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US-Wahlkampf vor Ort (4) Occupy Portland lebt!

Die Occupy Bewegung hat sich in Seattle und Portland etabliert. Nun soll der Protest in Erfolge umgemünzt werden, auch was das Wahlergebnis im November angeht.

06.03.2012 11:31
Mohamed Amjahid
Vorwürfe gegen die Praktiken der Gates-Stiftung werden laut. Foto: Mohamed Amjahid

Nach einem langen Marsch sind die Aktivisten endlich angekommen. Nun stehen sie ihrem ultimativen Feind gegenüber. Dem kollektiven Murren hört man die Wut an. Mütter mit Babys um den Bauch geschnallt, Grundschullehrer in Narrenkostümen, Studierende mit Trommeln, intellektuelle Obdachlose, sie alle haben sich auf den Kampf vorbereitet.

Sie stehen vor dem Gebäude der Bill and Melinda Gates Foundation und skandieren: „Bildung nicht nur für Weiße und Reiche.“ Sie schwingen dem Sprecher des Microsoft Ehepaars ihre Fäuste entgegen. Immerhin wagt er sich, mit zwei weiteren Kollegen den Demonstranten Rede und Antwort zu stehen. Und auch Bill Gates meldet sich zu Wort, allerdings nicht vor Ort, sondern in der New York Times.

Aus der abstrakten Bewegung gegen „die da oben“ haben sich in Seattle viele Interessensgruppen gebildet. Im Universitätsviertel demonstrieren junge Menschen regelmäßig gegen die Macht der Banken, in der Innenstadt geht der linksliberale Mittelstand gegen Kriege und die Rüstungsindustrie auf die Straße und vor der gemeinnützigen Stiftung von Bill und Melinda Gates möchten die Aktivisten die „Privatisierung von Bildung“ verhindern.

Der Protest wird live ins Internet übertragen

Sie werfen dem milliardenschweren Ehepaar vor, mit ihrem Bildungsprogramm öffentliche Schulen zu schwächen. Vor allem ein von der Stiftung initiiertes und finanziertes Evaluierungsprogramm, das die Arbeit von Lehrern bewertet, stößt nicht nur bei der Lehrergewerkschaft auf Widerstand: „Wann war Bill Gates das letzte mal in einer Schulklasse?“, fragt eine Lehrerin lautstark und immer wieder, „nie, der hat doch keine Ahnung!“, antworten die anderen.

Jeder hat mittlerweile das Megaphon nah am Mund gehabt, vielleicht möchte der Sprecher der Gates es deswegen nicht benutzen. Als er dazu gezwungen wird, sieht man ihm sein Zögern an. Geduldig hört er den ersten (an-)klagenden Demonstranten zu, meistens verweigert er aber eine Antwort auf ihre Fragen. Eine junge Mutter küsst regelrecht und leidenschaftlich das Megaphon als sie spricht: „Warum soll Bill Gates entscheiden, was meine Tochter in der Schule lernen oder nicht lernen soll? Nur weil er ein paar Milliarden mehr als ich hat ?“ Spätestens als der Sprecher eine SMS in sein Smartphone eintippt, hat er es sich mit den Demonstranten verscherzt.

Die Bewegung hat sich in Seattle professionalisiert. Der Protest wird live ins Internet übertragen, Autos dürfen den Protestmarsch nicht überholen, Busse schon und die Aktivisten suchen aktiv den Dialog mit ihren Gegnern. Zwar klappt das respektvolle Miteinander auf beiden Seiten nicht ganz, dennoch müssen sich „gut“ und „böse“ mit Themen auseinandersetzen, die vorher nicht hinterfragt wurden. Für heute ist der Disput aber zu Ende, als dem Sprecher das Wort „Business“ in Zusammenhang mit Bildung rausrutscht und der Protest lauter wird, ergreift er mit seinen Kollegen die Flucht.

Besetzt Portland! Und das Weiße Haus!

Auch Portland, der wohl politisch grünste Ort in den USA, ist besetzt. Auch wenn die Zelte in den Parks der Stadt abgerissen wurden „Occupy Portland lebt!“, sagt Mario. Er sitzt heute am Infopoint und begrüßt Neuankömmlinge. In der St. Francis of Assisi Kirche im Ostteil Portlands haben die Aktivisten ein Obdach gefunden.

Leider kommen seit einigen Wochen nicht mehr so viele Menschen, aber Occupy Portland ist sowieso groß. Die Aktivisten schätzen, dass sie mindestens 10.000 sind. Zumindest waren es bei der größten Demonstration so viele. Meistens sind es junge arbeitslose Akademiker, die sich nicht einen Platz im „System“ erkämpfen konnten und hier einen Platz gefunden haben mit dieser Situation konstruktiv umzugehen: „Stürzt das System“, steht auf einem Poster.

Mario ist obdachlos, hat laut eigenen Angaben seinen Job aufgegeben, um zum Vollzeitaktivist zu werden: „Die Bullen haben mich gestern schon wieder festgenommen“, Mario beteuert, dass er nichts anderes getan hat als auf der Straße zu sein. Die anderen Anwesenden, es sind an diesem Abend vier weitere Aktivisten, erzählen ähnliche Geschichten.

Kerry, eine der vielen Sprecherinnen in Portland, erklärt, dass es nun darum geht, aus der abstrakten Idee, eine konkrete Bewegung mit konkreten Zielen und Projekten zu machen: „Wir sind erst fünf Monate alt, wir brauchen noch mindestens fünf Jahre“, sagt die 30-jährige Arbeitslose, die vorher in Lateinamerika in der Entwicklungshilfe gearbeitet hat. Aber schon jetzt haben sich viele Flügel und Strömungen gebildet: „Da sind die Ultras, die Realisten, die Demokraten und die Marginalisierten, die sich endlich Gehör verschaffen wollen“, zählt Kerry einige Gruppen auf.

Portland hat sich zu einem Zentrum der Bewegung entwickelt und macht dem großen New York wahre Konkurrenz: „Wir haben erst vor ein paar Tagen ein Meeting mit Occupys aus der ganzen Welt organisiert“, sagt Kerry, „wir werden auch im Wahlkampf auf uns aufmerksam machen“, verspricht sie. Der liberale pazifische Nordwesten der USA wappnet sich für die große Schlacht ums Weiße Haus.

Demnächst kommen alle republikanischen Kandidaten nach Portland zu einem TV-Duell, dann wollen sie die Aktivisten im Clownskostüm begrüßen: „Die sind nämlich nur zum Lachen, bis einem die Tränen kommen“, seufzt Kerry. Geplant ist auch die Durchsetzung eines leeren Feldes auf den offiziellen Wahlzetteln, auf denen dann die Wähler – neben Obama und seinem Herausforderer – „no one“ notieren und somit zeigen können, was Kerry wie folgt zusammenfasst: „niemand repräsentiert uns.“

Auf einer Tour von Vancouver bis in die Hauptstadt von Mexiko sucht unser Autor Mohamed Amjahid in den nächsten Wochen nach den Geschichten, die dem US-Präsidentschaftswahlkampf Gesichter verleihen.

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