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Stiftung Lesen Die Märchenonkel von der AfD

Unter den Promis, die die Stiftung Lesen zum Vorlesetag eingeladen hat, sind auch AfD-Abgeordnete.

Stiftung Lesen
Eigentlich soll der Vorlesetag etwas Schönes sein. Foto: epd

Wenn es einen Tag gibt, an dem sich Tausende Menschen in ganz Deutschland Zeit nehmen, um so etwas Schönes, Unumstrittenes und pädagogisch Wertvolles zu tun wie kleinen Kindern und alten Menschen freiwillig und kostenlos vorzulesen, und dieser Tag doch heftige Proteste und emotionale Debatten auslöst – dann muss etwas gründlich schiefgegangen sein.

Genau das ist der renommierten Stiftung Lesen passiert. Dabei hat sie sich doch strikt an alle Regeln gehalten, an die sie sich all die Jahre auch gehalten hat, seit sie 2004 ihren Vorlesetag erfand. Eigentlich. Nur hat sich das Land inzwischen geändert, und als die Mainzer Institution zur „Förderung von Lesefreude und Lesekompetenz“ wie immer neben Prominenten aus Kultur, Sport und Unterhaltung auch alle Landtags- und Bundestagsabgeordneten in persönlichen Schreiben zum Vorlesen in Kitas, Schulen, Jugendzentren oder Seniorenheimen einlud, waren in diesem Jahr automatisch auch rund 160 Politiker der „Alternative für Deutschland“ dabei: Bernd Höcke aus Thüringen mit seinem „Denkmal der Schande“. 

Wolfgang Gedeon aus Baden-Württemberg, der das Judentum als inneren und den Islam als äußeren Feind des christlichen Abendlandes bezeichnet hat. André Poggenburg aus Sachsen-Anhalt, der gegen linke Studenten vorgehen wollte, um diese „Wucherung am deutschen Volkskörper endgültig loszuwerden“. Als das öffentlich aufgefallen war, hagelte es Kritik für die Stiftung.

Nicht nur etliche Medien lasen ihr die Leviten; mehrere Kuratoriumsmitglieder mit SPD- und grünem Parteibuch drohten mit Rückzug; die Arbeitsgemeinschaft der Jugendbuchverlage forderte, die Einladungen zurückzunehmen; sogar der Schriftstellerverband PEN erinnerte die Stiftung empört an ihre Leitlinien, die eine Zusammenarbeit mit Parteien und Gruppen ausschließen, „die antidemokratisches, rassistisches, fremdenfeindliches oder diskriminierendes Gedankengut vertreten“ – was bei der AfD ja wohl der Fall sei. Die Stiftung selbst hatte bislang nur NPD-Politiker ausgeschlossen. Das könnte sich nun ändern. „Wir haben das diskutiert“, sagt Stiftungssprecher Hans Selge, „und sehen natürlich die Ambivalenz.“

Einerseits wollten viele Beteiligte und Eltern nicht, dass sich Rechtspopulisten nun auch vor Kindern als nette Märchenonkel inszenieren können. Andererseits seien das inzwischen mehr als 200 gewählte Abgeordnete. 

Soll man die komplett ausschließen?, fragt Selge. Oder jeden einzeln abwägen? Ohnehin liege es an jeder Kita oder Schule, das Angebot eines Vorlesers abzulehnen. Für dieses Jahr habe man sich daher entschieden, die Debatte und den Verlauf des Vorlesetages zu beobachten und danach über eine neue Einladepraxis zu entscheiden. 

Nun sind es nur noch zwei Wochen bis zum großen Tag am 17. November und weder wurden die AfD-Einladungen, noch haben sich Kuratoriumsmitglieder zurückgezogen. Und wie es aussieht, bleibt der Stiftung ein Eklat erspart: Bislang gibt es zwar  schon 90 000 Anmeldungen für Vorleser – darunter aber nur eine von der AfD. Frank Scheermesser will seine Partei bei der Leserunde im Berliner Abgeordnetenhaus vertreten. Er ist sportpolitischer Sprecher und gilt als freundlicher Liberal-Konservativer, dem selbst vieles peinlich ist, dass anderswo in der AfD abläuft.

André Poggenburg aus Sachsen-Anhalt lässt dagegen ausrichten, dass er zwar „die Einladung der Veranstalter des Vorlesetages an die AfD ausdrücklich begrüßt“ und „gern selbst aktiv daran teilgenommen“ hätte – leider aber der AfD-Bundesvorstand am gleichen Tag den Parteitag vorbereite. Vielleicht findet sich ja noch ein anderes Fraktionsmitglied. Vielleicht will sich aber auch kein AfDler die Blöße geben, von einer Kita ausgeladen zu werden. 

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