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Stadion-Katastrophe in Ägypten "Deutlich aggressivere Stimmung"

Frustration befeuert die Gewaltausbrüche in Ägypten, sagt Sonja Hegasy, Vizedirektorin des Zentrums Moderner Orient im Interview.

03.02.2012 18:06
Sonja Hegasy, Vizedirektorin des Zentrums Moderner Orient in Berlin. Foto: Privat

Frau Hegasy, inwiefern ist die Gewalt in Port Said symptomatisch für die ägyptische Gesellschaft nach der Revolution?

Die Stimmung in Ägypten ist aggressiver geworden. Allenthalben kommt es zu Gewaltausbrüchen, auch ohne konkreten Anlass. Unter Mubarak war die Kriminalitätsrate im Land deutlich niedriger als jetzt. Die Bevölkerung fühlt sich allein gelassen und verlangt vom Staat, sich stärker um die Sicherheit im Land zu kümmern.

Die Revolution wurde von Jugendlichen getragen. Warum ist ihre Stimmung umgeschlagen?

Hier bricht sich lang angestaute Frustration ihre Bahn. Unter Husni Mubarak wurde versucht, öffentliche Versammlungen zu unterbinden. Selbst Popkonzerte konnten selten stattfinden. Nun haben die Jugendlichen die Möglichkeiten, ihre Wut auf die Straße zu bringen. Wut herrscht vor allem über den Staat, den Militärrat und die schwierige wirtschaftliche Lage. Insgesamt hat sich viel weniger verändert, als die Menschen erhofft haben.

Ist die Jugend durch die Revolution stärker politisiert worden?

Seit der Revolution hat ein Großteil der Jugend ein politisches Bewusstsein entwickelt, nur die wenigsten aber sind auch politisch aktiv. Diejenigen, die die Revolution vorangetrieben haben, gehören jetzt zu den Verlierern. Die sogenannte Facebook-Generation, das liberale Milieu, ist im neuen Parlament kaum vertreten. Sie haben es nach der Revolution nicht geschafft, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Die prekäre wirtschaftliche Lage ist für viele Ägypter derzeit das Hauptproblem. Die Rezepte der Liberalen überzeugten hier Wenige. Aber nicht nur die Wähler islamistischer Parteien sind mit den Entwicklungen unzufrieden. Auch die Jugendorganisation der Muslimbrüder stellt sich gegen den Kurs der Altvorderen.

Welche Zukunft sehen junge Ägypter für sich im Land?

Einige, die es sich leisten können, verlassen das Land. Andere hingegen bleiben, weil sie davon ausgehen, dass sich die Lage in den kommenden Jahren beruhigen wird. In den Prozess wollen sie aktiv eingreifen. Der Großteil aber hat nicht die finanziellen Möglichkeiten, ins Ausland überzusiedeln. Sie müssen die Übergangszeit wohl oder übel ertragen.

Das Gespräch führte Markus Awater.

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