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Studie zu Medien „Lügenpresse“-Hysterie geht zurück

Das Vertrauen in die Medien steigt wieder – das legen die Ergebnisse einer aktuellen Studie nahe. Ein Gespräch mit dem Mainzer Professor Oliver Quiring.

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Der Ruf der gedruckten Medien ist besser als der digitalen (Symbolbild). Foto: istock

Herr Quiring, in der Studie „Medienvertrauen in Deutschland 2017“ kommen Sie zu dem Schluss, dass „nur noch 13 Prozent“ der Menschen in Deutschland der Aussage zustimmen, sie würden von den Medien „systematisch“ belogen. Der Wert entspricht fast dem Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl. Ein Zufall?
Einerseits deckt sich dieser Wert. Andererseits bedeutet es nicht, dass die AfD-Wähler gleichzusetzen sind mit denen, die den Medien nicht vertrauen und umgekehrt. Klar ist aber auch, dass es Verbindungen gibt. Wichtig ist erst einmal, dass wir es klar erkennen, dass sich mehr als jeder Zehnte in Deutschland von den Medien belogen fühlt.

Wenn man sich politikwissenschaftliche Studien über Jahrzehnte hinweg anschaut, dann sieht man, dass es immer ein radikales, extremistisches Potenzial links wie rechts gibt. Rechnet man sie zusammen, kommt man auf zehn bis zwanzig Prozent. Vorsichtig gesagt befinden wir uns in einem unschönen Normalbereich.

Man weiß also nicht, aus welcher politischer Richtung uns das Misstrauen entgegenschlägt.
Auf den ersten Blick nicht. Wir haben uns aber schon etwas genauer angeschaut, wer das so ist. Und das sind schon die üblichen Verdächtigen, Menschen, die demokratischen Institutionen misstrauen, die politisch eine Wahlpräferenz in Richtung AfD haben, aber die oft auch insgesamt sehr unzufrieden sind, auch mit der eigenen wirtschaftlichen Lage.

Kann man bei diesen „üblichen Verdächtigen“ Unterschiede in deren Medienmisstrauen in Bezug auf Geschlecht, Alter oder Bildung feststellen?
Man muss unterscheiden zwischen Medien insgesamt und bestimmten Medien. Öffentlich-rechtliche Medien oder auch Tageszeitungen wie die FR genießen überdurchschnittlich viel Vertrauen, während aber im vergangenen Jahr das Vertrauen in Internetmedien stark abnahm. Unserer Meinung nach hat das mit der sogenannten Fake-News-Debatte zu tun. Und wenn wir dann auf soziodemographische Unterschiede schauen, dann wird es noch differenzierter. Beim Alter zum Beispiel gibt es erkennbare Unterschiede, die aber sehr gering sind. Interessant ist die Altersgruppe 40 bis 60. Die ist tendenziell etwas weniger vertrauensselig als der Rest.

Das hätte ich anders erwartet.
Ich auch. Wenn wir bei den Jüngeren schauen, dann haben sie nur eine sehr kleine Gruppe, die voll vertraut. Sie haben sehr viele Skeptiker unter den Jüngeren und dafür relativ wenig, die den Medien ganz misstrauen. Aber die Unterschiede zwischen den Gruppen sind insgesamt nicht groß, vielleicht zwei, drei Prozent. Ähnlich ist es bei Frauen und Männern. Frauen scheinen etwas skeptischer zu sein als Männer. Die sehr geringen Unterschiede, die wir erfassen können, sollten aber nicht überinterpretiert werden.

Sie erheben die Daten seit 2008, und es gibt erkennbar einen positiven Trend. Zwischen 2008 und 2015 vertraute weniger als ein Drittel der Menschen in die journalistische Arbeit, 2016 und 2017 stieg das Vertrauen auf 42 Prozent. Können Sie sich diesen Sprung erklären?
Wir haben versucht, das zu erklären, ich würde nur die Grundthese anders stellen. 

Bitte.
Es ist ja nicht so, dass nur das Vertrauen stieg, auch das Misstrauen stieg von neun Prozent im Jahr 2008 auf 22 in 2016 und ging dann etwas runter auf 17 im vergangenen Jahr. Wir erleben seit zehn Jahren eine Polarisierung bei der Frage nach dem Medienvertrauen. Unserer Interpretation ist aber, dass die Hysterie von 2015-2016 abebbt. Wir sehen in den Daten auch die Reaktion auf die öffentliche Diskussion über die Medien, nicht so sehr eine dauerhafte Veränderung im Vertrauen.

Ein Beispiel am Rande: Eine Frau, die für die Umfrage ausgewählt worden war, erläuterte mir später, dass sie normalerweise eher skeptisch bis misstrauisch gegenüber Medien ist, je nach Thema; doch weil die Stimmung insgesamt so medienkritisch war, schlug sie sich auf die andere Seite, also auf die, die vertrauen. Das zeigt: Der öffentliche Diskurs beeinflusst die Antworten. Ich denke, dass viele Skeptiker sich auf die Seite der Medien schlagen, wenn sie die Medien als zu ungerecht behandelt sehen. So lässt sich der Sprung erklären. Und es gab natürlich auch Reaktionen in den Medienhäusern auf die älteren negativen Studienergebnisse…

Was meinen Sie?
Es gab eine Verunsicherung, es gab teilweise Selbstzerfleischung, sehr harte Selbstkritik. Aber die Medien lernten auch. Die Aktion von ARD „Sag’s mir ins Gesicht“ zum Beispiel half, die Journalistinnen und Journalisten als Menschen präsenter zu machen. Korrekturen in Zeitungen oder Erklärungen halfen auch, besser verstanden zu werden; es gab auch tatsächlich mehr Berichte darüber, wie Medienleute arbeiten, warum sie die Realität eben nicht perfekt abbilden können, auch wenn sie sich bemühen. Vielleicht hatte das Misstrauen auch etwas mit unangemessenen Erwartungen an Journalisten zu tun, die sind ja keine Wahrheitsagentur.

Knapp 40 Prozent der Befragten sagten, die Medien würden ihr Lebensumfeld nicht abbilden. Das ist eine überraschend hohe Zahl, welche Themen fehlen?
Grundsätzlich schaffen es große und herausragende Ereignisse leichter in die Nachrichten und nicht der Alltag einer alleinerziehenden Mutter aus Frankfurt- Rödelheim. Die Protagonisten in den Medien bilden nicht repräsentativ die gesamte Bevölkerung ab, das ist normal. Und dann kommt hinzu, dass bestimmte Alltagsprobleme medial nicht aufgearbeitet werden. Das Sterben der Dörfer ist so ein Thema. Anderes, wie zum Beispiel ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen findet dann doch seinen Weg in die Zeitungen und ins Fernsehen. 

Was können Journalistinnen und Journalisten daraus lernen? 
Es ist ein schwieriger Balanceakt zwischen Banalitäten des Alltags und einer relevanten Darstellung dieses Alltags, die die Menschen mitnimmt. Natürlich gibt es immer wieder Berichte aus den Brennpunkten, zum Beispiel über die Lage am Frankfurter Bahnhof. Das ist auch Alltag. Aber wie sieht es in ländlichen Gebieten aus? Was im Hunsrück passiert oder im Taunus, ist vielleicht nicht so spannend für die Medien, deswegen kommt da selten ein Journalist hin.

Oder umgekehrt: Weil kein Journalist hinfährt, entdecken wir da nichts Spannendes? 
Möglich. Die letzte größere Taunus-Geschichte handelte von einem Kind, das ein Autofahrer mitgenommen hatte, den hatte man nicht gefunden. Man kriegt nur Negatives mit. 

Zurück zu den Skeptikern: Wir in der FR diskutieren durchaus darüber, wie man deren Vertrauen zurückgewinnt. Aber bei Themen wie Flüchtlinge oder SPD, für unsere Leserschaft sehr emotional besetzte Themen, stoßen wir an unsere Grenzen. Sachliche Informationen, Statistiken oder ruhige Argumentation helfen nicht. Was fehlt?
Ich würde die Skeptiker gar nicht so kritisch sehen. Im Sinne der Demokratie ist es doch gut, dass viele Menschen vorsichtig sind und nicht blind allen Informationen aus den Medien vertrauen. Die Problemgruppe sind die, die gar nicht und niemandem mehr vertrauen. Ich würde immer noch gern eine Gruppendiskussion zwischen Wutbürgern und Journalisten organisieren. Es wäre gut, wenn sie gegenseitig die Probleme der anderen anhören und zur Kenntnis nehmen könnten. 

So wie nach der Bundestagswahl, als viele Berichte darüber erschienen, warum die AfD im Osten so stark abgeschnitten hat? Es gab sehr einfühlsame Geschichten über Frust und Unglück, über das, was in Westdeutschland nach der Wende nicht wahrgenommen wurde. Müssen wir stärker versuchen, die Frustrierten und Skeptiker zu verstehen, ohne gleich für ihr Verhalten Verständnis zu haben?
Ja, die Formulierung passt. Aber es gibt auch Grenzen. Pegida-Demonstranten, die Journalisten angreifen, müssen auch nicht verstanden werden. Ich glaube nur nicht, dass es eine Aufgabe nur für Journalisten ist. Sie werfen oft Schlaglichter auf Probleme und ziehen dann weiter. Für die Betroffenen ist aber wichtig, dass sie immer wieder hinschauen, immer wieder zurückkommen, bis die Probleme gelöst sind. Aber für die Lösung der Probleme sind ja nicht unbedingt die Journalisten verantwortlich. 

Sie haben in den Umfragen festgestellt, dass mehr als jeder Zehnte nicht weiß, wie Medien funktionieren, wie Presseleute arbeiten. Parallel erleben wir, dass immer weniger junge Menschen klassische Medien nutzen. Werden wir – langfristig gesehen – in Zukunft noch mehr Skeptiker und ein noch größeres Problem mit unserer Glaubwürdigkeit haben?
Möglicherweise, ja. Die traditionell eingespielte Vertrauensroutine geht verloren. Bei uns zu Hause lag immer eine Tageszeitung auf dem Frühstückstisch, mit 14, 15 habe ich dann angefangen, sie zu lesen. Viele Jugendliche wachsen heute ohne einer Zeitung auf. Aber das Problem relativiert sich auch etwas, weil die Menschen ja nicht dem FR-Papier vertrauen, sondern der FR-Redaktion. Die Marke ist wichtig, ihre Qualität muss erhalten bleiben, in Zukunft eben digital. 

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