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US-Wahlkampf vor Ort (6) Es existiert, das alternative Amerika

Im Land des grenzenlosen Konsums gibt es sie doch: Menschen, die versuchen, im Einklang mit der Umwelt zu leben. Wie das aussehen kann, zeigt ein Besuch bei Liz Wood und Dan Broockmann in Idaho, dem Bundesstaat, der ganz im Zeichen der Kartoffel steht.

08.03.2012 10:28
Mohamed Amjahid
Liz Wood in ihrem Garten in Boise: "Zum Glück müssen wir nur selten zum Supermarkt". Foto: Mohamed Amjahid

Idaho, das ist der Bundesstaat, in dem jeder Tag ein langes Wochenende ist. Hier wachsen die größten Kartoffeln der USA, und damit das auch alle mitbekommen, zeigen jede zweite Postkarte und jedes KFZ-Kennzeichen aus Idaho wahlweise eine riesige Kartoffel oder die Aufschrift „Potato State“.

Die Bundesregierung in Washington DC besitzt mehr als 98 Prozent der Landfläche in diesem dünn besiedelten Bundesstaat. Ein Großteil des „Federal Land“ dient dazu, so große Kartoffeln anzubauen, dass hoffentlich alle US-Amerikaner satt werden, falls ein Krieg ausbricht oder ähnliches. Dank des in dieser Sache demokratisch-republikanischen Konsenses, dank der Gentechnik, günstiger Feldarbeiter und Chemiekeulen á la Monsanto funktioniert die industrielle Produktion von Gen-, Fast- und Junkfood wie vom Fließband.

„Wir machen das einfach nicht mit“

Liz Wood sitzt in ihrem Garten im Norden von Boise, der beschaulichen Landeshauptstadt von Idaho. Die 29-jährige betrachtet ihre Pflanzen, tastet die Temperatur der Erde ab. Es sieht noch nicht wirklich nach Garten aus: „Aber bald ist Frühling und dann sprießt es hier nur so vor sich hin“, sagt die Massagetherapeutin, die zurzeit eine Jobalternative sucht: „Auf jeden Fall etwas mit Pflanzen.“

Jeder Demeter-Bauernhof, jedes alternative Kollektiv wäre neidisch auf diesen Garten: Eine liebevoll angelegte Kräuterspirale, die einer kleinen Pyramide gleicht, ein ausgeklügeltes dreistufiges Kompostiersystem, allerlei Obstbäume, ja selbst Knoblauch wird angebaut. "Wir versuchen an alles zu denken, zum Beispiel dieser große alte Baum dort, wir fällen ihn nicht. Nicht nur weil er wunderbar aussieht, sondern weil er dem Haus im Sommer genug Schatten spendet, so brauchen wir keine Klimaanlage."

Definitiv ist aber das Passivgewächshaus das wichtigste Gartengebäude auf dem Grundstück, vielleicht sogar wichtiger als das Wohnhaus: "Hiervon ernähren wir uns das ganze Jahr über", sagt Liz und zeigt auf einige Brokkoli-Stauden. Das kleine Treibhaus ist natürlich selbst gebaut, aus recyceltem Holz, und funktioniert ohne zusätzliche Energie. Der Unterschied zur Außentemperatur beträgt locker 20 Grad, so dass die Nase fast automatisch zu triefen beginnt. "In den USA haben wir die Nahrungsmittelproduktion aufs Perverseste optimiert", erklärt sie, "da wollen wir nicht mitmachen." Deswegen wird in dieser Wohngemeinschaft Subsistenzlandwirtschaft betrieben, aus Ideologie und Pragmatismus zugleich.

No-Go-Area: Supermarkt

Ihr Mitbewohner Dan ist ein sportlicher Mittdreißiger. Er radelt jeden Tag zu seinem Büro, egal bei welchem Wetter. Aus dem Küchenschrank packt er sich noch ein Glas mit eingemachten Tomaten ein. Heute Abend ist er zum vegetarischen Essen bei Freunden eingeladen: „Zum Glück müssen wir äußerst selten zum Supermarkt“. Die Brotmaschine piepst, das selbst gemachte Pestobrot mit garteneigenem Basilikum und Biogetreide ist fertig.

Vor ein paar Jahren, damals in wilden Zeiten, hat Dan noch "containert": „Nicht nur, dass wir zu viel, zu günstig und unter umwelt- und menschenunfreundlichen Bedingungen produzieren, wir werfen auch einen Großteil davon in den Müll.“ Deswegen hat sich Dan eine Zeit lang aus dem „Müll“-Container seines hiesigen Supermarkts bedient: „Einmal habe ich zwei Behälter voller Eiskrem gefunden, die verschiedensten und teuersten Sorten. Es war nichts Falsches daran, außer dass sie im Müllcontainer lagen“, erzählt er stolz und betont, dass wir hier über Container in amerikanischen Dimensionen sprechen.

Heute pflügt er lieber seinen Garten um. „Das Beste ist aber die Badewanne draußen: In einer eisigen Winternacht unter den Sternen liegen, ein heißes Bad nehmen und die Pflanzen riechen“, schwärmt er. Und selbstverständlich fließt das Abwasser in die Bewässerungsrinne für die Bäume.

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