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Studie Nazi-Ideologie im Bundeskriminalamt

Eine aktuelle Studie zeigt: Im Bundeskriminalamt haben bis in die 1980er Jahre hinein Teile der Ideologie der Nationalsozialisten nachgewirkt. Besonders Sinti und Roma seien noch bis 1985 nach Nazi-Kategorien kriminalisiert worden.

06.04.2011 13:12
Vor der Deportation: Polnische Sinti und Roma im Mai 1940.

Das BKA selbst hatte die Studie zu seiner Gründungsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 2008 in Auftrag gegeben. Demnach waren Beamte aus der NS-Zeit, darunter zahlreiche SS-Mitglieder, maßgeblich am Aufbau des BKA nach 1945 beteiligt.

Das BKA hatte im Oktober 2008 ein Forschungsprojekt zu seiner eigenen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Universität von Halle-Wittenberg beauftragt. „Die Entwicklung des BKA im 21. Jahrhundert gestalten zu wollen, ist ohne das Verständnis der Vergangenheit nicht möglich“, betonte BKA-Präsident Jörg Ziercke zum Auftakt des Kolloquiums. Das BKA habe wissen wollen, wie Kriminalisten, die sich an nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt hatten, ins BKA gelangen konnten und wie sich diese personelle Kontinuität auf die Organisation des BKAs ausgewirkt habe. Das BKA wolle damit nicht einfach nur „ein Buch mehr in einem Regal“ stehen haben, sondern einen Diskurs auf der Basis der Forschungsergebnisse anstoßen, betonte Ziercke.

Der Geschichtsprofessor Patrick Wagner berichtete, im Jahr 1960 seien von rund 400 BKA-Beamten noch rund einhundert ehemalige NS-Bedienstete gewesen. Es habe durchaus eine „Kontinuität der Einstellungen“ gegeben, unter dem Strich sei das BKA davon aber nicht so geprägt worden, dass es eine Gefahr für den Rechtsstaat gegeben habe. Dem Versuch dieser alten NS-Helfer in den 50er Jahren, ihre alten Vorstellungen noch einmal zu verwirklichen, sei von außen Grenzen gesetzt worden, Justizvertreter oder Ministerien hätten Widerspruch erhoben. Dann hätten sich die alten NS-Leute sofort zurückgezogen, weil sie ihre neue Existenz in der neuen Demokratie nicht hätten gefährden wollen, behauptete Wagner.

Sinti und Roma unter Generalverdacht


Diese Darstellung stieß indes auf heftigen Widerspruch des Vorsitzenden des Zentralrats der Sinti und Roma, Romano Rose: „Der Rechtsstaat wurde über Jahrzehnte gegenüber unserer Minderheit außer Kraft gesetzt“, betonte Rose. „Zigeunerspezialisten“ der Nazis hätten ihre rassistische Arbeit im BKA fortgeführt und sie durch verharmlosende Begriffe wie „Landfahrer“ abgeschirmt. „Wir waren ständigen Repressalien ausgesetzt durch Kontrollen von Polizeibehörden, die noch ein ideologisches Bild aus der NS-Zeit hatten“, sagte Rose.

Wie auch die Studie der Universität Halle-Wittenberg ergab, wurden Sinti und Roma noch bis Mitte der 1980er Jahre unter Generalverdacht gestellt, gesondert erfasst und kriminalisiert. „Es gab Fahndungsblätter des BKA, in denen Sinti und Roma mithilfe ihrer in Auschwitz eintätowierten KZ-Nummern identifiziert wurden“, berichtete Rose zudem. Rassegutachten aus dem Reichssicherheitshauptamt der Nazis seien als Beweismittel zur Ablehnung von Entschädigungen von KZ-Überlebenden benutzt worden. Erst eine Demonstration von Sinti und Roma im Jahr 1983 vor dem BKA habe Änderungen bewirkt.

Durch Verbreitung rassistischen Gedankenguts, auch in Schulungen von BKA-Beamten, sei „die Haltung gegenüber unserer Minderheit bis heute nachhaltig geschädigt worden“, sagte Rose weiter. Der „Kernpunkt der Abstammung“ sei im Bewusstsein vieler Beamten immer noch präsent. Als Konsequenz forderte Rose, Kriminalbeamten müsse in ihrer Ausbildung „klar vermittelt werden, dass Minderheiten Teil dieser Gesellschaft und nicht länger ein Feindbild sind.“ Zudem forderte Rose, auch die Landeskriminalämter müssten nun ihre Geschichte aufarbeiten. „Diese Studie kann ein wichtiger Schritt für ein anderes Denken sein“, fügte Rose hinzu. (dapd)

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