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Stammzellforschung Meilenstein für die Forschung

In den USA hat die weltweit erste Therapie mit embryonalen Stammzellen begonnen. Aber deren Einsatz ist wegen der Zerstörung der Embryonen heftig umstritten. Und: Es geht auch anders, sagen Forscher.

12.10.2010 18:13
Anke Brodmerkel
Erster genehmigter Einsatz am Patienten: Therapie mit Stammzellen. Foto: dpa

Jürgen Hescheler hörte die Nachricht aus den USA mit gemischten Gefühlen. Einerseits freute sich der Kölner Stammzellforscher, dass das kalifornische Biotech-Unternehmen Geron eine seit Jahren geplante Patientenstudie nun gestartet hat: Die weltweit erste Therapie mit embryonalen Stammzellen. „Das ist ein ganz wichtiger Meilenstein für die Stammzellforschung“, sagt Hescheler der FR. „Endlich ist es gelungen, pluripotente Zellen aus dem Labor in die Kliniken einziehen zu lassen.“

Als pluripotent werden Zellen bezeichnet, die sich in die unterschiedlichsten Zelltypen des Körpers verwandeln können. Zu ihnen gehören neben den embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) auch die künstlich verjüngten iPS-Zellen (induzierte pluripotente Stammzellen). Mit ihnen wollen Forscher künftig krankes oder zerstörtes Gewebe ersetzen und so eine Vielzahl menschlicher Gebrechen heilen.

Allerdings schaut Hescheler auch mit einem wehmütigen Auge auf die US-Kollegen: „Ich bin frustriert darüber, wie rasch die Forschung dort jetzt vorangeht, während wir wegen unserer restriktiven Gesetze ins Hintertreffen geraten sind“, sagt er. Es sei sicherlich nur noch eine Frage der Zeit, bis Therapien mit pluripotenten Stammzellen zum klinischen Alltag gehörten. „Und dann werden wir in Deutschland Hunderttausende zur Behandlung ins Ausland schicken müssen.“ Hescheler, der mit aus pluripotenten Stammzellen gezüchteten Herzzellen experimentiert, hofft allerdings, dass auch in Deutschland nach und nach ein Umdenken erfolgen wird.

Erfolg ist wahrscheinlich

Dass Geron mit seiner Therapie erfolgreich sein wird, daran zweifelt der Forscher nicht: „Dass eine frisch zugezogene Querschnittslähmung mit Hilfe von Stammzellen geheilt werden kann, haben Tierversuche eindrücklich bewiesen. “ Eine Krebsgefahr gehe von der nun gestarteten Behandlung vermutlich nicht aus. „Die Ärzte spritzen ja nicht, wie oft fälschlich berichtet wird, embryonale Stammzellen ins Rückenmark“, sagt er. Denn dass diese Zellen in fremdem Gewebe Tumore bildeten, sei hinlänglich bekannt.

Vielmehr erhielten die Patienten, so erklärt es auch Geron, aus ES-Zellen gezüchtete Vorläuferzellen von Oligodendrozyten. Das sind Zellen, die die Fortsätze der Nervenzellen im Rückenmark wie ein schützender Mantel umhüllen. „Man kann sie sich auch vorstellen wie eine Schiene, entlang derer sich die durchtrennten Nervenzellfortsätze ausrichten und wieder zusammenwachsen können“, erläutert Hescheler.

Dass von solchen Vorläuferzellen, die weitgehend, wenn auch nicht vollständig ausdifferenziert sind, keine Krebsgefahr mehr ausgeht, haben Tierversuche gezeigt. „Wenn eine richtige Zelle am richtigen Ort sitzt, ist davon auszugehen, dass sie auch vernünftig funktioniert“, sagt Hescheler. Die größte Gefahr besteht demnach vermutlich darin, dass die verwendete Zellmischung versehentlich noch einige unspezialisierte ES-Zellen enthält.

Kritiker bemängeln auch, die Therapie sei unethisch, weil Embryonen getötet werden müssen, um die Zellen zu gewinnen. Aber Hescheler glaubt ohnehin, dass embryonale Stammzellen längst einen ebenbürtigen Nachfolger gefunden haben: die iPS-Zellen, die Forscher etwa aus Hautzellen züchten.

Die künstlich verjüngten Zellen haben offenbar sämtliche Eigenschaften der ES-Zellen. Sie sind aber ethisch unbedenklich und lassen sich für jeden maßgeschneidert herstellen. Noch ist mit den meisten Methoden, nach denen iPS-Zellen hergestellt werden, zwar ebenfalls ein Krebsrisiko verbunden und unbedenkliche Verfahren sind noch nicht effizient genug. Doch diese technischen Probleme wird die Wissenschaft wohl lösen können – davon ist nicht nur Hescheler überzeugt.

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