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Stichwaffen Zweifel am Trend zu Messerangriffen

Der Experte für Jugendgewalt, Dirk Baier, spricht im Interview über falsche Vorbilder und Prävention.

Dirk Baier
Forscher Dirk Baier ist Experte für Jugendgewalt. Foto: privat

Herr Baier, steigt die Zahl der Messerangriffe bei Jugendlichen, oder täuscht die Wahrnehmung?
Bislang gibt es leider kaum verlässliche Zahlen, bundesweite Statistiken existieren hierzu nicht. Wir stellen aber fest, dass das Mitführen von Messern zunimmt.

Woher kommt dieses Phänomen?
Die Hintergründe sind noch unklar. Jugendliche orientieren sich insgesamt besonders stark an Gleichaltrigen. Insofern kann es derzeit eine Art Mode sein, Messer mit sich zu führen. Das ist aber keineswegs gleichzusetzen mit dem Einsetzen von Messern. Nicht jeder Jugendliche trägt Messer mit sich, weil er andere verletzen möchte.

Sondern weshalb?
Erstens, um sich bei möglichen Angriffen wehren zu können. Dies zeigt sich in Befragungen dadurch, dass Jugendliche, die im zurückliegenden Jahr Gewalt erlebt haben, etwa doppelt so häufig Messer mit sich führen wie Jugendliche ohne solche Erfahrungen. Zweitens werden Messer stark mit Männlichkeit assoziiert. Unter männlichen Jugendlichen dient das Tragen dann dazu, im Freundeskreis Respekt und Anerkennung zu erhalten. Wir stellen fest, dass Jugendliche, die sich stark an antiquierten Männlichkeitsbildern orientieren, etwa sechsmal häufiger Messer mit sich führen als Jugendliche, für die das nicht gilt. Solche Bilder beinhalten zum Beispiel, dass man sich gegen vermeintliche Ehrverletzungen wehren muss oder dass man seine Familie mit aller Macht schützen muss.

Wer vermittelt den Jugendlichen diese Vorstellungen?
Sie sind auch mit der ethnischen Herkunft verbunden. In unseren Befragungen zeigt sich dabei, dass südeuropäische und polnische Jugendliche sowie Jugendliche aus arabischen bzw. nordafrikanischen Ländern häufiger als deutsche regelmäßig Messer dabeihaben. Aber auch unter den Deutschen gibt es Jugendliche, für die dieses Bild wichtig ist und die damit übereinstimmend dann auch Messer tragen.

Spielt Perspektivlosigkeit eine Rolle?
Sie ist kein primärer Faktor. Jugendliche aus ärmeren Familien bewaffnen sich nicht häufiger als andere. Jedoch kann Perspektivlosigkeit den einen oder anderen möglicherweise dazu motivieren, ein starkes, Orientierung und Stabilität gebendes Männlichkeitsbild aufzubauen; dann wäre sie durchaus auch für das Messertragen relevant.

Von Rechten werden die Messerangriffe instrumentalisiert, um gegen Einwanderer Stimmung zu machen. Ist etwas dran an dem Vorwurf, aus dem arabischen Raum stammende Migranten seien für die Ausbreitung von Messerstechereien verantwortlich?
Wir können nicht pauschal sagen, dass arabischstämmige oder allgemeiner muslimische Jugendliche häufiger Messer mit sich führen oder Körperverletzungen mit Waffen ausüben. Das Ansinnen von Rechtsgesinnten, die medial diskutierten Einzelfälle als Grundlage der Hetze gegen bestimmte Migrantengruppen zu nutzen, ist durchschaubar und mit Verweis auf Forschungsergebnisse recht einfach zu entkräften. Wir haben allerdings bislang keine Befragungsergebnisse zu Flüchtlingen und der Sondergruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge.

Lünen, Kandel, Dortmund, Flensburg – lauter Messerangriffe unter Jugendlichen mit tödlichem Ausgang. Sind die Hemmschwellen niedriger geworden?
Wenn Jugendliche häufiger Messer mit sich führen, kann es unter spezifischen Umständen auch zum Einsatz dieser Messer kommen. Ein Anstieg des Messertragens ist daher durchaus problematisch. Dennoch bezweifle ich, dass wir die Häufung der Messerangriffe bereits als Trend interpretieren sollten. Es handelt sich mehr um eine zufällige Häufung, die aber medial recht viel Aufmerksamkeit erfährt und so den Eindruck erweckt, wir hätten es mit einem Kriminalitätstrend zu tun. In den letzten zehn Jahren ist die Jugendgewalt laut verschiedenen Statistiken um etwa die Hälfte zurückgegangen. Dies ist also ein echter Trend, der aber auch kein Selbstläufer ist. Wenn uns die tragischen Messerangriffe der letzten Wochen etwas lehren, dann das, dass wir bei der Gewaltprävention in der Schule, aber auch außerhalb nicht nachlassen dürfen.

Was können die Schulen tun?
Erstens müssen sie deutlich machen, dass Messer oder andere gefährliche Gegenstände nichts in der Schule zu suchen haben; entsprechendes Verhalten muss konsequent sanktioniert werden. Zweitens kann in Schulen das Thema Männlichkeit stärker thematisiert werden. Zu diskutieren wäre, was es bedeutet, ein Mann zu sein, wie diese Identität gefestigt wird, und welche Mittel und Wege es gibt, als Mann Anerkennung und Respekt in der Peergruppe zu erhalten. Dies ist sicherlich keine einfache Aufgabe, weil die gesellschaftlichen Geschlechterbilder einem Wandel unterworfen sind. In Reaktion darauf besinnen sich einige männliche Jugendliche auf starre Männlichkeitskonzepte der Dominanz und Macht; gerade diese Jugendlichen zu erreichen und sie ins Nachdenken über Alternativen zu bringen, erscheint mir wichtig.

Es geht aber nicht nur um Jungen – in Dortmund hat ein Mädchen ein anderes Mädchen erstochen.
Hier zeigen repräsentative Daten aus Niedersachsen, dass der Anteil an Mädchen, die Messer in der Schule oder der Freizeit mit sich führen, nur sehr geringfügig gestiegen ist. Dass es einen ansteigenden Trend der Mädchengewalt geben würde, ist eine Fiktion, die sich nicht mit den Daten deckt. Verändert hat sich aber die Sichtbarkeit: Gewalttätige Mädchen werden mittlerweile genauso häufig angezeigt wie gewalttätige Jungen; früher blieb Mädchengewalt stärker im Dunkelfeld.

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