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Wissenschaft Wenn Fakten nicht mehr zählen

Donald Trump plant, die Forschung in den USA einzuschränken – und das auf vielfache Weise.

In den Hochschulen der USA arbeiten viele Wissenschaftler mit ausländischen Wurzeln. Foto: Getty

Für ihre Leistung als Ingenieurin ist Nazanin Zinouri bereits ausgezeichnet worden. Seit sieben Jahren lebt die Forscherin in Greenville, South Carolina, dort hat sie ein Haus und ihren Job; vor einiger Zeit beendete sie ihre Doktorarbeit an der nahe gelegenen Clemson University. Doch als sie vorletztes Wochenende von einem Besuch bei ihrer Familie in Teheran zurückkehren wollte, holten Sicherheitsbeamte Nazanin Zinouri aus dem Flugzeug, mit dem sie nach Washington fliegen wollte. Es war der Zeitpunkt, als US-Präsident Donald Trump sein inzwischen von der Justiz vorläufig gestopptes Einreiseverbot für sieben mehrheitlich muslimische Länder verhängte. Sollte Trump sein Dekret doch noch durchsetzen – die US-Regierung hat Widerspruch gegen das Urteil angekündigt –, so könnten davon hunderte Mitarbeiter an US-amerikanischen Forschungseinrichtungen und Hochschulen betroffen sein. Die Präsidentin der Gesellschaft der amerikanischen Universitäten, Mary Sue Colman, sagte, dass in den USA etwa 17 000Frauen und Männer studieren, die aus diesen sieben Ländern stammen.

Die Folgen eines Einreiseverbotes gingen weit über die Einreise hinaus. Forscher sind darauf angewiesen, in andere Länder zu reisen. Nur so können sie sich mit anderen über ihr Fachgebiet austauschen, Ideen weiterentwickeln und Probleme besprechen. Nur so können sie an Konferenzen und Workshops teilnehmen, bei Grabungen mitarbeiten oder Labore aufsuchen, die ihnen teure technologische Geräte bieten. Der akademische Ruf der USA könnte massiv beschädigt werden, fürchten Wissenschaftler.

Doch der neue US-Präsident plant weitere Maßnahmen, die die Forschung einschränken sollen und vermutlich auch werden. Er sagte schon während des Wahlkampfs, dass er nicht an den von Menschen gemachten Klimawandel glaubt – trotz zahlreicher Daten, die genau das belegen. Alle Informationen dazu sollten von der Website der amerikanischen Umweltschutzbehörde (EPA) gelöscht werden.

Das wurde vorerst nicht umgesetzt, aber die Inhalte der Website sollen durchgesehen werden. Dann wird entschieden, was online bleibt. Neue Veröffentlichungen müssen vorab von Trumps Regierung abgesegnet werden. Die EPA-Mitarbeiter dürfen zudem nicht mehr mit Journalisten sprechen, außerdem sollen Arbeitsplätze wegfallen.

Trump ist aber nicht der erste Politiker, der wissenschaftlich fundierte Tatsachen nicht anerkennt und Forschungseinrichtungen gängelt. Kanada hat politische Veränderungen, wie sie derzeit in den USA geschehen, vor einigen Jahren erlebt. Unter dem Konservativen Stephen Harper, der von 2006 bis 2015 Premierminister war, hat es gravierende Einschnitte gegeben. Besonders für die Forscher, die sich mit Umwelt und Klimawandel beschäftigt haben. In einem Interview mit dem US-amerikanischen Magazin The Atlantic sagte der kanadische Umweltjournalist und Buchautor Chris Turner, dass es unter Harper ebenfalls eine Kommunikationssperre gab – und daraus eine Kultur der Angst entstanden ist. „Wenn man es einmal geschafft hat, dass Reden Probleme bereitet, dann werden Menschen damit beginnen, sich selbst zum Schweigen zu bringen.“ Zudem hatte der kanadische Premier zahlreichen Forschungseinrichtungen, die mit öffentlichen Geld finanziert wurden, das Budget gestrichen. Viele Menschen verloren ihren Job und wollten auch nicht unter den gegebenen Bedingungen arbeiten. So habe die kanadische Forschung, erklärt Turner, sehr gute Leute verloren. Die seien nach Großbritannien und in die USA gegangen. Dieser Verlust wirkt sich nicht nur auf die Qualität der Forschung aus. Chris Turner zufolge werde dadurch langfristig das Vertrauen in öffentliche Institutionen beschädigt. Wie sollen Bürger Wissenschaftlern und ihren Ergebnissen glauben, wenn der eigene Präsident es nicht tut? Und wenn bekannt ist, dass nicht die originalen Daten veröffentlicht werden – sondern womöglich verfälschte Ergebnisse?

Dieser Entwicklung setzen Aktivisten und offenbar auch Mitarbeiter von öffentlichen US-Forschungseinrichtungen eigene Informationen entgegen. Sie haben Twitter-Accounts eingerichtet – mit dem abgewandelten Logo ihrer Behörde. Dazu gehören die EPA, die Raumfahrtbehörde Nasa und die Nationalpark-Aufsicht. Wer genau die Accounts betreibt, ist nicht bekannt. Ebenso wenig, wer den „March for Science“, zu deutsch Marsch für die Wissenschaft, in Washington organisiert. Angelehnt ist die Demonstration an den „Women’s March“, zu dem allein in Washington 500 00 Menschen kamen. Der Wissenschaftsmarsch ist für den 22. April angekündigt, und vermutlich werden Tausende mitdemonstrieren. Bei Twitter folgen mehr als 300 00 Menschen dem Account, bei Facebook ebenfalls. Die Aktivisten setzen sich für „öffentlich geförderte und öffentlich kommunizierte Wissenschaft“ ein. Und fordern Entscheidungsträger dazu auf, „Politik zu machen, die auf Beweisen beruht“. Auch in anderen Städten der USA und weltweit wollen Menschen für die empirische Wissenschaft auf die Straßen gehen. Um denjenigen etwas entgegenzusetzen, die sich auf gefühlte Wahrheiten berufen und Fakten verweigern.

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