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Wahlkampf vor Ort (11) Wake Up, America!

Die Geschichte von Ryan Ray könnte ein Produkt aus der Traumfabrik sein. Er ließ sich von Geldgier treiben, fand heraus, dass es im Leben auf andere Dinge ankommt und versuchte, seinen Mitmenschen zu helfen: Eine American-Dream-Story. 

14.03.2012 11:36
Mohamed Amjahid
Screenshot der ersten Sendung von Ryan Ray's Wake Up TV Foto: M.Amjahid

Betty Porto ist eine geerdete Dame, sie hat sich schnell an das Scheinwerferlicht gewöhnt. Die Kamera scheint sie verdrängt zu haben. Sie ist Gast in einer typisch amerikanischen Talkshow und konzentriert sich voll und ganz darauf ihre Geschichte zu erzählen: „Wir sind aus Kuba geflohen, wir hatten Angst, nichts zu essen und sie wollten uns dazu noch einsperren.“ In den späten 1970er Jahren wagten die Portos also die Überfahrt in das gelobte Land.  

In Los Angeles angekommen, machte die Familie aus dem Talent der Mutter ein Business. In der Heimat war sie Meisterkonditorin von Beruf, den sie heimlich ausüben musste, da es ja keine Privatwirtschaft in Kuba gibt: „Die Menschen haben ihre Zutaten in unser Haus gebracht, und meine Mutter hat ihr Bestes getan, etwas daraus zu machen.“ In Los Angeles hat Mama Porto einfach weiter gemacht: sieben Tage die Woche bis spät in die Nacht Kuchen backen.

Als sich die Familie mit einer Bäckerei selbstständig machen wollte und die Banken einen Kredit ablehnten, sprang der Freundeskreis ein. Heute, mehr als 30 Jahre nach der Flucht, beschäftigen die Portos rund 500 Mitarbeiter: „Unsere drei Filialen sind zu Treffpunkten nicht nur für Kubaner geworden.“ Und man erzählt sogar in Miami von „Porto’s Bakeries“ in LA. 

TV-Studio im Wohnzimmer

Der Moderator lauscht Betty, nickt und bekundet vor jeder kleinen Geschichte über die „Success Story“ der Portos seine Bewunderung. Doch er könnte seine eigene Geschichte erzählen. Ryan Ray, der Optimist, steckte in Wake Up TV all sein Herzblut, Jahre seines Lebens und sein ganzes Geld, so dass Menschen wie Betty anderen Mut machen können: „Mit dieser Show wollte ich meine Mitmenschen aufwecken.“ Ryan brauchte aber selbst eine Weile, bis er aus seinen Tagträumen – nur eine Metrostation von Hollywood entfernt – aufwachte.

„Als ich ein kleiner Junge war, da wollte ich Millionär werden“, beginnt er seinen persönlichen Blockbuster. Er legt eine DVD ein, im Hintergrund läuft die Sendung mit Betty. „Ich wollte einfach nur Geld, weil wir in den USA lernen, dass Geld Freude bringt“, sagt Ray. Deswegen hat er sich gleich zu Beginn seiner Kariere einen gut bezahlten Job bei einem großen Lebensmittelkonzern besorgt: „Langweilig, aber sehr gut bezahlt, das Geld und die Aussicht auf mehr hielten mich dort.“

Der Tag, der alles veränderte, könnte tatsächlich aus der Feder der Traumfabrik stammen: Ryan hat einen schweren Unfall, die Versicherung übernimmt nicht alle Kosten, er kann sich nur unter Schmerzen von seinen Verletzungen erholen und hat viel Zeit nachzudenken: „Alles, was ich besaß, hat mir 5000 Dollar eingebracht, dann habe ich meine Koffer gepackt.“ Nach zwei Jahren auf fast allen Kontinenten kehrt Ryan als ein anderer Mensch nach Los Angeles zurück, er möchte die Welt verändern und richtet sich ein Studio in seinem Wohnzimmer ein.

Wake Up TV geht zum ersten Mal auf Sendung, per Webcam. Hier können Menschen aus Los Angeles ihre Geschichten erzählen, sie können hier ihre Aufrufe starten und zeigen, dass es um mehr geht als Geld vermehren. Dass man seine Leidenschaft zum Beruf machen kann.

„Ich habe meinen Traum sterben lassen“ 

Schnell wird die Wohnzimmertapete mit einem Logo versehen. Die ersten Episoden werden zu einer Gelegenheit für viele Menschen in Los Angeles, ihre Geschichten zu erzählen. Die Gästelisten füllen sich schnell und die Telefonleitungen sind andauernd besetzt, so dass es dafür reicht, im lokalen Fernsehen ein Sendefenster zu bekommen. Das neue Studio, die neue 30 Männer und Frauen starke Crew, Ryans pausenloses Engagement machen Wake Up TV zu einer kleinen Instanz im materialistischen Los Angeles.

„Unsere Sendung lief dann bei Transit TV, das sind die kleinen Bildschirme in Bussen und Bahnen, so haben wir täglich über 1,2 Millionen Menschen erreicht“, deswegen ist sich Ryan sicher, dass er wenigstens einige überzeugen konnte, das zu tun, was sie tun wollen: „Die größte Inspiration sind Briefe und Mails von Zuschauern gewesen, die schreiben, dass ihnen unsere Sendung ein Impuls gegeben hat, etwas zu ändern.“

Das Konzept war vielleicht nicht neu, aber es kam gut an: „Ich wollte mehr, ich wollte, dass mein Projekt mehr Leuten zugute kommt.“ Nun ging es wieder um das gute, alte Geld, wenn das Casting klappt, dann wird das alles ein großes Ding. Deswegen tanzt Ryan vor einigen Fernsehproduzenten vor, nervös wie nie zuvor präsentiert er sein Konzept. Und scheitert: „Sie wollten, dass ich ein Reality-Format draus mache, da habe ich meinen Traum sterben lassen.“

„Ich arbeite als Kellner, ich mag meinen Job, aber ich habe das Gefühl, dass ich versagt habe“, erzählt Ryan und versucht seine Tränen zurückzuhalten, „aber irgendwie bin ich dennoch glücklich.“

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