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Wahlkampf vor Ort (13) "Mein Leben ist in dieser Tonne"

In den USA grassiert die Armut, immer mehr Menschen verlieren ihren Job und damit meistens ihr Zuhause. In San Diego machen handelsübliche Mülltonnen das Leben der Obdachlosen erträglicher.

15.03.2012 10:16
Mohamed Amjahid
Lebt obdachlos: Kimberley Becker. Foto: M. Amjahid

In den USA grassiert die Armut, immer mehr Menschen verlieren ihren Job und damit meistens ihr Zuhause. In San Diego machen handelsübliche Mülltonnen das Leben der Obdachlosen erträglicher.

Kimberley Becker hat ihre Wimpern blau nachgezogen, das ist vielleicht das einzige, was sie auffallen lässt: „Auf der Straße würde mich niemals jemand als Obdachlose bezeichnen“, im Gegenteil erzählt Kimberley, „viele fragen mich sogar nach einem Dollar.“ In solchen Situationen klopft sie auf die Schulter der „Schwester“ oder des „Bruders“, wie sich die Obdachlosen in San Diego nennen, und teilt das Leid.

Kimberley ist 44 Jahre alt und hatte es bis jetzt nicht leicht: Drogen, Alkohol, eine chronische Krankheit, die sie eigentlich an einen Rollstuhl fesseln sollte: „Aber irgendwie ist es nicht passiert und hier stehe ich“, dennoch zu den ganzen Problemen der mehrfachen Großmutter kommt noch die Obdachlosigkeit. „Du lebst von Paycheck zu Paycheck und dann kannst Du Dir die Miete nicht mehr leisten“, Kimberley zieht ihre braune Tonne aus einer Reihe heraus.

„Diese Tonnen machen uns wieder zu Menschen“

Wir sind in einem Lager, unweit vom Quartier der obdachlosen Frauen in der Innenstadt von San Diego. Hier haben sie sich einen Block reserviert, in den anderen finden sich meistens Männer schlafend auf dem Boden: „Wir haben hier das Frauenhaus, wo wir uns zurückziehen können und etwas zu essen bekommen“, sagt Kimberley.

Aber wichtiger ist das Lager mit den Tonnen. Jeder obdachlose Mensch kann hier seine Habseligkeiten aufbewahren: „Ich wüsste nicht wie ich arbeiten gehen könnte, wie ich mir eine Unterkunft suchen könnte, ohne dieses Lager hier.“

In den USA waren mindestens 3,5 Millionen Menschen für schon ein Mal obdachlos. Seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008 ist vor allem die Zahl der Absteiger aus der Mittelschicht rapide angewachsen. Rund 750.000 Menschen leben in den USA permanent auf der Straße: „Und die haben alle keine Tonne“, erklärt Kimberley.

Sie ist stolz und erleichtert, dass sie ihre Sachen nicht mehr mit sich herumschleppen muss: „Du wirst nicht mehr stigmatisiert, und auch wenn Du keine Bleibe hast, kannst Du Dir ein Zubrot verdienen“, denn wer mit Einkaufswagen durch die Stadt schreitet, hat keine Chance, auch nicht auf einen Gelegenheitsjob: „Diese Tonnen haben uns wieder zu Menschen gemacht, mein ganzes Leben ist da drin.“

Jura-Absolventin ohne Job auf der Straße

Nur ein paar Schritte von den Tonnen entfernt hört Porsha Kirs Hip-Hop-Musik aus einem kleinen grünen Radio. Die 30-jährige Afroamerikanerin hat einen Bachelor in Jura: „Aber nicht den passenden Job dazu.“ Sie lacht und twittert noch kurz zu Ende: „Sie wollen uns alles wegnehmen, sie wollen uns sogar unsere Tonnen wegnehmen“, beschwert sich Porsha, „die Reichen werden reicher und die Armen ärmer.“

Obama, das ist für Porsha ein rotes Tuch: „Ich habe ihn gewählt und er hat mich betrogen.“ Denn Obama hätte alles gekürzt was ging: Sozialleistungen, Obdachlosenprojekte, Minijob-Programme, Kindergelder und nicht zuletzt spezielle Angebote für Frauen: „Er hat die staatlich subventionierte Pille abgeschafft, so dass wir noch mehr obdachlose Babys gebären.“

Kimberley findet Obama aber ganz ok: „Ich glaube noch an ihn, vor allem als er die Kongressabgeordneten zu Weihnachten angemahnt hat, dass sie nicht in ihre Ferien gehen können, bevor sie den Haushalt verabschieden: das hat mich überzeugt.“ Porsha ist aber nicht zu überzeugen. Bei der Nachfrage, was die Alternative zu Obama sei, regiert Stille.

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