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Steinmeier-Rede „Mensch, deine Heimat ist die Erde“

Nach der Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zum Tag der Deutschen Einheit diskutieren die Parteien über den Begriff Heimat.

Rothenburg ob der Tauber
Heimelige Provinz: die fränkische Kleinstadt Rothenburg ob der Tauber. Foto: istock

Vor acht Jahren formulierten es die Grünen noch sehr offen: „Heimat. Wir suchen noch.“ Das war 2009 der Titel einer Kulturkonferenz und mit der Partei suchten auf dem Podium ein Architekt, ein Schauspieler, ein Dirigent, ein Soziologe und eine Philosophin. Für Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt ist die Suche mittlerweile offenbar beendet: „Wir lieben dieses Land. Es ist unsere Heimat. Diese Heimat spaltet man nicht“, hat sie am Wochenende gesagt, ein paar Worte nur, in einer längeren Rede. Viele Spitzen-Grünen stimmten zu, der Parteinachwuchs widerspricht heftig.

Das linke Lager sieht Heimat skeptisch

Es ist die Debatte um das Verständnis eines Begriffs, der im linken Lager lange mit Misstrauen betrachtet wurde. Und wohl nicht zufällig wird nun debattiert, wo Rechtspopulisten auch in Deutschland bei Wahlen erfolgreich sind. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Skepsis gegenüber dem Begriff am Tag der Einheit aufgegriffen. In seiner Festrede warnte er davor, die Sehnsucht nach Heimat Nationalisten zu überlassen und gab seine eigene Interpretation: „Verstehen und verstanden werden – das ist Heimat.“ „Heimat ist der Ort, an dem das ‚Wir‘ Bedeutung bekommt.“ 

So entspannt sehen das nicht alle Grünen: Die Berliner Abgeordnete Anja Schillhaneck nannte das Wort „herkunftsbezogen und zudem tendenziell ausgrenzend“. Auch die Jugendorganisation der Partei protestierte via Twitter, im Nationalsozialismus sei dieser Begriff auch gerne verwendet worden: „Heimat ist ein ausgrenzender Begriff. Deshalb taugt er nicht zur Bekämpfung rechter Ideologie.“

Zahlreiche grüne Spitzen sprangen Göring-Eckardt bei, darunter der hessische Vize-Regierungschef Tarek Al-Wazir und der Netzpolitiker Konstantin von Notz. Der schleswig-holsteinische Vize-Regierungschef und amtierende Grünen-Popstar Robert Habeck verkündete: „Politik muss eine Idee formulieren, eine Heimatidee, eine Identitätsidee.“ Und Ex-Parteichef Reinhard Bütikofer warf der Grünen Jugend vor, Sprachpolizei zu spielen und „frisches Denken“ zu denunzieren. Er verwies auf Österreichs Bundespräsident Alexander von der Bellen, der in der Stichwahl gegen den Kandidaten der Rechtspopulisten ebenfalls auf den Begriff „Heimat“ setzte und damit Erfolg hatte. 

In Deutschland lässt sich diese Verbindung beim grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann finden, der in seiner jüngsten Wahlkampagne stark auf traditionell anmutende Bilder setzte. Göring-Eckardt hatte schon 2009, damals noch als Bundestags-Vizepräsidentin, gesagt, für sie sei Heimat kein Gegensatz zu einer multikulturellen Gesellschaft. 

Sehnsucht nach Heimat nicht Nationalisten überlassen

Am intensivsten verbindet seit jeher die CSU den Heimatgedanken mit sich selbst. In den sozialen Netzwerken verbreitet sie Postkartenbilder aus Bayern, von Seen, Schlössern und Bergen. Zuletzt hat sie den Ansatz auch in Ministerposten gegossen: Ein „Heimatministerium“ wurde geschaffen. Übernommen hat es Markus Söder, zusätzlich zum Finanzressort, quasi als herzerwärmende Ergänzung zu den kalten Zahlen. 

In der CDU gilt dies auch als gutes Beispiel für den Bund: „In einem Heimatministerium könnte man die Bedeutung des ländlichen Raums stärken. Das wäre eine gute Antwort auf die Sorgen der Bürger in Ost und West, die sich abgehängt fühlen“, sagt Thüringens CDU-Fraktionschef Mike Mohring. Die Fraktionschefs aus Bund und Ländern empfehlen  Angela Merkel, das Heimatministerium ans Landwirtschafts- und Ernährungsressort anzugliedern.

Ruf nach einem Heimatministerium

Das passt zu der Erkenntnis von Psychologen, wonach Essen eine Hauptkomponente für Heimatgefühle ist. Es gibt auch Umfragen, die deutlich machen, dass der Heimat-Begriff beileibe nicht nur geografisch verortet ist. Das Meinungsforschungsinstitut Emnid etwa hat vor Jahren erhoben, dass die meisten Deutschen Heimat mit Familie, Vertrautheit und Geborgenheit assoziieren und auch noch Kindheit, Geburtsort und Tradition nennen, bevor sie zu „Deutschland“ kommen. 

Der ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck mischte sich in die Debatte mit folgendem Hinweis ein: „Mensch, deine Heimat ist die Erde.“ Und er gab auch noch eine Quelle dafür an: die Bibel, Psalm 24: „Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdboden und was darauf wohnt.“

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