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Steinbach, Ströbele, Riesenhuber im Interview Erinnerungen ans Kriegsende

Sie sind die beiden ältesten Männer und die älteste Frau im Bundestag – und haben das Kriegsende, das sich am Wochenende zum 70. Mal jährt, als Kinder selbst erlebt. Doch die Lehren, die Erika Steinbach, Heinz Riesenhuber und Hans-Christian Ströbele für ihre politische Laufbahn zogen, könnten kaum unterschiedlicher sein. Ein Gespräch über Alpträume, Hadern mit dem Nationalstolz und das Leben als Flüchtling.

Zahlreiche Passanten besuchen in Berlin das Sowjetische Ehrenmal an der Straße des 17. Juni und legen Blumen ab. Foto: dpa

Man hatte nicht geglaubt, sie an einen Tisch zu bekommen: Wer im Bundestag mit denen sprechen will, die das Kriegsende am 8. Mai 1945 selbst erlebten, kommt ausgerechnet auf: Erika Steinbach, 71, und Hans-Christian Ströbele, 75. Die ehemalige Vertriebenen-Präsidentin und der einstige RAF-Anwalt, die Frau aus dem rechten CDU-Lager und der Mann vom linken Flügel der Grünen. Während ihrer langen Zeit in der Politik waren sie meist Gegner. Aber beide sagen sofort zu, über die Lehren der Nachkriegszeit für ihren politischen Weg zu sprechen.

Vielleicht liegt es daran, dass der Alterspräsident des Bundestags, Heinz Riesenhuber, 79, mit dabei ist. Oder am „Band der gemeinsamen Generation“, das Steinbach im Gespräch entdeckt. Es geht höflich zu beim Treffen in der Parlamentarischen Gesellschaft, dem Abgeordnetenklub neben dem Reichstag. Nur als Ströbele beim Gruppenfoto etwas viel Abstand hält, frotzelt Steinbach: „Kommen Sie ruhig näher, Herr Ströbele, ich beiße nicht!“ Er antwortet: „Na, das weiß man nicht.“

Frau Steinbach, Herr Riesenhuber, Herr Ströbele, fühlen Sie sich eigentlich als Kriegskinder oder als Nachkriegskinder?
Riesenhuber: Ich fühle mich inzwischen eigentlich relativ erwachsen. (Alle lachen)

Im Ernst, Sie drei waren bei Kriegsende zwischen knapp zwei und neun Jahren alt. Hat der Krieg Sie noch geprägt?
Riesenhuber: Bei mir sind die Eindrücke aus dem Krieg noch lebendig. Ich bin bis 1943 in Frankfurt aufgewachsen, da erlebten wir die langen Bombennächte. Zuerst hörte man den Alarm, dann die Flieger, dann die Einschläge. Wir saßen im Luftschutzkeller und bangten. Das bleibt nicht in den Kleidern hängen.

Ströbele: Ich war bei Kriegsende knapp sechs und habe nur einzelne Episoden vor Augen. Eine davon spielt auch in einer Bombennacht: Wir fuhren dann immer in den Bunker, der zu den Buna-Werken in Schkopau gehörte, wo mein Vater als Chemiker arbeitete. Manchmal schafften wir es nicht und gingen daheim in den Keller. Aus Neugier versuchte ich, aus dem Kellerfenster zu gucken. In der Ferne waren die Leuna-Werke bei Merseburg zu sehen, auf die viele sogenannte Christbäume, also Leuchtmittel, und dann Bomben abgeworfen wurden. Ich fand das faszinierend, ein Spektakel. An ein Gefühl der Bedrohung kann ich mich nicht erinnern.

Riesenhuber: Ich war schon verstört. Ich habe lange gedacht: Wenn du von nun an jede Nacht davon träumst, wird das eine scheußliche Zeit für den Rest deines Lebens. Es hat sich zum Glück gegeben. Auch weil wir als Kinder so unbefangen waren. Wir sammelten auf der Straße die Granatsplitter ein – fingergroße Metallstücke in den bizarrsten Formen. Ich hatte eine einzigartige Sammlung.

Steinbach: Sehen Sie, ich bin sieben Jahre jünger, ich kenne Granatsplitter nur als Gebäck.

Ströbele: Wir haben mit den Jungs aus der Nachbarschaft sogar die Munition aufgesammelt, die intakt geblieben war. Zum Spaß schraubten wir sie auf und brannten sie ab. Dabei ist etwas Schreckliches passiert, das ich nie vergesse: Wir zündelten wieder mal mit Munition herum. Ich musste auf die Toilette und sagte den anderen, sie sollen nicht ohne mich weitermachen. Ich wollte ja nichts verpassen! Während ich auf der Toilette saß, knallte es draußen fürchterlich, und als ich wieder raus wollte, hielten mich meine Eltern zurück. Mein bester Freund war bei der Explosion umgekommen. Ich weiß noch, was ich damals nur dachte: Jetzt haben die doch nicht auf mich gewartet! Absurd.

Steinbach: Sie hatten einen Schutzengel.

Haben Sie drei sich je vorgestellt, wie es gewesen wäre, in einem Deutschland zu leben, das den Krieg gewonnen hat?
Steinbach: Nein, nie.

Riesenhuber: Ich habe darüber mal mit meiner Frau diskutiert, die Anfang der Fünfziger aus der DDR gekommen war. Wir überlegten, ob wir es ausgehalten hätten, in einem festgefügten System von oben bis unten eingebunden zu werden. Das ist eine der schwierigsten Fragen. Man kann sich vorstellen, man hätte sich arrangiert und daran gewöhnt. Man kann sich auch vorstellen, dass man sich aufgerieben hätte. Aber niemand kennt seinen eigenen Mut, bis es darauf ankommt.

Steinbach: Ich glaube, dass es mir immer schwerfallen würde in einer Diktatur zu leben, weil ich vom Naturell her ein Widerspruchsgeist bin und ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl habe. Dumpfes Mitlaufen würde ich nicht schaffen.

Ströbele: Dazu muss man aber sagen, dass für viele Deutsche die Nazizeit damals nicht das war, als was wir sie heute sehen. Da war auch viel Zustimmung. Und die vierziger und fünfziger Jahre habe ich nicht als eine Zeit erlebt, in der man sich mit der Nazizeit auseinandergesetzt hat. Nach dem Krieg ging es darum, unterzukommen, genug zu essen zu haben. Bis zur Währungsreform 1949 waren alle darauf konzentriert, etwas Neues aufzubauen. Was vor 1945 war, damit hat man sich wenig beschäftigt.

Erinnern Sie sich noch, wie Sie erfuhren, dass der Krieg zu Ende ist?
Ströbele: Ich weiß noch, wie ich mit meinen Eltern eines Tages am Volksempfänger saß und wir wie immer die Nachrichten hörten. Die endeten sonst immer mit dem Bericht der Wehrmacht: Wo sie gerade stand, wo sie vorrückte …

Riesenhuber: Ja, Rückzug wurde nicht erwähnt, höchstens als „Frontbegradigung“.

Ströbele: Genau. Und von einem Tag auf den anderen kam nicht mehr der Wehrmachts-, sondern ein Wetterbericht. Ich weiß noch, wie ich da dachte: Ach, jetzt haben sie keinen Krieg mehr, jetzt berichten sie vom Wetter.

Steinbach: An das Kriegsende kann ich mich naturgemäß nicht erinnern, weil ich erst anderthalb Jahre alt war. Aber für uns ging der Krieg mental noch lange weiter. Mein Vater kam erst 1950 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück – als ein zerrütteter und kranker Mensch. Wir haben dann zu viert in einem Zimmer gelebt. Darin standen zwei Metallbetten: In dem einen schliefen meine Eltern, im anderen meine Schwester und ich. Waschbecken, Herd und Toilette gab es nicht, nur einen Eimer im Treppenhaus. Das war bittere Not. Davon waren meine frühen Kindheitsjahre geprägt.

Riesenhuber: Ja, man musste jeden Tag schauen, wie es weitergeht. Aber dann kam die zweite Erfahrung dazu: Dass es aufwärts geht. Der Aufbau war spürbar, das brachte Schwung in mein Leben. Der Gedanke, dass man nun seine Chancen nutzen kann, beflügelt mich bis heute.

Steinbach: Jüngere können heute kaum ermessen, wie groß die Spanne zwischen bitterster Armut und unserem heutigen Wohlstand ist. Insofern bedaure ich nicht, dass ich in meiner Kindheit Armut erlebte. Das hat mich dankbar für alles gemacht, was mir später an Gutem widerfahren ist. Mein Bruder, der zwölf Jahre jünger ist, wuchs schon ganz anders auf. Er kennt diese Erfahrung nicht, und auch nicht das Gefühl, unerwünscht zu sein. Das habe ich erlebt, nachdem meine Mutter mit uns zwei kleinen Kindern nach der Flucht über die Ostsee in Schleswig-Holstein gelandet ist. Die Bauern ließen uns deutlich spüren, dass wir nicht willkommen sind. Meine Mutter klaubte nachts die übriggebliebenen Kartoffeln aus dem Acker, wir Kinder liefen monatelang barfuß, weil nur die Einheimischen Marken für Schuhe bekamen. Als meine Mutter einmal nach etwas Milch für meine sehr kranke jüngere Schwester fragte, hörte sie: „Ihr seid ja schlimmer als die Kakerlaken!“ Diesen Satz hat sie bis zum Lebensende nie vergessen, so sehr hat er sie gekränkt. Andererseits gab es auch große Hilfsbereitschaft. Der Arzt im Ort behandelte meine Mutter nach einem Unfall kostenlos. Die Spannweite von Kaltherzigkeit und Anteilnahme war damals so groß wie sie heute ist.

Ströbele: Und die Flüchtlingsfrage war in der Nachkriegszeit mindestens so entscheidend wie heute, eigentlich viel entscheidender. Es galt, 13 Millionen Flüchtlinge aus den Ostgebieten unterzubringen – unendlich viele. Ich nahm damals deutlich wahr, dass die Flüchtlinge für Unmut sorgten. Das begann damit, dass sie anders aussahen …

Steinbach: Wir hatten ja teilweise nur noch Lumpen am Leib.

Ströbele: … sie sprachen anders, hatten andere Gewohnheiten. Manche, aus Ungarn etwa, wurden verspottet und abgelehnt, weil sie Kopftücher trugen – das wiederholt sich also auch. Die Flüchtlinge wurden als erhebliche Belastung empfunden, es gab heftige Ressentiments. Ich erinnere mich an einen Karnevalsschlager, der in den fünfziger Jahren und danach gesungen wurde: „Am 30. Mai zieh’n die Flüchtlinge aus! Hurra, hurra, hurra!“

Riesenhuber: Ich verbinde die ersten Nachkriegsjahre mit dem Gefühl, sich gleichzeitig befreit und eingeengt zu fühlen. Zum einen kam der Aufbruch, und man war die Nazis los, die uns herumkommandiert hatten. Als die Nazis weg waren, bekamen wir aber bald wieder das Gefühl, wir hätten nichts zu sagen. Nun sagten die Amerikaner, was wir tun sollen. Da wuchs in mir das Gefühl: Das darf dir nicht mehr passieren, dass andere dir Befehle geben. Du musst erreichen, dass du selbst etwas zu sagen hast. So wurde ich Klassensprecher, war im Studentenparlament, Herausgeber der Studentenzeitschrift …

Also kam der Impuls, in die Politik zu gehen, direkt aus dieser Nachkriegs-Erfahrung?
Riesenhuber: Ja, der Drang nach Selbstbestimmung – wobei ich nicht sofort in eine Partei ging, sondern mich erst einmal anders engagiert habe. Als 1956 die Sowjets den Ungarn-Aufstand niederschlugen, habe ich in Frankfurt meine erste Demonstration organisiert. Wir veranstalteten mit geflohenen Studenten aus Budapest Kundgebungen, haben deren Betreuung organisiert. Alles mit Freunden. In die CDU ging ich erst später.

Frau Steinbach, hat Ihr Weg in die Politik auch mit Ihrer Nachkriegs-Kindheit zu tun?
Steinbach: Sicher in dem Sinne, dass es mich geprägt hat, wie meine Mutter uns damals allein über die Runden brachte. Was die Frauen damals geleistet haben – insbesondere dann, wenn Sie entwurzelt waren, ist kaum zu ermessen. Die Männer waren in Kriegsgefangenschaft oder gefallen, es war eine unglaubliche Leistung der Frauen, alles zusammenzuhalten. Für mich als Kind war das übrigens seltsam, als mein Vater endlich aus der Gefangenschaft zurückkehrte: Jahrelang hatten wir gebetet: „Mach, dass der Papi zurückkommt.“ Aber als er kam, standen wir Kinder auf einen Schlag nicht mehr allein im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit unserer Mutter. Das fand ich als Kind gar nicht ersprießlich. Hinzu kam: Wir waren für den Vater fremd, und er war für uns auch fremd. Das Zusammenwachsen zu einer Familie war kompliziert, wie in vielen Familien. Auch, weil die Frauen so selbstständig geworden waren.

Deutschland begeht den 70. Jahrestag des Kriegsendes mit vielen Gedenkveranstaltungen. Wie hat sich das Gedenken im Land aus Ihrer Sicht über die Jahrzehnte verändert?
Ströbele: Dramatisch. Die Sicht der Deutschen auf das Kriegsende hat sich seit den fünfziger Jahren ins Gegenteil verwandelt: von einer Niederlage zu einer Befreiung. Meine Erinnerungen beginnen in den vierziger und fünfziger Jahren, da galt der 8. Mai niemandem als ein Tag der Befreiung. Sondern das war der Tag einer schrecklichen Niederlage. Wenn man von Deserteuren sprach, sprach man auch in den fünfziger Jahren noch von Verrätern und Verbrechern. 1945 waren nicht alle froh, endlich die Nazis loszuwerden. Man war auch nicht froh, den Krieg verloren zu haben. Viele Leute bedauerten das, sie hätten ihn lieber gewonnen.

Steinbach: Die damalige Sicht war genauso falsch wie die heutige Sicht, nur noch vom „Tag der Befreiung“ zu sprechen. Das ist eine rein westliche Sicht. Für alle Menschen jenseits der Elbe war es zwar eine Befreiung vom Krieg und der Hitler-Diktatur. Aber danach kam sofort die Sowjetdiktatur. Für die Völker Mittel- und Osteuropas ging es nahtlos mit der Unterdrückung weiter, durch die ihnen ihre Rechte wie Redefreiheit, Religionsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit weiter vorenthalten wurden. Und man darf nicht vergessen, dass dort auch sofort die KZ durch die Kommunisten weiter betrieben wurden.

Riesenhuber: Für mich hat das Gedenken an das Kriegsende immer nur eine geringe Rolle gespielt. Natürlich ist der Rückblick sehr wichtig – vor allem der Generation, der schon die DDR ganz fern ist, muss man gegenwärtig machen, was war. Aber wenn man wie ich die unterschiedlichen Phasen miterlebt hat und sieht, wie elend wir lebten und wie wir freier und selbstbestimmter wurden, dann weiß man vor allem diesen Aufschwung zu schätzen. Ohne dass man Gedenktage braucht. Beim Blick zurück dominiert bei mir seit jeher das Gefühl: Freunde, wir haben jetzt tolle Chancen. Daraus können wir was machen.

Steinbach: Aber doch nur im Westen!

Riesenhuber: Ja, aber ich habe ja im Westen gelebt. Da ging es voran. Das Land wurde aufgebaut,die Leute hatten Arbeit. Man hat gesehen, dass man selbst etwas voranbringen kann. Dass es lohnt, sich anzustrengen. Seit den 50ern habe ich vor allem nach vorn gesehen.

Steinbach: Ja, wie die meisten. Als ich meinen Vater nach seiner Rückkehr fragte, wie es in der Kriegsgefangenschaft war, sagte er nur: Schrecklich. Nichts weiter. Das Thema Krieg spielte erst wieder eine Rolle, als die Sowjets 1956 den Ungarn-Aufstand niedergeschlagen haben. Da brach bei meinen Eltern eine heillose Angst aus, dass es wieder Krieg gibt. Sie hatten ganz real das Gefühl: Jetzt beginnt wieder ein Krieg. Das war die große Grundangst, die diese Generation noch hatte.

Als vor einem Jahr der Krim-Konflikt eskalierte, hatten viele Ältere wieder diese reale Angst vor einem neuen Krieg in Europa, in den Deutschland verwickelt wird. Sie auch?
Steinbach: Nicht so unmittelbar, so emotional. Ich habe den Krieg in Deutschland ja nicht bewusst erlebt. Bei meinen Eltern war das damals beim Ungarn-Aufstand wie ein unmittelbarer Reflex: Um Gottes Willen, jetzt gibt’s wieder Krieg! In dieser Intensität kann das sicher nur nachempfinden, wer die Grauen des Krieges am eigenen Leib bewusst gespürt hat.

Ströbele: Das sehe ich völlig anders. Ich habe den Krieg zwar auch nur wenig in Erinnerung. Ich hatte aber trotzdem große Angst angesichts der Ereignisse in der Ukraine. Weniger aus der eigenen Erfahrung des letzten Weltkrieges, sondern aus meiner Beschäftigung damit, wie es zum Ersten Weltkrieg kam. Ich habe erkannt, dass es zu einem Krieg kommen kann ohne eine Eskalation, die man als solche erkennt. Plötzlich steckt man im Krieg, und keiner hat’s angeblich gewollt. Und doch sterben Millionen.

Steinbach: Da haben Sie völlig recht, Herr Ströbele, an die Eskalation von 1914 musste ich auch denken: Musste sich das damals so entwickeln? Kann es sich aufgrund der Ukraine-Krise nun wieder so entwickeln? Aber die panische Sorge meiner Eltern beim Ungarn-Aufstand überkam mich niemals.

Ströbele: Mir ist diese Mechanik, dieser Mangel an Kontrolle nach den beiden Kriegen im 20. Jahrhundert heute wieder ungeheuer gegenwärtig. Kann es sein, dass jemand zu leichtfertig sagt: Wenn „die“ jetzt so böse sind und irgendwas nicht einhalten, müssen „wir“ doch genau so böse sein und reagieren?

Riesenhuber: Bei mir ist es etwas anders. Ich habe diesen emotionalen Bezug zum Krieg noch, zwei Brüder meiner Mutter sind gefallen, die Schrecken des Krieges waren mir sehr nah. Darum hat mich das Wissen, dass in Europa kein Krieg mehr denkbar ist, immer begeistert. Und deshalb lag diese Eskalation in der Ukraine völlig quer zu meinem Weltbild. Ich würde auch nicht zu viel herleiten aus dem, was in Deutschland vor 80 oder 75 Jahren geschehen ist – jede Situation ist neu. Und in diesem Punkt muss ich unsere Generation, die jetzt hier am Tisch sitzt, loben: Sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten doch ganz gut geschlagen, gell?

Was bedeutet es Ihnen als Politiker dieser Generation eigentlich, heute im Reichstag zu arbeiten – jenem Gebäude, das die Narben des Kriegs trägt und selbst Schauplatz so vieler Umbrüche war?
Riesenhuber: Ich finde es toll. Ich vergleiche es vor allem mit der Zeit, als wir als CDU/CSU-Fraktion in den Jahren der deutschen Teilung nach Berlin reisten, um im Reichstag Fraktionssitzungen abzuhalten. Wir blickten direkt auf die Mauer. Es ist toll, das überwunden zu haben.

Steinbach: Ich bin 1990 in den Bundestag gekommen, also ins erste gesamtdeutsche Parlament. Schon damals dachte ich: Was ist das für ein Glück! Im Rückblick finde ich: Erst mit dem Fall der Mauer war der Krieg tatsächlich zu Ende und Freiheit wurde auch für die Völker jenseits des Eisernen Vorhangs Wirklichkeit.

Ströbele: Einen Moment! 1990 war ja der Bundestag noch gar nicht in Berlin, sondern noch in Bonn.

Riesenhuber: Aber wir hatten unsere Fraktionssitzungen schon hier.

Ströbele: Ja, ich war ja 1982 auch schon mal im Bundestag. Da gab es in Berlin solche Show-Veranstaltungen, das war ja keine echte Bundestagsarbeit. Man ist da mal hergefahren, um zu demonstrieren, dass Westberlin auch dazugehört und eigentlich Berlin die Hauptstadt sein sollte …

Riesenhuber: So ist es! Das freie Berlin!

Ströbele: Aber für mich hatte bis zuletzt dieses Provisorium in Bonn auch einen großen Reiz. Ich empfand das immer als sehr angemessen für die neue Bundesrepublik Deutschland: das Gegenteil von Großkotzigkeit und Großmannssucht. Alles ein bisschen kleiner – auch gegenüber den Gästen aus anderen Hauptstädten der Welt. Ich habe es bedauert, dass dieses Provisorium durch Berlin ersetzt wurde – obwohl mir persönlich Berlin sehr viel näher liegt. Aber es hat die Bundesrepublik lange ausgezeichnet, dass sie mit Bonn ein bisschen bescheidener aufgetreten ist.

Riesenhuber: Aber wir sind doch immer noch bescheiden, lieber Herr Ströbele! Wir sind doch geprägt von einer sanften, freundlichen Bescheidenheit.

Das nehmen Sie anders wahr, Herr Ströbele: Während der Fußball-WM empfanden Sie die allgegenwärtige Beflaggung mit Schwarz-Rot-Gold deshalb oft befremdlich. Als Sie das öffentlich sagten, schimpfte die CDU/CSU-Fraktion laut. Können Sie so ein gebrochenes Verhältnis zu Deutschland angesichts der deutschen Kriegsschuld nicht verstehen, Frau Steinbach?
Steinbach: Ich glaube, so wie ein Mensch in sich ruhen muss und zu sich selbst stehen muss, sollte auch ein Land zu sich selbst stehen. Unsere Farben sind Schwarz-Rot-Gold, also soll man die ruhig zeigen. Das ist nicht großspurig, sondern ganz normal. Flagge zeigen hat doch nichts mit Relativierung der deutschen Geschichte zu tun. In diesem Fall geht es um ein Zusammengehörigkeitsgefühl und um den Ausdruck gemeinsamer Freude, wenn die Mannschaft gewinnt, die unser Land repräsentiert.

Ströbele: Mich hat dieses befremdliche Gefühl bis heute nicht verlassen. Zum Beispiel, wenn bei Pegida die Deutschlandfahne geschwenkt wird.

Riesenhuber: Bei Pegida haben Sie nun gerade den exemplarischen Missbrauch einer guten Idee, wie Sie ihn überall finden, wo eine gute Idee ist. Die katholischen oder islamischen Fundamentalisten gibt es ja auch nicht deshalb, weil die Idee des Katholizismus oder des Islam schlecht wäre – sondern, weil sie es in einer Verabsolutierung und als Selbstzweck missbrauchen.

Ströbele: Naja, manchen Sprechchor grölen sie beim Fußball wie bei Pegida: „Deut-schlaaaaaand!“

Steinbach: Ach, man muss das lockerer nehmen, um sich selbst nicht verrückt zu machen. Die Debatte zeigt doch nur, dass wir als Land aufgrund unserer Geschichte noch nicht ganz im Reinen mit uns sind.

Ströbele: Aber wir sollten mit unserer Geschichte gar nicht im Reinen sein wollen!

Steinbach: Ich glaube, dieses Unwohlsein wächst sich aus. So wie Kinder erwachsen werden, müssen wir auch langsam erwachsen werden. Ein deutsches Selbstbewusstsein zu haben heißt auch sich seiner Schwächen und seiner schwierigen Vergangenheit bewusst sein. Auch, um aus den Fehlern zu lernen. Vaterlandsliebe steht dem nicht im Wege, sondern hilft.

Ströbele: Man kann ja auf vieles stolz sein, aber man muss nicht auf Deutschland stolz sein.

Riesenhuber: Stolz ist die falsche Kategorie. Es geht darum, beide Seiten der Medaille zu sehen. Man kann als Nation versagt haben. Aber das ändert nichts daran, dass ich weiß, ich gehöre dazu und für die Zeit, die ich auf Erden bin, ist es meine Aufgabe, zu diesem Land beizutragen, was ich kann. Ein Hurra-Patriotismus, als wäre man sich gewiss, dass man immer alles richtig macht und vor allem unsere Meinung immer richtig ist – das ist eine lebensgefährliche Haltung. Aber die zweite Hälfte der Wahrheit ist, dass aus der finsteren Nazizeit heute ein beachtliches demokratisches Land hervorgegangen ist.

Ströbele: Warten wir’s mal ab!

Riesenhuber: Ja, das sehe ich mit großer Zuversicht.

Würden Sie, Herr Riesenhuber, sagen, dass dieses von Ihnen gelobte vorbildlich demokratische Deutschland ohne die 68er möglich gewesen wäre?
Riesenhuber: Eines ist sicher wahr: Die 68er haben eine Diskussion angestoßen, die das Land in einer Weise durchgelüftet hat, dass man die Wirklichkeit heute mit einer frischen Sicht erkennt. Das war schon eine wichtige Zäsur. Ich war ja selbst völlig begeistert, als ich 1955 in Frankfurt an die Universität kam und dort Adorno und Horkheimer hörte! Obwohl ich Chemiker bin, habe ich mehr von denen gehört als von meinen Professoren. Umwerfend faszinierend! Wir erkannten eine Welt, von der wir nichts gewusst hatten. Aus heutiger Sicht zählte 1968 mit zum demokratischen Aufbruch dieses Landes.

Ströbele: Sagen wir es so: Wir haben die Revolution, die wir wollten, nicht erreicht. Bis zuletzt war ich überzeugt, dass sie notwendig ist. Aber immerhin haben wir die Gesellschaft radikal verändert. Nicht so sehr in den Bereichen, in denen wir revolutionäre Veränderungen wollten. Aber in unendlich vielen Lebensgewohnheiten, Ansichten, Auffassungen zur Geschichte.

Sind Sie heute genauso froh, dass Ihre Revolution verloren ging, wie darüber, dass zuvor der Krieg verloren ging?
Ströbele: Ich bin überhaupt nicht froh, dass wir die Revolution nicht erreicht haben! Ich gebe aber zu, dass es inzwischen Erfahrungen gibt, auch aus vielen anderen Ländern der Welt, die zeigen, dass wir damals einige Punkte falsch gesehen haben.

Riesenhuber: Na, Donnerwetter. Das ist ja doch eine beachtliche Erkenntnis! Altersweisheit!

Interview: Jochen Arntz und Steven Geyer

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