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Spitzendiplomat Sondergesandter Richard Holbrooke ist tot

Den Riss der Hauptschlagader hat er nicht überlebt: Richard Holbrooke, Sondergesandter für Pakistan und Afghanistan, Architekt des Dayton-Abkommens und ehemaliger Kandidat für das Amt des Außenministers, starb am Montagabend.

14.12.2010 02:02
Von Damir Fras
Richard Holbrooke, ein weltweit angesehener US-Diplomat, starb am Montagabend im Alter von 69 Jahren. Foto: AFP

Diplomaten erzählen es in diesen Tagen, damit die Bedeutung des Mannes noch mehr zur Geltung kommt. Als Richard Holbrooke am vergangenen Wochenende (11./12.12.2010) in einem Washingtoner Krankenhaus bereits im Sterben lag, habe sich der afghanische Präsident Hamid Karsai aus Kabul bei Holbrookes Gattin gemeldet und sie seines Mitgefühls versichert. Mitten in dem Telefonat sei ein Anklopfton in der Leitung zu hören gewesen. Es war Karsais pakistanischer Amtskollege Asif Ali Zardari, der ebenfalls aus Sorge um das Leben Holbrookes anrief.

Holbrooke kümmerte sich seit knapp zwei Jahren im Auftrag von US-Präsident Barack Obama um Afghanistan und Pakistan. Der Top-Diplomat war sozusagen Mr. AfPak, wie die Region im internationalen Jargon inzwischen genannt wird. Er war der Mann, der Karsai immer wieder zum Kampf gegen die Korruption ermuntern musste. Er war der Mann, der die pakistanische Regierung immer wieder daran erinnern musste, dass die Unterstützung der Taliban Islamabad vielleicht kurzfristig Vorteile, aber auf lange Sicht nur Nachteile bringen wird. Holbrooke, 69 Jahre alt, ging in dem Job auf wie in jedem anderen Job, den er seit seinem Eintritt in den diplomatischen Dienst der USA übernommen hatte – mit einem Arbeitspensum, das an einen Workaholic erinnerte, und mit der Sturheit eines Esels.

Holbrooke kam 1941 in New York City zur Welt. Seine Mutter stammte aus Stuttgart. Sein jüdischer Großvater diente im Ersten Weltkrieg in der deutschen Armee, worauf Holbrooke gern hinwies, als er 1993 US-Botschafter in Deutschland wurde. In seinem Büro hing ein Foto des Großvaters, das diesen in Uniform und preußischer Pickelhaube zeigte. „Das ist mein Großvater, und Sie können es interpretieren, wie Sie wollen“, sagte Holbrooke jenen Gästen, die fragten, was er ihnen damit sagen wolle. „Ich wollte nur zeigen: Das war mein Großvater, ein deutscher Soldat, der sein Land verlassen musste, weil er Jude war“, sagte Holbrooke, um dann mit dem Satz zu schließen: „Wer weiß, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre, wäre ich vielleicht deutscher Botschafter in den USA geworden.“

Doch so kam es nicht. Und Holbrooke machte Karriere im State Department. In Europa berühmt wurde er allerdings erst als sogenannter Architekt des Friedensabkommens von Dayton, mit dem 1995 der Bosnienkrieg beendet wurde. Holbrooke reiste mit einigen hohen US-Offizieren nach Belgrad und stellte diese dem serbischen Machthaber Slobodan Milosevic mit der Bemerkung vor: „Diese Soldaten befehligen die amerikanischen Luftstreitkräfte, die bereit stehen, Sie zu bombardieren, wenn wir nicht zu einer Einigung kommen.“ Milosevic war beeindruckt, blieb es aber nicht lange, denn Holbrookes Bemühungen den Kosovo-Krieg ein paar Jahre später zu verhindern, blieben ohne Erfolg.

Kritiker der Bush-Regierung

Die Wahl von George W. Bush Ende 2000 zum neuen US-Präsidenten markierte das vorläufige Ende der diplomatischen Laufbahn von Richard Holbrooke. Zu jener Zeit war er US-Botschafter bei den Vereinten Nationen. Holbrooke, Zeit seines politischen Lebens Anhänger der Demokraten, konnte mit dem neokonservativen Gedankengut, das sich nun in Washington breit machte, nichts anfangen. 2007 sagte er über Bush: „Er hat das Land in zwei Kriege geschickt, von denen er keinen beenden wird. Dann haben wir ein riesiges Haushaltsdefizit und eine gespaltene Nation. Das ist eine furchtbare Hinterlassenschaft.“

Die Bush-Jahre verbrachte Holbrooke in außenpolitischen Think-Tanks und mit der Pflege der American Academy in Berlin, die er 1997 gegründet hatte, um die deutsch-amerikanischen Beziehungen zu vertiefen. Auf der Terrasse der Academy, mit einem grandiosen Blick auf den Wannsee, empfing er in dieser Zeit gerne Journalisten und zeigte ihnen, wie es sich mit der Arbeitseinstellung eines Holbrookes verhält. Die Nacht zuvor hatte er im Flugzeug über dem Atlantik verbracht, doch Müdigkeit und der Ärger mit der Zeitverschiebung waren Holbrooke kaum anzumerken. Er erzählte, erledigte zwischenzeitlich per Telefon letzte Absprachen wegen eines Meinungsbeitrags für eine führende US-Tageszeitung, schielte dabei andauernd auf die Uhr. Am Ende fühlten sich die Journalisten wie erschlagen, doch Holbrooke gab sich munter und fröhlich, als komme er gerade aus der Wellness-Zone und stand auch noch dem Fotografen geduldig Modell.

Als Bush ging und Obama kam, hätte es nicht verwundert, wenn sich Holbrooke aus Altersgründen aus der US-Außenpolitik zurückgezogen hätte. Doch das Gegenteil war der Fall: Holbrooke ließ sich noch einmal einspannen – als Sonderbeauftragter Obamas für Afghanistan und Pakistan. Zum Außenministerposten reichte es nicht, den hatte schon Hillary Clinton für sich reklamiert.

Aber ebenso eifrig wie in den 90-er Jahren in das europäische Geschäft stürzte sich Holbrooke in das afghanische Chaos. Legendär sind inzwischen die angeblichen Schreiduelle mit Präsident Karsai, die zwar nie bestätigt wurden, aber dennoch plausibel sind.

Am Freitag vergangener Woche (10.12.2010) brach Holbrooke in seinem Arbeitszimmer im Washingtoner Außenministerium zusammen. In Montagabend ist er nach einer Operation an der Hauptschlagader gestorben.

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