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Studie Ungleicher Start ins Leben

Der Deutsche Kinder- und Jugendmonitor zeigt, wie ungerecht Chancen verteilt sind. Experten fordern Kitaplätze für alle Flüchtlinge, um die Integration zu fördern.

Flüchtlingskinder in Kita
Hätten alle Flüchtlingskinder einen Kitaplatz, käme die Integration wesentlich schneller voran, sagen die Experten. Foto: dpa

Rund 22 Millionen junge Menschen zwischen null und 27 Jahren leben in Deutschland. Das ist rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Elf Millionen Kinder sind darunter, jedes Dritte hat einen Migrationshintergrund. Durch die Zuwanderung sind in den vergangenen beiden Jahren etwa 680 000 junge Menschen unter 25 Jahren dazu gekommen. Die Chancen in Deutschland für die meisten dieser jungen Menschen sind gut – doch das gilt längst nicht für alle.

Zu diesem Schluss kommt die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ), die die Situation dieser Bevölkerungsgruppe genauer unter die Lupe genommen hat – unter anderem auf Grundlage des Bildungsberichts 2016 und des 15. Kinder- und Jugendberichts, der vor kurzem veröffentlich wurde. Anlass ist der 16. Deutsche Kinder- und Jugendhilfetag (DJHT), der in der kommenden Woche in Düsseldorf stattfindet. „Die Chancen-Ampel für die Generation U27 steht auf Hell – aber noch längst nicht auf Dunkelgrün. Es gibt noch reichlich Risiken, Probleme und Defizite“, sagte Karin Böllert, AGJ-Vorsitzende am Montag in Berlin.

Bildung: Jedes dritte Kind unter drei Jahren besucht eine Kinderbetreuungseinrichtung. Diese Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Für größere Kinder ist die Kita nicht mehr wegzudenken: 95 Prozent der Kinder über drei Jahren gehen heute in eine Kindertagesstätte. Neben der Familie sind Kindertagesstätten daher zu einem eigenständigen Bildungsort für Kinder geworden. Sie haben die Grundschule als erste öffentliche Bildungsinstitution abgelöst.

Insgesamt ist das Bildungsniveau in Deutschland gestiegen. Immer weniger Jugendliche besuchen die Hauptschule. 21 Prozent machen einen Hauptschulabschluss, 41 Prozent verlassen die Schule mit dem Abitur. Im Wintersemester 2016/2017 zählte das Statistische Bundesamt rund 2,8 Millionen Studenten an deutschen Unis – 27 Prozent mehr als noch 2010.

Politik: Fast drei Viertel der zwölf bis 25-jährigen sind mit der Demokratie in Deutschland zufrieden. Allerdings zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. In den neuen Bundesländern sind nur 54 Prozent zufrieden, in den alten Ländern sind es 77 Prozent. „Je höher die Schulbildung, desto höher ist auch die Zufriedenheit“, machte Böllert klar. Wenig Vertrauen schenken junge Menschen den Parlamenten und Parteien. 85 Prozent wünschen sich mehr „junge Leute in der Politik“. Dabei sind gerade die 14- bis 19-Jährigen die Gruppe, die sich am stärksten ehrenamtlich und gesamtgesellschaftlich engagiert.

Risiken: Vor allem die Generation U18 gehört zu den Verlierern: Fast 28 Prozent der unter 18-Jährigen sind von mindestens einer Risikolage bedroht. Sie seien sozial abgehängt – durch Eltern ohne Berufsausbildung, ohne Job. Oder durch Elternhäuser, die von Armut bedroht seien, so Böllert. Zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen wachsen in Deutschland in einem Elternhaus auf, in dem weder Vater noch Mutter einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Elf Prozent der Eltern haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Laut der Ergebnisse der AGJ sind 19 Prozent von Armut bedroht, ein Fünftel der 14- bis 19-Jährigen und etwa ein Viertel der 20- bis 24-Jährigen sind von Armut direkt betroffen. Haushalte von Alleinerziehenden sind sogar zu über 40 Prozent von Armut bedroht – 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche leben bei einem alleinerziehenden Elternteil, meist bei der Mutter. Zwischen Ost- und Westdeutschland klafft hier eine eklatante Lücke: In den neuen Bundesländern leben beinahe doppelt so viele Familien von Hartz IV wie im Westen.

Forderungen der AGJ: Weil Kinder und Jugendliche laut der Ergebnisse nicht die gleichen Chancen in Deutschland haben, fordert die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe unter anderem, das Kindergeld neu zu justieren. Jedes Kind solle nicht gleich viel bekommen, sagte die AGJ-Vorsitzende. Stattdessen sollten Eltern mit geringem oder keinem Einkommen besser gefördert werden. Damit Jugendliche früher politisch partizipieren können, solle außerdem das Wahlalter auf 16 Jahre herabgesetzt werden, verlangte Böllert.

Durch eine Kita-Qualitätsoffensive solle erreicht werden, dass Erzieher nicht mehr als vier Kinder unter drei Jahren betreuen. Doch dazu fehlt es an Personal. Bundesweit fehlen 21 800 Vollzeitkräfte. Die AGJ fordert daher, dass ein Prozent des Bundesinlandsproduktes für frühkindliche Bildung ausgegeben wird – so empfiehlt es die OECD. Davon sei man in Deutschland noch 13 Milliarden Euro entfernt, so Böllert.

Die AGJ möchte außerdem für alle 120 000 Flüchtlingskinder einen Kita-Platz einfordern. Im Idealfall sollten das Ganztagsplätze sein. Man verschenke sonst die Möglichkeit einer Integration. Viele Flüchtlingsfamilien wüssten gar nicht, dass ihre Kinder ein Recht auf diesen Platz haben, sagte Böllert. „Wir brauchen Werbestrategien in den Landessprachen. Dort könnten die Kinder Deutsch lernen und diese Kompetenz zurück in die Familien tragen“, erklärte die Vorsitzende.

„Für Flüchtlingskinder ist der Besuch einer Kita besonders wichtig. Hier zählt jeder Tag, um sich in ihrer neuen Heimat wohlzufühlen, die Sprache besser zu lernen und neue Freunde zu finden“, sagte auch Franziska Brantner, Grünen-Sprecherin für Familienpolitik. Sie nannte die ungleichen Startchancen für Kinder und Jugendliche einen „Skandal“. Die Bundesregierung tue zu wenig gegen die grassierende Ungerechtigkeit im Bildungssystem, kritisierte sie.

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