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US-Wahlkampf vor Ort (5) "Hauptsache, Obama ist bald weg!"

Im konservativen Idaho haben die Republikaner ein klares Feindbild: Barack Obama, der "unpatriotischste Präsident in der US-amerikanischen Geschichte", muss gestürzt werden. Mitt Romney soll das für sie in die Hand nehmen. Eine Vor-Ort-Reportage mit Audios.

07.03.2012 07:28
Mohamed Amjahid
Mitt Romney soll sie vor Obama retten: Republikaner in Idaho. Foto: dapd

Auf dem Campus der Boise State University, noch genauer in der Taco-Bell-Arena – gesponsert und benannt nach einer Fastfoodkette – haben sich an diesem Dienstag mindestens 9000 Anhänger der GOP versammelt. GOP das steht für Grand Old Party, so nennen sie hier ihre geliebte republikanische Partei. Im kleinen Idaho sind sie verdammt stolz den größten Caucus der USA zu veranstalten, bei dem die Parteimitglieder ihren Kandidaten für das Weiße Haus bestimmen.

Heute ist kein Dienstag wie jeder andere, heute ist „Super Tuesday“, heute werden im Bundesstaat Idaho und in neun anderen Staaten der USA Delegierte für die Wahl des republikanischen Präsidentschaftskandidaten ernannt. Idaho mittendrin. Der Caucus, also das Wahlverfahren gleicht einem festgeschriebenen Ritual, mit strikten Regeln und einem ambitionierten Zeitplan. Zum ersten Mal werden in Idaho Mitglieder der republikanischen Partei gefragt, wer vielleicht der nächste Präsident der USA sein wird.

„Alles Faschisten!“

Lori Shewmaker ist Mutter zweier Kinder und immer noch verbittert, dass ihr Kandidat, Ron Paul, 2008 gegen John McCain verloren hat: „Sie haben uns damals betrogen, diesmal wird es aber ganz anders“, verspricht sie. Lori wählt nicht republikanisch, sie wählt Ron Paul, weil der ihr versprochen hat, dass er für mehr Basisdemokratie steht. Sie hat das so verstanden, dass sie dann mehr Mitspracherecht bekommt: „Denn so einiges läuft falsch in unserem Land“, sagt die Teilzeitsekretärin.

 Hier in Ada County, im Herzen Idahos, laufen viele Menschen mit einem Ron Paul-Button herum. Manche tragen dazu einen „Hanf für medizinische Zwecke“-Button: Ron Paul ist der liberalste aller republikanischen Kandidaten und hat deswegen keine Chance beim einflussreichen rechten Flügel der Partei.

Das kümmert Lori herzlich wenig. Sie weiß, wie die Chancen für ihren Favoriten stehen: „Seien wir doch mal ehrlich. Mitt Romney wird das Rennen machen, weil er für Goldman Sachs steht und Mormone ist“. Nicht nur in Idaho regieren ihrer Meinung nach nun mal Geld und Glaube.  

„Ich möchte öffentlich beten!“

Für Eunice Bryan steht fest: „Ich werde meine Stimme Rick Santorum geben! Weil er der einzige ist, der sich ohne Abstriche zu unseren amerikanischen Werten bekennt.“ Die 79-jährige Großmutter von einem Dutzend Enkelkindern möchte der jungen Generation am liebsten das Amerika von vor 50 Jahren hinterlassen. Für sie, aber auch für Lori gilt heute dennoch höchste Unparteilichkeit. Als freiwillige Helferinnen weisen sie die Wähler auf ihre Plätze, erklären den Weg zur Toilette oder schieben Rollstuhlfahrende in die Wahlkabinen. Doch Neutralität ist dann doch nicht immer gewährleistet.

 „In dem Block, in dem ich wohne, haben sich meine Nachbarn beschwert, weil ich alle zur Messe und zum Gebet eingeladen habe“, beschwert sich Eunice. Wenn sie über Religion spricht, wirkt sie entschlossen alle zu bekehren: „Ich möchte nicht in einem Land leben, indem ich nicht öffentlich beten darf. Wir sind ein christliches Land und das ist auch gut so.“

Die Republikaner stehen für sie für amerikanische Grundwerte, die die Demokraten mit „Abtreibung, Homoehe, falscher Außenpolitik und Steuererhöhungen“ zerstört haben. Natürlich sei sie als Tochter, Schwester und Ehefrau jeweils evangelikaler Priester für eine schlanke Regierung, für weniger bis gar keine Steuern und für ein Amerika, das das größte und schönste Land der Welt ist und auch bleiben soll. Aber Gott und Jesus, deswegen sei sie in die GOP vor einer halben Ewigkeit eingetreten. 

„Habe mich gerade als Mitglied registriert!“

 

Chad Moore betrachtet die roten Buchstaben auf seinem Handrücken. Denn gerade wurde er offiziell als Republikaner gestempelt. Frisch hält er seine Parteimitgliedskarte in der Hand und kann es kaum erwarten, endlich seinen Favoriten zu wählen: „Ich war schon immer ein moderater Konservativer und habe die Republikaner gewählt, nun war es an der Zeit, auch Mitglied zu werden.“ Und auch deswegen hat sich die Republikanische Parteiführung in Idaho entschieden, die Mitglieder zu befragen, denn damit bekommt ihre so wichtige Basis mehr Zulauf.

Chad wird sich heute ebenfalls für Santorum entscheiden: „Wenn es für ihn aber nicht reicht, unterstütze ich gegen die Demokraten jeden anderen“, sagt Chad, „ich habe mich nie wirklich mit den Demokraten auseinandergesetzt, aber das was in den letzten Jahren passiert, damit bin ich nicht einverstanden.“ Alle kämpfen also für ihren Kandidaten, aber gemeinsam stehen sie in der Taco-Bell-Arena an diesem Abend gegen die verhassten Demokraten und den unpopulären Barack Obama.

„Hauptsache – Obama ist bald weg!“

Diana und Herald Holaway sind alt, stolz und „Idahonians by heart“. Das etwas senile Försterehepaar aus dem Süden des dünn besiedelten Ada County wählt Romney: „Weil er die besten Chancen hat, Obama zu schlagen“, alles andere sei Nebensache. Denn Obama, das ist für die Holaways vor allem der unpatriotischste Präsident in der US-amerikanischen Geschichte. Und das geht nun mal gar nicht.

„Wir sind verfassungstreue Republikaner, für uns ist die Verfassung heilig“, sagt Diana. Ihr Mann interveniert: „Obama ist die Verfassung dagegen egal, wir mögen ihn nicht und er darf diesmal einfach nicht gewinnen.“

Als auf der Bühne trotz aller Verschiedenheiten zwischen den rivalisierenden Anhängern genau dieses Ziel ausgerufen wird: „Obama abwählen!“, tobt die Arena bis zum Geht-nicht-mehr. Eine Pfadfindergruppe, die später die US-Flagge feierlich in die Halle tragen wird, springt kollektiv vor Freude in die Luft, und einige Senioren wischen sich Tränen von ihren Wangen.

Die Urnen stehen bereit!

Um Punkt 19:30 Uhr schließen sich die Tore der Arena. Nur Mitglieder der republikanischen Partei dürfen wählen, die sich rechtzeitig in der Halle einfinden und einen Registrierungsstempel auf dem Handrücken tragen. Es sind doppelt so viele gekommen als erwartet. Dennoch liegen die Organisatoren nur eine halbe Stunde hinter ihrem Zeitplan. Es folgen viele Bibelzitate und Fürbitten, singende Pfadfinder, ein lautstarker Ehrenapplaus für alle anwesenden Veteranen, natürlich die Nationalhymne, eine Wahlwerbeschleife für die verschiedenen Kandidaten und mehrere Besuche bei unzähligen Taco-Bell-Schaltern.

In Reden, Filmvorführungen und Chören kämpfen die rivalisierenden Gruppen gegeneinander: Romney gegen Santorum gegen Paul gegen Gingrich. Letzter hat hier – und das ist fast Konsens – keine Bedeutung. Anders als bei den Präsidentschaftskampagnen zuvor, haben sich alle Kandidaten die Ehre in Idaho und Ada County gegeben - und darauf sind sie hier alle sehr stolz: „Wir sind wichtiger als Iowa, New Hampshire und Nevada.“

 Dann wird gewählt, zuvor haben sich alle für mindestens zehn Dollar eine Wahlmünze besorgt. Die meisten legen aber das Vielfache davon in den republikanischen Klingelbeutel. In den vielen Wahlkabinen stehen jeweils vier Urnen mit den vier Namen der Bewerber. Wer die Hälfte der Münzen plus mindestens eine weitere auf sich vereinen kann, hat gewonnen.

Bei jeder Wahlrunde fliegt der Kandidat mit den wenigsten Stimmen aus dem Rennen, bis der Sieger feststeht. Doch in Idaho steht dieser schon nach einer – zwar sehr langen – Runde fest: Mitt Romney bekommt 51 Prozent und damit alle 32 Delegiertenstimmen aus Idaho. Bevor sie alle endlich an diesem späten Abend hastig Richtung Parkplatz eilen, rufen sie noch ein „Auf in den Kampf!“ in die Halle.

 Auf einer Tour von Vancouver bis in die Hauptstadt von Mexiko sucht unser Autor Mohamed Amjahid in den nächsten Wochen nach den Geschichten, die dem US-Präsidentschaftswahlkampf Gesichter verleihen.

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