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US-Wahlkampf vor Ort (30) Walmart lässt in Mexiko Kinder arbeiten

Walmart ist der größte Einzelhandelskonzern der Welt. Die Filialen in Mexiko sind so wie im Heimatland USA: gigantisch, voll gepackt, billig. Auch weil sie Kinder beschäftigen: ganz legal, ohne Einsicht.

10.04.2012 20:10
Mohamed Amjahid
Tiefstpreise, jeden Tag, in jedem Einkaufswagen: das Erfolgsmodell aus den USA. Foto: Mohamed Amjahid

Walmart ist der größte Einzelhandelskonzern der Welt. Die Filialen in Mexiko sind so wie im Heimatland USA: gigantisch, voll gepackt, billig. Auch weil sie Kinder beschäftigen: ganz legal, ohne Einsicht.

Die Familie White kauft heute im Walmart ein, so wie Zuhause in den USA: „Wir wollen im Urlaub auf nichts verzichten“, sagt Frau White. In der Walmart-Filiale in Cancún auf der Halbinsel Yucatán kaufen besonders viele amerikanische Touristen Eiskrem, Kleidung, billige mp3-Player und Strandspielzeug: „Im Walmart findet man einfach alles“, erklärt Frau White. Ob sie die Kinder an der Kasse schon gesehen hat? „Nein“, lautet die Antwort, „aber vielleicht ist das hier legal, ich meine Kinderarbeit“, sie schupst ihren Mann mit dem Einkaufswagen in Richtung Chips.

Walmart ist nur ein Beispiel für Globalisierung american way. Walmart ist mittlerweile auch in Mexiko mit Abstand die größte Supermarktkette. Im vergangenen Jahr hat das mexikanische Tochterunternehmen 587 Millionen Dollar Profit an die Mutter in Arkansas überwiesen. Das Geschäft wächst und wächst: im letzten Quartal 2011 um rund 25 Prozent, mit duzenden Neueröffnungen pro Monat. Walmart ist wenn man so will schon seit Jahren international systemrelevant geworden. Die Geschäftszahlen des Shoppinggiganten bewegen Börsen in New York, Tokio und Frankfurt.

Dementsprechend klingeln hier in Cancún die Kassen, fast alle sind geöffnet. Trotzdem müssen sich die vielen Kunden minutenlang gedulden, bis sie ihre Dollar oder Pesos in Ware eintauschen können. An der Kasse Nummer 14 geht es besonders langsam voran. Ein junger Herr kommt angerannt, bremst noch gerade so an seinem Einsatzort und packt die Produkte der Whites in braune Plastiktüten: „Sie haben Recht, die sehen wirklich sehr jung aus“, wundert sich Frau White und zahlt 1.956 Pesos, natürlich per Kreditkarte.

Undercover-Shopping für die Recherche

So, nun möchte ich es aber selbst wissen: Wie alt sind diese Kinder tatsächlich? Unter welchen Bedingungen arbeiten sie hier wirklich? Um die Antworten aus erster Hand zu erfahren, gehe ich einige Male shoppen und stehe bei der ersten Runde mit einem Trinkjogurt an Kasse 14. Anscheinend schon wieder die langsamste von allen. Francisco* musste nämlich einen neuen Stapel Plastiktüten besorgen. Die genervten Kunden scheinen ihn etwas nervös zu machen, oder er tendiert einfach zum transpirieren, so wie die meisten im Pubertätsalter. „Ich arbeite heute sechs Stunden, sonntags geht immer mehr, an Schultagen weniger“, erklärt Francisco. Sein Alter gibt er nach einem langen Ähm mit 14 an. Dann drängt mich die Kassiererin in Zusammenarbeit mit der nächsten Kundin weiter.

Neue Runde, neues Glück. Diesmal habe ich mich von einer Mitarbeiterin zu Wasser mit Apfelgeschmack überreden lassen. Maria, die werbende Verkäuferin, überlegt bei der Frage nach dem Alter ihrer Kollegen lange nach: „Ja, die sind alle über 18 und normal angestellt“, so hätte es das Management bei einer Informationsveranstaltung allen erklärt. Sie schaut in mein fassungsloses Gesicht, dreht sich um und verschwindet zwischen Bierflaschen und Toast.

Diesmal entscheide ich mich für Expresskasse 6, zwar möchte ich keine Tüte für mein Getränk, aber ein paar Antworten vom jungen Herren am Ende des Fließbandes: „Ich bin 18 und habe einen Arbeitsvertrag“, auf meine Nachfrage, dass er aber sehr jung für seine 18 aussehe, kommt ein „Ja“, dann wandert sein Blick zur Kassiererin, die mir einen schönen Abend wünscht.

Mittlerweile ist es nämlich 22 Uhr. Der Walmart hat 7/24 geöffnet. Ich versuche es diesmal mit einem normalen Wasser, das Zucker-Aroma-Zeugs wanderte nach einem Schluck in dankbare Hände eines Obdachlosen. An Kasse 8 packt Angel die Produkte ein, ich möchte auch diesmal keine Tüte: „Ich bin 15 und neu hier und in 20 Minuten endet meine Schicht“. Ich warte auf Angel vor dem Personalausgang, werde aber von ihm und seinen minderjährigen Kollegen enttäuscht: „Wir sollten lieber nicht darüber reden“, dann steigen sie in ein Sammeltaxi.

„Das ist keine Kinderarbeit“

Zumindest ist Walmart dieser Meinung: „Die Kinder werden nicht von uns bezahlt“, lässt der Konzern wissen. Sie verdienen ihre Pesos mit dem Trinkgeld wohlwollender Kunden. Manchmal klappern einige Münzen in ihren Hosentaschen. Manchmal aber nicht, vor allem die amerikanischen Kunden kennen diese mexikanische Supermarktpraxis nicht und geben kein Trinkgeld. Walmart argumentiert also, dass die Kinder „freiwillig“ hier arbeiten und dass auch die mexikanische Supermarktkonkurrenz Kinder (nicht) beschäftigt.

In Mexiko lebt rund die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Kinderarbeit ist hier allgegenwärtig. Walmart nutzt diese Situation aus, auch weil die Gesetze es zulassen: In Mexiko dürfen 14 bis 16-jährige als „Freiwillige“ eingesetzt werden. Mehr als 20.000 davon arbeiten ohne Bezahlung bei Walmart. Trotz eigenem Ehrenkodex, der eigentlich Kinderarbeit verbietet. Diesmal findet das ganze nicht weit weg in asiatischen Produktionsstätten, die Kinderknechtschaft findet Mitten in den Filialen statt.

Diese Praxis ist nicht neu. Schon vor fünf Jahren hat das US-Nachrichtenmagazin Newsweek über die Beschäftigung Minderjähriger in mexikanischen Walmart-Filialen berichtet. Passiert ist nichts. Außer dass anscheinend das Walmart-Logo von der Arbeitskleidung der Kinder verschwunden ist – blaue Schürzen, wie sie auch die volljährigen Kollegen tragen. Getreu dem Hauptargument: Wir haben mit denen nichts zu tun. Und was hat dieses und andere Beispiele für misslungene Globalisierung mit dem US-Wahlkampf zu tun? Nichts! Leider.

* Aus Datenschutzgründen wurden alle Minderjährigen umbenannt.

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