwei Piloten mit dem Schleudersitz. Wie die Nachrichtenagentur Dogan berichtete, behaupteten turkmenische Rebellen, sie hätten beide Piloten beim Absprung getötet. Der Nachrichtenagentur Reuters wurde ein Video zugespielt, das einen der zwei Piloten des Jets schwer verletzt am Boden liegend zeigen soll. "Ein russischer Pilot", sagt eine Stimme, gefolgt von dem Ruf "Gott ist groß".

Ein Vertreter der Gruppe erklärte, der Pilot sei inzwischen tot. Laut dem Sender CNN Türk und syrischen Rebellen sei der zweite Pilot gefangen genommen worden.

Aus türkischen Regierungskreisen war gegenteilig zu hören, die Piloten seien vermutlich beide noch am Leben. "Unsere Leute arbeiten daran, sie wohlbehalten von den Rebellen überstellt zu bekommen."  

Ebenfalls am Dienstag zwangen syrische Rebellen einen russischen Hubschrauber zur Notlandung im gleichen Gebiet an der Grenze zur Türkei. Regimegegner berichteten, er sei nahe der Grenze zur Türkei von einer Panzerabwehrwaffe getroffen worden.

Davutoglu verteidigt Abschuss

In der grenznahen Region hatte die syrische Armee Mitte vergangener Woche mit russischer Luftunterstützung eine Offensive gegen regierungsfeindliche Rebellen gestartet. In dem Gebiet leben vorwiegend türkischstämmige Turkmenen, als deren Schutzmacht sich Ankara begreift. Zehntausende Zivilisten sind seit dem Wochenende auf der Flucht in Richtung der türkischen Grenze. Vertreter der Turkmenen hatten die Türkei mehrfach um Hilfe gegen die russischen Angriffe gebeten.

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu verteidigte die Entscheidung, das Flugzeug abzuschießen: Seine Regierung behalte sich als Reaktion auf Grenzverletzungen jedwede nötige Maßnahme vor. Mit dem Abschuss entsprechend den türkischen Einsatzregeln sei das Staatsgebiet verteidigt worden. Die Aktion habe sich nicht gegen ein bestimmtes Land gerichtet. „Die ganze Welt sollte verstehen, dass wir alles Nötige tun, um in diesem Feuerring Frieden und Sicherheit für die Türkei und andere zu gewährleisten“, sagte er. Falls das syrische Regime, Terroristen oder eine ausländische Macht syrische Gruppen wie Turkmenen oder Araber in der Stadt Azaz angriffen, sei die Botschaft der Türkei nunmehr unmissverständlich.

Lawrow sagt Treffen ab

Für den späten Dienstagnachmittag rief die Türkei die Nato-Bündnispartner zu einer Sondersitzung nach Brüssel ein, um sie über den Vorfall zu informieren. Der russische Außenministers Sergej Lawrow sagte einen für Mittwoch geplanten Türkei-Besuch ab, bei dem es vor allem um den Syrienkonflikt gehen sollte. Er warnte seine Landsleute vor Reisen in die Türkei. Unterdessen rief EU-Ratspräsident Donald Tusk alle Parteien über Twitter auf, „in diesem gefährlichen Moment einen kühlen Kopf zu bewahren und ruhig zu bleiben“.

Zuletzt war am 15. Oktober eine unbemannte Drohne unbekannter Herkunft in der türkischen Provinz Kilis abgeschossen worden.  Als am 3. Oktober ein russischer Kampfjet unerlaubt in den türkischen Luftraum eingedrungen war, hatte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg von einer schwerwiegenden Grenzverletzung gesprochen. Der Abschuss vom Dienstag ist der erste offiziell bestätigte Verlust der russischen Streitkräfte seit Beginn ihrer Intervention im syrischen Bürgerkrieg Ende September. (mit dpa, reuters)

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Syrien

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