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"Standing Man" Erdem Gündüz "Mein Körper ist meine Stimme"

Erdem Gündüz wurde als der „Standing Man“ bekannt: Acht Stunden lang starrte er im Gezi-Park regungslos auf ein Atatürk-Transparent – und wurde zu einer Ikone des friedlichen Widerstandes. Nun erhielt er in Potsdam-Sanssouci den M100 Media Award.

Der türkische Tänzer und Choreograph Erdem Gündüz steht bei seinem stummen Protest auf dem Taksim-Platz in Istanbul. Er wird bekannt als der "standing man" oder "duran adam". Foto: dpa

Was empfinden Sie, wenn Sie jetzt auf den Gezi-Park schauen, mit all den neu angelegten Blumenrabatten? Hat die Gezi-Bewegung gewonnen?
Es sieht hübsch aus. Aber natürlich wird das Einkaufszentrum trotzdem gebaut. Schauen Sie sich andere Großprojekte in Istanbul an: das Galataport-Projekt am Bosporus, wo sie die alten Häuser abreißen, um Platz für Hotels und Wohnresidenzen zu schaffen. Das Tarlabasi-Viertel, das sie komplett umbauen. Die dritte Bosporusbrücke, den dritten Istanbuler Flughafen. Alle diese Projekte warden durchgezogen.

Ist die Gezi Bewegung also vorbei?
Die Gezi-Bewegung ist wie das Leben. 19 Tage lang war es Tag, und danach wurde es Nacht. Wir sind Menschen. Mal sind wir wach, mal schlafen wir. Das ist normal.

Sie glauben also, die Bewegung schläft nur.
Vielleicht. Viele Leute sagen, dass im September etwas passieren wird, wenn die Menschen aus dem Urlaub nach Istanbul zurückkommen. Aber viele Aktivisten haben Angst, denn die Polizei hat ihre Wohnungen durchsucht, vor allem bei den Carsi, den Fans des Fußballklubs Besiktas.

Es ist noch immer etwas im Gange. Die Menschen treffen sich in Parks und diskutieren, wie es weitergehen soll.
Ich habe diese Foren einige Male besucht. Aber ich kann nicht besonders gut reden. Ich bin Tänzer und Choreograph, mein Körper ist meine Stimme. Nur scheint das niemand zu verstehen. Dauernd werde ich darum gebeten zu sprechen. (lacht)

Wie würden Sie denn die Gezi-Bewegung mit Ihrem Körper erklären?
Das Volk selbst hat mit dem Körper gesprochen. Die Menschen schützten die Bäume, indem sie auf dem Boden saßen und Zelte im Park aufstellten, sie machten Yoga und Tai-Chi, sie räumten den Müll weg. Das alles taten sie mit ihren Körpern.

Wie kamen Sie auf die Idee der „Standing Man“-Performance?
Als Bürger dieses Landes wollte ich meine Gefühle ausdrücken. Zudem bin ich ein Performance-Künstler, und die Leute verstehen meine Kunst. Wenn ein normaler Mensch dort stundenlang gestanden hätte, hätte es niemanden interessiert.

Hat Sie jemand inspiriert?
Der Tiananmen-Mann. Er stellte sich 1989 ganz allein vor die Panzer auf dem Tiananmen-Platz in Peking. Ich habe meine Performance auf dem Taksim-Platz nicht nur, aber auch für die Medien gemacht. Es ging mir wie immer um Mehrdeutigkeit. Eindeutigkeit finde ich uninteressant.

Warum engagieren Sie sich?
Das ist doch offensichtlich! Wie viele Bäume gibt es in Istanbul? Jeder grüne Ort in der Stadt wird in ein Einkaufszentrum, ein Hotel oder Häuserblocks verwandelt. Nur in den Gärten der Reichen und auf den Friedhöfen stehen noch Bäume, aber selbst die uralten Friedhöfe werden jetzt attackiert.

Mögen die Verantwortlichen in der Türkei keine Bäume?
Das sind Bauunternehmer, Politiker, Architekten. Denen geht es nur ums Geld – und sie handeln immer im Namen der Regierung. Zum Beispiel die Zerstörung der Osmanischen Gärten an der alten Stadtmauer. Als einige Aktivisten dort kürzlich demonstrieren wollten, wiegelte die Polizei die Anwohner gegen sie auf, die sie dann verprügelten. Wer Kritik übt, wird mundtot gemacht. Fast alle Medien arbeiten jetzt für die Regierung. Viele Journalisten sind im Gefängnis. Und die Regierung manipuliert die Realität. Der Istanbuler Gouverneur zum Beispiel sagte, dass die Gezi-Aktivisten die Polizei angreifen und nicht umgekehrt. In Wahrheit waren wir friedlich, und die Polizei hat uns mit Tränengas beschossen.

Kamen Sie am 17. Juni spontan auf die Idee der Performance, oder hatten Sie sich vorbereitet?
Absolut spontan. Ich war in der (Fußgängerzone) Istiklal Caddesi, um zu demonstrieren. Wir machten einen Sitzstreik, riefen Parolen, aber es passierte nichts. Zum Taksim-Platz ließ uns die Polizei nicht. Also beschloss ich, wie ein Tourist hindurchzugehen. Als ich den Platz erreichte, kam mir die Idee der Performance.

Sie wollten von den Medien bemerkt werden – aber waren denn überhaupt Medien auf dem Platz?
Ich wusste, dass die Dogan-Nachrichtenagentur sich ein Büro am Platz eingerichtet hatte, um zu berichten, falls etwas passierte. Aber es passierte ja nichts. Das wollte ich ändern. Also stellte ich mich hin. Ich war sicher, dass mich bald jemand bemerken würde, und so war es auch.

Warum haben Sie auf das Atatürk-Transparent am Atatürk-Kulturzentrum gestarrt?
Weil seine Ideen und Prinzipien missachtet werden. Atatürk gab den Frauen politische Rechte im Jahr 1923! Viele Länder in Europa machten das erst viel später. Und wenn ich jetzt mit Ihnen frei sprechen kann, verdanke ich das vor allem Atatürk.

Acht Stunden lang standen Sie dort unbeweglich. Woran haben Sie dabei gedacht?
Ich dachte, ich leiste Widerstand, um den Gezi-Park zu beschützen. Wenn man nicht versucht, seine Bäume oder auch sein Trinkwasser zu schützen, verliert man seinen natürlichen Halt. So lange wir unsere natürliche Umwelt nicht schützen können, so lange sind wir nicht frei. Im Matrix-Film heißt es: „Willkommen in der Wüste der Realität.“ Willkommen in der Türkei, einem Land, das die Menschen wie Insassen einer Hühnerbatterie betrachtet und sie in hässliche Hochhäuser sperrt, die in Deutschland oder England längst wieder abgerissen werden. Die Regierung ködert die Menschen mit dem Islam und den neuen Wohnungen, aber dahinter lauern der Neoliberalismus, Schulden, die zerstörte Umwelt. Dagegen wendet sich die Gezi-Bewegung.

Warum haben Sie die Performance um zwei Uhr nachts abgebrochen?
Die Polizei nahm vier Leute fest, weil sie angeblich den Verkehr blockierten. Als ich die Polizei kommen sah, dachte ich, okay, es reicht, es muss nicht wieder Tränengas oder Gewalt geben. Eigentlich sind wir Türken wirklich friedliche Menschen.

Hat die Polizei Sie auch festgenommen?
Das nicht, aber sie hatten mich vorher sehr unhöflich behandelt. Sie stellten mir Fragen, aber ich habe nicht geantwortet, denn Schweigen gehörte zur Performance. Dann haben sie meine Hosentaschen und meinen Rucksack durchsucht. Wer gibt ihnen das Recht dazu, obwohl ich nichts weiter getan habe, als auf einem öffentlichen Platz zu stehen?

Haben Sie Ihre Performance am nächsten Tag fortgesetzt?
Das wollte ich gar nicht. Aber dann kamen viele andere Menschen und stellten sich auf den Taksim-Platz. Es war wie Pop-Art. Die Kunst ist überall, und jeder kann sie nutzen. Das gefiel mir.

Ihr Protest hat die ganze Welt berührt. Viele Medien haben darüber berichtet. War das der Effekt, den Sie erzielen wollten?
Ja, das war gut. Aber in der Türkei wurden viele Lügen über mich verbreitet. Der Minister Egemen Bagis schrieb auf Twitter: „Warum hat der stehende Mann drei Tage im deutschen Konsulat gewohnt?“ Ich war noch nie im deutschen Konsulat. Die türkischen Medien meldeten Dinge wie: „Der Standing Man ist ein Serbe.“ Gestern Abend habe ich bei Google nachgeschaut und festgestellt, dass es zum Stichwort „Duran Adam Serbia“ 152 000 Treffer gibt. 152 000 Treffer! Andere behaupteten, ich hätte gemäß der Gene-Sharp-Liste versucht, die Regierung zu stürzen. Gene Sharps Liste friedlicher Protestformen umfasst 200 Paragraphen, einer ist der Standing Man. Ich kannte diese Liste vorher nicht, doch als viele Leute sie erwähnten, habe ich sie mir angeguckt und fand sie wunderbar ( lacht ). Ich habe sie sofort auf Facebook geteilt.

Ist die Regierung verärgert, weil Sie jetzt diesen Medienpreis in Deutschland bekommen?
Wahrscheinlich bemerken sie das nicht mal. Im Moment sind sie damit beschäftigt, nach Syrien zu gehen und Krieg zu führen.

Ist die Regierung überhaupt einmal auf Sie zugekommen?
Nein. Für die Regierung existieren wir gar nicht, verstehen Sie? Die Regierung und die Polizei setzen Tränengas gegen friedliche Demonstranten ein, weil sie uns nicht für Menschen, sondern für Ungeziefer halten. So denken sie über uns.

Hat der stehende Mann Ihr Leben verändert?
Ich lebe wie vorher, gehe ins Café, trinke Tee, lese meine Zeitung. In der Istiklal Caddesi gebe ich weiterhin Unterricht als Choreograph. Ich will mein Leben nicht ändern.

Werden Sie auf der Straße erkannt? Wollen die Leute Autogramme?
Ja, aber ich sage dann: Lassen Sie uns ein Foto machen! Fotos teilt man mit anderen Menschen.

Sie bezeichnen sich ausdrücklich nicht als politischen Künstler. War es nicht politisch, als Sie 2004 eine Performance gegen das Kopftuchverbot in der Universität gemacht haben?
Es ging darum, dass religiöse Männer an der Uni mit Bart und dem Käppi auf dem Kopf in den Hörsaal durften, die Frauen aber nicht mit Kopftuch, denn das war gesetzlich verboten. Eine klare Diskriminierung. Wir haben die Performance zu dritt gemacht, zwei Jungen und ein Mädchen. Wir haben Kopftücher während der gesamten Vorlesung getragen. Es war ein bisschen wie 1950 in den USA, als ein weißer Mann sich schwarz anmalte und so in ein öffentliches Schwimmbad ging – die erste Performance der Kunstgeschichte. Unsere Professorin sagte anschließend: „Sie werden Probleme bekommen.“

Was ist passiert?
Nichts. Weil die Leute an der Uni verstanden, dass es eine Performance war. Es ist letztlich eine Frage des Codes. Es geht nicht um Kopftücher, sondern um besondere Kopftücher. Es ist lächerlich, das zu verbieten.

Wo machen Sie Ihre Performances? In Theatern oder im öffentlichen Raum?
Im öffentlichen Raum. Es ist traurig, dass es in der Türkei kein Institut oder Stiftung gibt, die Künstler unterstützen. Als Solotänzer verdienen Sie kein Geld, ebenso wenig wie als Bildhauer, Maler oder Choreograph. Künstler sind Individualisten. Sie tun nichts für die Regierung, also tut die Regierung auch nichts für sie.

Bekommen Sie wenigstens einen Anteil von den vielen Merchandising-Artikeln mit dem Motiv „Duran Adam“, Stehender Mann? Jetzt wurden sogar Patentanträge dafür gestellt.
Ich habe keine Beziehung zu diesen Geschäftsleuten. Ich habe nicht mal eine Fan-Seite. Klar bin ich wütend, weil sie meine Idee zu Geld machen. Aber das betrifft alle, die in der Türkei berühmt sind. Man kann nichts dagegen tun.

Was haben die Gezi-Proteste gebracht?
Erstmals haben die Menschen in der Welt die wirkliche Türkei gesehen. Vorher zeigten ihnen die Medien immer nur ein geschöntes Bild. Die Türken selbst haben eine falsche Wahrnehmung der Türkei. Deshalb plädiere ich für die Abschaffung des Fernsehens. Das Fernsehen bei uns ist eine Art Morphium. Jeden Tag benötigt man mehr davon, aber es tötet einen jeden Tag ein bisschen mehr und wäscht das Gehirn. Die Leute verlieren den Sinn für die Realität.

Glauben Sie, dass die Proteste wieder aufflammen werden?
Ich bin kein Astrologe. Ich weiß, im Gezi Park haben viele Menschen die Grenzen ihrer Angst überschritten. Sie glauben der Regierung einfach nicht mehr. Aber es passiert so unglaublich viel in der Türkei, gegen das Widerstand nötig wäre. Die dritte Bosporusbrücke, die Shopping Malls, die vielen Staudämme im Osten. Viele alte unersetzliche Gebäude in Istanbul sind schon verschwunden. Jetzt werden gerade Tarlabasi und Yedikule zerstört. Wir können nicht an jedem Ort gleichzeitig sein. Überall sind Mauern.

Sie haben auch eine Performance gegen Mauern gemacht.
Deshalb interessiert mich Potsdam, wo ich den Preis bekomme, denn dort stand die Berliner Mauer. Bei meiner Performance bin ich gegen eine Mauer gerannt, habe geschrien und versucht, sie einzureißen. Es ging um Mauern, die Menschen trennen. Wie die Berliner Mauer oder die Mauer in Gaza.

In Berlin gibt es gerade einen Kulturkampf um das letzte intakte Stück der Mauer – ein Denkmal, das teilweise abgerissen werden soll, um Luxuswohnungen zu bauen.
Wirklich? Das ist ja genauso wie bei uns in Istanbul!

Interview: Frank Nordhausen

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