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Stuttgart 21 Bürgerkrieg im Schlossgarten

Sofort nach dem brutalen Polizeieinsatz im Schlossgarten werden die ersten Bäume gerodet. Ministerpräsident Mappus gerät nach der Eskalation massiv unter Druck.

Wochenlang demonstrierten Menschen friedlich gegen Stuttgart 21. Am Freitag machten sich Polizisten und Demonstranten gegenseitig für die Eskalation der Gewalt am Vortag verantwortlich. Foto: dpa

Sofort nach dem brutalen Polizeieinsatz im Schlossgarten werden die ersten Bäume gerodet. Ministerpräsident Mappus gerät nach der Eskalation massiv unter Druck.

Anika M. steht im Matsch. Sie hat einen Kloß im Hals. Sie schluckt, bevor sie spricht. „Das ist die schönste Stelle von Stuttgart“, sagt die junge Lehrerin. Wenn gutes Wetter ist, erzählt sie, kommen die Leute hierher. Das ist der Platz, wo man sich erholt, mitten in der Großstadt. Wie bitte? Falsche Zeitform. Sie korrigiert sich: „Sie kamen.“

Es ist der Tag danach. Die junge Frau in der blauen Windjacke schaut Richtung Hauptbahnhof. Der Himmel hängt tief, in der Nacht hat es geregnet. „Schauen Sie doch“, sagt sie. Den riesigen Daimler-Benz-Stern, der oben auf dem Stuttgarter Bahnhofsturm sitzt und nachts hell beleuchtet ist, hat man von hier aus schon immer gesehen. Aber das Gebäude selbst war versteckt hinter einer dichten Blätterwand. Hinter Buche, Kastanie, Ahorn, Platane. Seit heute ist es anders.

Viele sind außer sich vor Zorn

Die Bäume sind weg, kleingeschreddert. Hinter einer Absperrung röhrt ein Riesen-Häcksler, Arbeiter schieben laufend Baumstücke nach. Die zerhackten Reste des grünen Bürgerstolzes enden im Container. Polizei sichert den Arbeitsplatz der Gärtner. Keiner darf ihnen zu nahe kommen – von wegen der Staatsraison. Die Polizisten sind stumm bis einsilbig. In der Nacht, exakt um 0.58 Uhr, hatte die Stuttgarter Landesregierung ihre Ankündigung wahr gemacht, ab dem 1. Oktober mit den Rodungen zu beginnen. Nur knapp eine Stunde Schonfrist bekamen die Bäume – und mit ihnen die Stuttgarter Protestbewegung, die lange gehofft hatte, den Start des „Baumfrevels“ irgendwie doch noch zu stoppen.

In der Nacht stehen Tausende da, wo Anika M. später frustriert die Ödnis durchquert. Sie quittieren den Start der Rodung mit Wutgeheul und einer Trillerpfeifen-Orgie. Verbrecherbande! Barbaren! Schämt Euch! Rufe gellen über den Zaun. Fast alle sind außer sich vor Zorn. Einige stehen nur stumm da, traurig.

Soeben haben zwei Arbeiter mit Motorsägen den ersten Baum flachgelegt. Es geht ruckzuck, schon kippt die Kastanie zur Seite. Da sind Profis am Werk. Drei gelbe Bagger rücken an, ein riesiger Greifarm packt den Stamm und hebt ihn hoch. Es knackt und ächzt. Der Sound des Fortschritts.

Die Szenerie ist gespenstisch. Der Schlosspark, die „gute Stube“ der Stuttgarter, wird von Flutlicht auf hohen Masten erhellt. Ein Teil des Geländes ist abgesperrt, und hinter den mobilen Zäunen formiert sich ein massives Polizeiaufgebot. Rund um die Sperren stehen Tausende Demonstranten, vorne Auge in Auge mit den Polizisten. „Das ist ja wie bei der Startbahn West“, sagt ein Grauhaariger. Nur eben 30 Jahre später.

Die Protestierer sind die bekannte Stuttgarter Mischung aus Gutbürgerlichen, auch vielen Älteren, Grün-Wählern und Schülern. Auch junges Volksfestpublikum von dem Cannstatter Wasen mischt sich darunter, je später es wird. Einige von ihnen sind merklich alkoholisiert, aber sie bestimmen die Szene nicht. Von den „Berufsdemonstranten“, die Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) anrücken wähnte, ist nichts zu sehen. Der „schwarze Block“ ist zu Hause geblieben.

Wasserwerfer gegen Kastanien

Angesichts der Eskalation, die nach einer harmlosen Schüler-Demo begann, startet am Freitag der Kampf um die Deutungshoheit über den Protest. Der „Bürgerkrieg“ im Schlossgarten ist zum politischen Sprengsatz geworden.

Innenminister Heribert Rech (CDU) und der Stuttgarter Polizeipräsident Siegfried Stumpf bemühen sich auf einer Pressekonferenz im Landtag, zehn Fußminuten von den Schreddern entfernt, irgendwie glaubhaft rüberzubringen, warum man erstmals nach 30 Jahren im beschaulichen „Ländle“ Wasserwerfer auffuhr. Demonstranten hätten leere Flaschen auf Polizisten geworfen. Und Kastanien. Kastanien!

Von Beleidigungen ist die Rede. Und dann seien die Demonstranten einfach nicht weggegangen, als die Polizei sie dazu aufforderte. Am Ende zählen die Behörden 130 Verletzte, darunter sechs Polizisten. Die Protestierer melden 280 weitere Verletzte.

SPD und Grüne halten die Rechtfertigungsversuche für lächerlich. Der Chef der Ökopartei, Winfried Kretschmann, spitzt es zu: Regierungschef Mappus gehe auf „Konfrontationsstrategie“. Mappus weiß, dass es eng wird für ihn. Alle haben erwartet, dass er am Donnerstag Flagge zeigt. Doch Fehlanzeige. Dafür gibt es Fotos vom Landesvater, der auf einem Bauerntag Bier trinkt, während die Schülerdemo begann.

Am Freitag dann tritt er vor die Presse. Er ist dünnhäutig. Die Zeitung, die das Bier-Foto gedruckt hat, kriegt ihr Fett ab. Es sei „gar kein fröhliches Biertrinken“ gewesen, sagt Mappus. Und das Bild vor der Eskalation entstanden. Er bedauert die Opfer, sagt, der Rechtsstaat stehe über allem, appelliert, „dass alles besonnen bleibt“ in der Stadt, in der sich ein Erdbeben mit dem Epizentrum Schlossgarten ankündigt. Man müsse sich unbedingt „an einen Tisch setzen“. Aber ein richtig neues Angebot an die Stuttgart- 21-Gegner? Nö. Abgang Mappus. Bis Nachmittag sind 25 Bäume weg, die der Grundwasser-Aufbereitungsanlage für das Milliardenprojekt im Weg stehen. Für den Abend ist eine neue Demo angesetzt. Der Zorn der Bürger gärt.

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