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Studie Fehlerhafte Rentenrechnung

Eine alarmierende Studie zur Altersarmut weist gravierende methodische Mängel auf. Der WDR weist die Kritik zurück.

Genau eine Woche ist es her, dass der WDR seine Hörer im „Morgenecho“ mit einem echten Schocker aus dem Schlaf riss. „Der WDR hat den Taschenrechner herausgeholt“, leitete der Moderator ein Studiogespräch mit dem Redakteur Holger Beckmann ein. Das Ergebnis: Jedem zweiten Rentner drohe 2030 der Absturz in die Altersarmut. „Fast 50 Prozent werden maximal Grundsicherung haben“, sagte Beckmann voraus.

Die Horrormeldung schlug ein wie eine Bombe. Die ARD-Tagesthemen berichteten, die Sendung Bericht aus Berlin machte mit der Untersuchung auf, und auch die Talkshow Anne Will beschäftigt sich mit dem Thema. Ein schöner Erfolg für den Kölner Sender – wäre da nicht ein kleiner Schönheitsfehler: Die Berechnung ist falsch. Mehrere renommierte Wissenschaftler weisen den Autoren schwerste handwerkliche Fehler nach. Und selbst der Rentenexperte der Linksfraktion geht auf Distanz. „Gut gemeint ist nicht gut gemacht“, sagte Matthias W. Birkwald der Frankfurter Rundschau: „Die WDR-Studie arbeitet mit fragwürdigen Annahmen und Zahlen.“

Tatsächlich strotzt das Papier von absurden Merkwürdigkeiten. Die Zahlen wurden nicht etwa von unabhängigen Experten, sondern von WDR-Redakteuren mit Bordmitteln errechnet. Die Basis sei „ein journalistischer Blick auf Daten der Rentenversicherung, der Bundesagentur für Arbeit und des Statistischen Bundesamtes“, teilte ein Sprecher des Senders der FR mit. Der Reporter als sozialpolitischer Wahrsager – das ist zumindest mutig.

Wie leicht so etwas daneben geht, zeigt bereits ein kurzer Blick ins Zahlenwerk. 28,6 Millionen Menschen würden 2030 eine ausreichende Rente haben, steht dort. Doch 25,1 Millionen seien von Altersarmut bedroht. Macht zusammen 53,7 Millionen Ruheständler. „Über welches Land berichtet der WDR?“, amüsiert sich nicht nur der Bremer Arbeitsmarktforscher Paul Schröder. Tatsächlich gibt es in Deutschland derzeit rund 21 Millionen Rentner, und nach den Bevölkerungsprognosen der Bundesregierung wird die Gruppe wegen des höheren Rentenalters bis 2030 nicht dramatisch wachsen. „Da hat sich jemand schlichtweg verstrickt in großen Zahlen“, schüttelt der Koblenzer Sozialpolitik-Professor Stefan Sell den Kopf.

Der Patzer ist erklärlich: Die WDR-Redakteure haben einfach die aktuelle Einkommensverteilung der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten auf die Zukunft projiziert und geschätzt, wie viele Personen bei niedrigerem Rentenniveau unter das Grundsicherungsniveau von 840 Euro fallen würden.

„Vollkommen übertrieben“

„Die Rechnung weist an mehr als einer entscheidenden Stelle grobe Denkfehler auf“, moniert Professor Axel Börsch-Supan, Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für Sozialrecht. Die statische Betrachtung verkenne vollkommen, dass sich die Einkommen über das Erwerbsleben dynamisch entwickelten. So dürften Azubis und Studenten, die einen erheblichen Teil der Wenig-Verdiener ausmachen, kaum ihr ganzes Leben von Lehrgeld oder BAFöG leben. Ebenso irreführend ist die Annahme, dass 100 Prozent der geringfügig Beschäftigten (darunter nicht wenige Schüler und Studenten mit Nebenjobs) von Altersarmut bedroht seien.

Einen besonders krassen Fehler, so moniert auch die Deutsche Rentenversicherung, mache der WDR, weil er das individuelle Einkommen statt des Haushaltseinkommens zugrunde lege. Ein Grundsicherungsanspruch besteht aber nur, wenn das gemeinsame Einkommen der Ehepartner nicht reicht, um den Lebensstandard zu bestreiten. Die Aufwertung von Kinderziehungszeiten bei der Rente hat der WDR im übrigen ebenso übersehen wie die Tatsache, dass die große Mehrzahl der Senioren – unter Umständen auch durch zusätzliche Einkunftsarten – bislang nicht auf Hilfe vom Sozialamt angewiesen ist.

„Mit der Studie kann ich wenig anfangen. Sie übertreibt vollkommen“, kritisiert Johannes Geyer, der Rentenexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Statt die konkreten Problemgruppen zu adressieren, werde „eine sehr starke Verunsicherung in die Mitte der Gesellschaft getragen“. Tatsächlich sind derzeit gerade einmal drei Prozent der Ruheständler auf staatliche Grundsicherung angewiesen. Aber die Tendenz weist nach oben: Der Wissenschaftliche Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium schätzt, dass die Quote auf fünf bis sechs Prozent steigen könnte.

Der Anstieg ist durchaus alarmierend. „Wenn das Rentenniveau weiter sinken wird und prekäre Arbeitsverhältnisse aller Art nicht eingedämmt werden, dann droht uns massenhafte Altersarmut“, warnt Linken-Politiker Birkwald. Auch Sell sieht die Entwicklung des gesetzlichen Rentensystems kritisch. Aber: „Gerade weil es so wichtig ist, dass das Thema breit diskutiert wird, sollte man sich nicht durch grobe Fehler eine Blöße geben.“

Eine Blöße? Das sieht man beim WDR zumindest offiziell ganz anders. „Es steht Fachleuten frei, an der Methode der Berechnung Kritik zu üben“, kontert ein Sprecher: „Das ändert aber nichts daran, dass der WDR die Methode … für legitim hält.“

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